Die Einführung des Euro im Jahre 1999 würde, so hieß es, die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Ländern der Währungsunion verringern. Die Arbeitslosigkeit würde sich angleichen, und andere wichtige makroökonomische Variablen wie die Lohnstückkosten, die Produktivität, die Haushaltsdefizite und die Staatsverschuldung ebenso. Letztendlich würden die Vermögensunterschiede, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, abnehmen.
Nach dem ersten Jahrzehnt der gemeinsamen Währung sind jedoch statt rascher Konvergenz wachsende Unterschiede innerhalb des Euroraums die Norm, und man kann davon ausgehen, dass die Spannungen weiter zunehmen.
Die Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten waren schon vor zehn Jahren groß. Der Euro wurde die gemeinsame Währung von so reichen Ländern wie Deutschland und den Niederlanden und erheblich ärmeren Ländern wie Griechenland und Portugal. Zugleich wurde er zur Währung der für ihre Innovativität und Marktflexibilität bekannten Finnen, aber auch der Italiens, dem beides fehlte, was dem Land den Spitznamen „der kranke Mann Europas“ eintrug.
Diese Unterschiede komplizierten die Lage für die neu gegründete Europäische Zentralbank (EZB), die die passenden Zinsen für alle Mitgliedsstaaten festzulegen hatte (die so genannte „Einheitspolitik“), enorm. Und je größer die Unterschiede während des ersten Eurojahrzehnts wurden, desto weniger wurde diese Politik irgendjemandem gerecht.
Wir haben die Wirtschaftsleistung der sich am besten und der sich am schlechtesten entwickelnden Euroländer für die Jahre 1999-2009 verglichen – und zwar, um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen, die Daten der elf Länder, die zur ersten Welle von 1999 gehörten sowie des kurz danach beigetretenen Griechenlands. (Alle Daten stammen von der europäischen Statistikbehörde Eurostat.)
Weil der EZB die alleinige Aufgabe übertragen wurde, innerhalb des Euroraums für Preisstabilität zu sorgen, schienen die Inflationsraten der logischste Ausgangspunkt für einen Vergleich. 1999 betrug der Unterschied zwischen den Euroländern mit der niedrigsten und jenen mit der höchsten Inflationsrate zwei Prozentpunkte. Ende 2009 hatte sich dieser Unterschied nahezu verdreifacht – auf 5,9 Prozentpunkte.
Beim Wirtschaftswachstum gingen wir anders vor. Bei dieser Variablen betrachteten wir das durchschnittliche Jahreswachstum des BIP in den ersten fünf Jahren nach der Einführung der Eurogeldscheine und -münzen 2002. Der Unterschied zwischen Irland und Portugal betrug in der ersten Hälfte des Jahrzehnts 4,8 Prozentpunkte. Bis 2009 war er auf sechs Prozentpunkte angestiegen. Mehr noch: Die Differenz bei der Produktivität stieg von 25 Indexpunkten 1999 auf 66,2 Indexpunkte im Jahre 2008, der Unterschied bei den Lohnstückkosten von 5,4 auf 31,8 Prozentpunkte und der bei der Arbeitslosenquote von 10,1 auf 15,4 Prozentpunkte.
Auch eine Konvergenz in Bezug auf Haushaltsdefizite und Staatsverschuldung konnten wir nicht feststellen. Im Jahre 1999 wies Finnland mit 45,5% vom BIP die geringste Staatsverschuldung auf. Die Differenz gegenüber dem höchstverschuldeten Staat des Euroraums, Italien, betrug 68,2 Prozentpunkte. Trotz der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise in beinahe einem Jahrhundert hat sich die finnische Staatsschuld bis 2009 tatsächlich verringert – auf 39,7%.
Italien seinerseits schaffte es nicht, die erheblichen, aus dem von der Euroeinführung verursachten steilen Rückgang der langfristigen Zinsen resultierenden Minderausgaben und die aus einem Jahrzehnt starken wirtschaftlichen Wachstums resultierenden Mehreinnahmen zu nutzen, um seine Schuldensituation zu verbessern. Die italienische Schuldenposition änderte sich kaum und blieb deutlich über 100% vom BIP. Infolgedessen nahm der Unterschied zwischen den Schuldenpositionen Finnlands und Italiens, dem umsichtigsten und dem verschwenderischsten Mitglied des Euroraums, im Jahre 2009 auf 73,3 Prozentpunkte zu. (Bei den Haushaltsdefiziten sieht es noch schlechter aus.)
Diese zunehmenden Unterschiede könnten schwerwiegende Auswirkungen nach sich ziehen. Zunehmende Spannungen zwischen den Euroländern in der Wirtschaftspolitik sind in den kommenden Jahren wahrscheinlich, und ebenso wachsende Risse innerhalb des EZB-Rats. Möglicherweise erhalten wir in diesem und im nächsten Jahr, wenn die europäischen Führer einen neuen EZB-Präsidenten bzw. -Vizepräsidenten wählen müssen, einen Vorgeschmack auf das, was uns erwartet. Wie immer werden diese Positionen heiß umkämpft sein, doch da mehr auf dem Spiel steht denn je, könnte der Kampf um sie deutlich erbitterter ausfallen als sonst.
Die Spannungen bei der EZB und zwischen den Euroländern lassen für die Stabilität der gemeinsamen Währung nichts Gutes erwarten – sowohl nach außen, gegenüber anderen Währungen, und nach innen, was die Inflation angeht. Den Sündenbock hierfür wird die EZB abgeben. Hält sie die Zinsen zu lange zu niedrig, werden Länder wie Deutschland und die Niederlande protestieren. Hebt sie den Zinssatz an, werden sich die südlichen Länder beschweren. In jedem Fall wird die bereits jetzt fragile Unterstützung für den Euro weiter erodieren, was die gemeinsame Währung schwächt und sogar noch größere Spannungen anheizt.
1990 gewann der italienische Sänger Toto Cutugno den jährlichen Liederwettbewerb der Eurovision mit seinem leidenschaftlichen Appell an die Europäer, sich zu vereinen. „Unite, unite Europe“ lautete der Refrain seines erfolgreichen Songs „Together: 1992“. Heute, fast 20 Jahre später, sieht es mit jedem weiteren Tag mehr so aus, als wäre „The Final Countdown“, der Hit der schwedischen Band Europe, für den Euroraum passender.


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