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Der Euro und das europäische Preisgefüge

Von der physischen Einführung des Euro erhofft man sich unter anderem eine gesteigerte Transparenz bei den Einzelhandelspreisen innerhalb der Länder der EWU und einen damit verbundenen erhöhten Druck zur Preisangleichung. Für letzteres gibt es ein einfaches Argument: Warum sollten vergleichbare Autos oder Brotsorten auf der einen Seite der Grenze mehr kosten als auf der anderen, wenn es keine nationalen Währungen mehr gibt und die Preisauszeichnung einheitlich in Euro erfolgt? Der Verlockung zu kaufen, wo die Preise niedrig sind und dort zu verkaufen oder zumindest nicht zu kaufen, wo sie hoch sind, wird kaum zu widerstehen sein.

Dieses Argument ist allerdings naiv, denn man muss nicht unbedingt ein Genie sein, um einen Preisvergleich für ein Auto zwischen Deutschland und Frankreich anzustellen. Alle, die einen Auslandsurlaub planen, stellen solche Vergleiche an, also warum nimmt man an, dass dies nicht auch für andere Produkte und Dienstleistungen geschieht? Die Menschen sind nicht so dumm oder faul, wie Politiker und Bürokraten glauben. Die interessantere Frage lautet vielmehr: Inwieweit sind Preisunterschiede auf bloße Ignoranz und Trägheit zurückzuführen und in welchem Ausmaß gehen sie auf Faktoren zurück, die mit der Einführung des Euro wahrscheinlich nicht zu ändern sind?

Wenden wir uns zunächst den Einzelhandelspreisen zu. Die Schweizer Bankengruppe UBS ermittelt die Preise für einen Standard-Warenkorb mit 111 Produkten und Dienstleistungen in verschiedenen Städten auf der ganzen Welt. Die Ergebnisse der europäischen Städte sind in der nachstehenden Tabelle zusammengefasst, wobei Deutschland als Bezugswert dient. Aus dieser Tabelle ist ersichtlich, dass es enorme Preisunterschiede gibt. Könnten die Finnen ihre Einkäufe in Spanien erledigen, wäre ihre Kaufkraft um 50 % höher! Käme es also zu einer Preisangleichung, könnten Bürger in reichen Ländern aus dem Vollen schöpfen, während Bürger ärmerer Länder tief in die Tasche greifen müssten. Das wird jedoch nicht geschehen. Die Preisunterschiede werden im Großen und Ganzen bleiben wie sie sind - Euro hin oder her.

Die UBS-Studie zeigt, dass die Preise in Frankfurt um 8 % über denen in Berlin liegen. Das Preisniveau in Houston, Texas (um den Preisvergleich mit einem vergleichbaren Währungsraum, den USA, herzustellen) ist um 26 % niedriger als in New York und ein wenig niedriger als in Los Angeles. Beide Unterschiede fallen ins Gewicht, denn sie zeigen, dass es nicht automatisch zu einer Preisangleichung kommt, nur weil es eine einheitliche Währung gibt.

Was steckt nun also wirklich hinter diesen Preisunterschieden innerhalb eines Landes und zwischen verschiedenen Ländern? Folgende Faktoren sind entscheidend:

Wettbewerbsbehindernde Gesetze. Prinzipiell gibt es den freien Handel natürlich, aber an den zwischenstaatlichen oder an den Grenzen innerhalb eines Landes stößt er oftmals auf Hindernisse. In Amerika ist es beispielsweise verboten, Wein aus Kalifornien privat nach Massachusetts zu liefern, da es den Großhändlern aus Massachusetts gelungen ist, ein Bundesgesetz durchzubringen, das ihnen ihre exorbitanten Gewinnmargen sichert. Per Internet wäre diese Konstellation leicht für Arbitragegeschäfte auszunutzen. Die Lieferanten werden durch Handelsorganisationen und Hersteller gestoppt, die den Gesetzgeber und/oder die Bürokraten davon überzeugen, dass ihre Monopolgewinne zu schützen wären. In Europa gibt es wettbewerbsbehindernde Gesetze im Übermaß. Wenn es der EU mit der Schaffung eines Binnenmarktes Ernst ist, liegt noch viel Arbeit vor ihr.

Unterschiede im Wettbewerb und der Größenordnung. Je kleiner der Markt, desto weniger Händler werden benötigt, um ihn für sie gewinnbringend zu versorgen. Je kleiner allerdings die Zahl der Händler, desto eingeschränkter auch der Wettbewerb. Daher werden die Margen größer und die Preise höher. Vielfach wird der Wettbewerb durch Vorschriften behindert, die den Markt zersplittern, aber in manchen Fällen wäre es einfach sinnlos, Preisunterschiede auszunutzen, wenn man beispielsweise jeden Morgen seine Croissants in Belgien kaufen wollte.

Einzelhandelspreise. Der springende Punkt in dieser Hinsicht ist, dass der Einzelhandelspreis nicht nur der Warenpreis an sich ist, sondern auch die Vertriebskosten enthält, wie Löhne für das Verkaufspersonal, die Miete, Werbungskosten, Gewinnmargen, etc. Diese Vertriebskosten variieren von Land zu Land sehr stark, wie man auch an den Werten der Tabelle ablesen kann. Wenn es darum geht, hinter dem Ladentisch zu stehen und Strümpfe zu verkaufen, gibt es keine großen Produktivitätsunterschiede zwischen Finnland und Portugal. Es gibt aber beträchtliche Unterschiede im Lohnniveau und daher erwarten wir in ärmeren Städten und Ländern auch niedrigere Preise als in reicheren. Der Vergleich zwischen New York und Houston gibt diesen Unterschied ebenso wieder, wie der zwischen Frankreich und Griechenland.

Vertiebskosten. Dasselbe gilt nicht nur für Löhne, sondern auch für andere Vertriebskosten. Im Prinzip stellt die gesamte Eurozone einen einheitlichen Markt dar, aber so funktioniert es in der Praxis eben nicht. In Amerika gibt es eine Redensart, die lautet ``all politics are local''. Das Gleiche gilt auch für Preise. Eine Studie der Kennedy School of Government in Harvard über die Kosten für das Trimmen eines Pudels im Großraum Boston zeigte, dass es Preisunterschiede bis über 100 % gab. Kommt das überraschend? Natürlich nicht, denn ebenso wie für einen Haarschnitt, zahlt man für die Haustierpflege in wohlhabenderen Vierteln Bostons eben mehr als in ärmeren Vierteln.

Was ist das Fazit? Die Preisunterschiede werden bleiben. Auch der Euro wird nicht viel daran ändern. Mit der Zeit werden diese Unterschiede kleiner, aber das ist keine Auswirkung des Euro. Diese Preisangleichung wird ihren Ursprung in Brüssel haben, in der stärkeren Verbreitung des Internet-Handels und dem Aufkommen EU-weiter Vertriebssysteme. Am Ende jedoch wird die Preisgestaltung in Europa mit der in den USA vergleichbar sein, wo es hundert Jahre nach Einführung des Freihandels und einer gemeinsamen Währung noch immer große Preisunterschiede gibt..

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