Es läuft etwas schief in der Finanzwelt. Das Problem ist allerdings nicht eine Finanzkrise in einem Schwellenmarkt, die dann auch auf Nachbarländer übergreift. Sogar den anfälligsten Ländern gelang es, die letzten Finanzschocks im Mai und Juni 2006 recht glimpflich zu überstehen. Das Problem ist vielmehr in relativ ruhigen Zeiten zu Tage getreten: die prognostizierten Vorteile der Finanzmarktglobalisierung sind nirgendwo in Sicht.
Die Globalisierung der Finanzmärkte ist ein junges Phänomen. Ihren Anfang nahm diese Entwicklung Anfang der 1970er Jahre, als Recycling-Petrodollars für enorme Kapitalflüsse in die Entwicklungsländer sorgten. Allerdings gingen die meisten Schwellenländer erst um 1990 das Risiko ein, die Kontrollen privater Portefeuilles und Geldflüsse der Banken abzuschaffen. Seither nahmen private Kapitalflüsse explosionsartig zu und stellten so den Handel mit Waren und Dienstleistungen in den Schatten. Die wirkliche Globalisierung der Finanzmärkte gibt es also erst seit ungefähr 15 Jahren.
Die Liberalisierung der Kapitalflüsse folgte einer zwingenden Logik – zumindest schien es so. Die Entwicklungsländer, so argumentierte man, verfügen über eine Fülle von Investitionsmöglichkeiten, aber es mangelt ihnen an Ersparnissen. Kapitalflüsse aus dem Ausland würden es ihnen ermöglichen, auf die Ersparnisse der reichen Länder zurückzugreifen, um so ihre Investitionsraten zu erhöhen und das Wachstum anzuregen. Darüber hinaus würde die Globalisierung der Finanzmärkte es armen Ländern ermöglichen, die Folgen der mit zeitweiligen Terms-of Trade-Schocks einhergehenden Boom-and-Bust-Zyklen auszubügeln und andere schwierige Phasen besser zu verdauen. Schließlich würden verschwenderische Regierungen durch die auf den Finanzmärkten herrschende Ordnung diszipliniert.
Allerdings verlief nicht alles nach Plan. Forschungsergebnisse des IWF und unabhängiger Wissenschaftler dokumentieren eine Reihe von Ungereimtheiten und paradoxen Entwicklungen. So ist es beispielsweise schwierig, Belege dafür zu finden, dass Länder, in denen Kapitalflüsse liberalisiert wurden, seither ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum aufweisen. Vielmehr kam es in vielen Schwellenländern zu einem Rückgang der Investitionsraten. Ebenso wenig wurde durch die Liberalisierung der Kapitalflüsse per Saldo der Konsum stabilisiert.
Am verblüffendsten ist, dass es in den letzten Jahren jenen Ländern am besten erging, die sich am wenigsten auf ausländische Finanzierung verlassen haben. Der Wachstumssuperstar China weist einen enormen Leistungsbilanzüberschuss auf, wodurch das Land zu einem Netto-Kreditgeber für die ganze Welt wurde. Unter den anderen stark wachsenden Ländern verzeichnet Vietnam eine im Wesentlichen ausgeglichene Leistungsbilanz und Indien ein kleines Defizit. Lateinamerika, Argentinien und Brasilien wiesen in jüngster Zeit komfortable Leistungsbilanzüberschüsse auf. Tatsächlich ist deren neu gewonnene Widerstandskraft gegen Schocks auf den Kapitalmärkten in nicht geringem Ausmaß darauf zurückzuführen, dass sie nach Jahren in der Rolle der Nettokreditnehmer nun zu Nettokreditgebern für den Rest der Welt geworden sind.
Um diese Entwicklungen zu verstehen, bedarf es einer anderen Erklärung dafür, warum in den meisten armen Ländern die Investitionen und das Wachstum auf so niedrigem Niveau bleiben. Im Gegensatz zur gängigen Erklärung – aufgrund der die Kapitalflüsse liberalisiert wurden – wonach es den Entwicklungsländern an Ersparnissen mangelt, deutet der Umstand, dass in den meisten erfolgreichen Entwicklungsländern das Kapital eher aus dem Land als in das Land fließt, darauf hin, dass die Defizite woanders liegen. Höchstwahrscheinlich nämlich im Bereich der Investitionen.
Das Hauptproblem scheint der Mangel an Unternehmergeist und die geringe Neigung zu Investitionen in Betriebe und Anlagen zu sein – was Keynes als ungenügende „animal spirits” bezeichnete – um die Produktion jener Güter anzukurbeln, die auf den Weltmärkten verkäuflich sind. Diesem Manko liegen verschiedene institutionelle und marktbedingte Verzerrungen zugrunde, die mit Aktivitäten in den Bereichen Industrie und moderne Fertigung in Niedrigkeinkommensländern in Zusammenhang stehen.
Wenn Länder unter geringer Investitionsnachfrage leiden, ist die Liberalisierung der Kapitalzuflüsse keine gute Idee. Unternehmen in diesen Ländern brauchen nicht unbedingt mehr Geld, sondern die Erwartung höherer Gewinne durch deren Eigentümer. Kapitalzuflüsse verschlechtern die Lage eher, weil dadurch die Landeswährung aufgewertet und die Produktion im Exportbereich weniger profitabel wird, wodurch die Investitionsanreize weiter geschwächt werden.
Die Liberalisierung der Kapitalzuflüsse in den Schwellenländern funktioniert also nach einem Muster, das zu niedrigeren Investitionen in die modernen Sektoren der Wirtschaft und letztlich zu langsamerem Wirtschaftswachstum führt (wenn der mit dem Kapitalzuflüssen einhergehende Konsumboom verebbt). Im Gegensatz dazu gelang es Ländern wie China und Indien, die einen abrupten Anstieg von Kapitalzuflüssen vermieden, ihre höchst wettbewerbsfähigen Währungen zu schützen und dadurch Profitabilität und Investitionen auf hohem Niveau zu halten.
Die Lehre für Länder, die den Sprung in die Globalisierung der Finanzmärkte noch vor sich haben lautet: Vorsicht. Nichts würgt das Wachstum effektiver ab als eine nicht wettbewerbsfähige Währung und nichts führt schneller zu einer Währungsaufwertung als ein rascher Anstieg an Kapitalzuflüssen.
Diejenigen Länder, die diesen Schritt bereits hinter sich haben, stehen vor größeren Schwierigkeiten. Wenn sich Kapital frei bewegen kann, wird das Wechselkursmanagement um einiges schwieriger. Unmöglich wird es allerdings nicht – solange die politisch Verantwortlichen die entscheidende Rolle des Wechselkurses verstehen und die Notwendigkeit einsehen, Kapitalflüsse den Anforderungen der Wettbewerbsfähigkeit unterzuordnen.
Angesichts aller Bemühungen, welche die „Schwellenmärkte“ unternommen haben, um sich vor der Unbeständigkeit der Finanzmärkte zu schützen, haben sie allen Grund eine Frage zu stellen: Wo liegt eigentlich der Vorteil der Liberalisierung der Finanzmärkte? Über diese Frage sollten wir alle nachdenken.


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