Sunday, October 26, 2014
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Sollen wir tausend Jahre alt werden?

PRINCETON – Welchen Problemen sollte sich die medizinische und biologische Forschung widmen? Gute Argumente gibt es für die Untersuchung der tödlichsten Krankheiten wie Malaria, Masern und Durchfall, denen in Entwicklungsländern Millionen zum Opfer fallen, aber in den Industrieländern nur wenige.

Industrieländer dagegen widmen den Hauptteil ihrer Forschungsgelder den Krankheiten, unter denen ihre eigene Bevölkerung leidet, und dies dürfte sich in absehbarer Zukunft nicht ändern. Welcher medizinische Durchbruch würde unter Berücksichtigung dieser Einschränkung am meisten dazu beitragen, unser Leben zu verbessern?

Wenn Ihr erster Gedanke “ein Mittel gegen Krebs” oder “ein Mittel gegen Herzkrankheit” ist, denken sie noch einmal nach! Aubrey de Grey, leitender Wissenschaftler der SENS-Stiftung und der weltweit prominenteste Verfechter der Forschung gegen das Altern, argumentiert, es mache keinen Sinn, die überwiegende Mehrheit unserer medizinischen Ressourcen für den Kampf gegen Alterskrankheiten auszugeben, ohne das Altern selbst zu bekämpfen. Wenn wir bei jemandem eine dieser Krankheiten heilen, der sonst daran gestorben wäre, kann derjenige davon ausgehen, in ein paar Jahren einer anderen Krankheit zum Opfer zu fallen. Der Nutzen ist daher sehr begrenzt.

In den entwickelten Ländern sterben 90% aller Menschen am Alter, also wäre die Behandlung des Alterns selbst eine vorbeugende Medizin für alle Alterskrankheiten. Darüber hinaus vermindert das Altern, noch bevor es uns umbringt, unsere Fähigkeit, unser Leben zu genießen und positiv zum Leben anderer beizutragen. Wäre es also, anstatt bestimmte Krankheiten zu behandeln, die mit viel größerer Wahrscheinlichkeit eintreten, wenn Menschen ein bestimmtes Alter erreichen, nicht eine bessere Strategie, zu versuchen, dem Schaden, den unsere Körper durch den Alterungsprozess erleiden, zuvorzukommen oder ihn zu reparieren?

De Grey glaubt, im nächsten Jahrzehnt könne bereits der geringfügigste Fortschritt in diesem Bereich zu einer dramatischen Verlängerung der menschlichen Lebensspanne führen. Alles, was wir erreichen müssten, sei das, was er “Langlebigkeits-Fluchtgeschwindigkeit” nennt – den Punkt, an dem wir das Leben genug verlängern können, um Zeit für weiteren wissenschaftlichen Fortschritt und damit weitere lebensverlängernde Maßnahmen zu haben, und damit weiteren Fortschritt und weitere Lebensdauer zu erhalten. In einer kürzlichen Rede an der Princeton University sagte de Grey: “Wir wissen nicht, wie alt der erste Mensch, der 150 Jahre alt werden wird, heute ist, aber der erste, der tausend Jahre alt wird, ist wahrscheinlich weniger als zwanzig Jahre jünger.”

Was de Grey am meisten an dieser Aussicht fasziniert, ist nicht das ewige Leben, sondern die Vision, eine gewisse Kontrolle über den Alterungsprozess könne zu einer Verlängerung der Spanne gesunden, jugendlichen Lebens führen. Sollte es in den Industrieländern gelingen, die jungen oder mittelalten Menschen länger jung zu halten, könnte dies das drohende demografische Problem eines nie dagewesenen gesellschaftlichen Anteils von Alten, die oft von Jüngeren abhängig sind, abmildern.

Andererseits müssen wir uns immer noch die ethische Frage stellen: Ist unser Wunsch, unser Leben so dramatisch zu verlängern, egoistisch? Und wird das Ergebnis im Erfolgsfall für manche gut sein und für andere unfair?

Die Menschen in reichen Ländern haben bereits heute eine etwa dreißig Jahre höhere Lebenserwartung als diejenigen in den ärmsten Ländern. Wenn wir herausfinden, wie der Alterungsprozess verlangsamt werden kann, könnte dies zu einer Welt führen, in der die arme Mehrheit bereits dann dem Tode geweiht ist, wenn die reichen zehn Prozent erst ein Zehntel ihrer zu erwartenden Lebensspanne hinter sich haben.

Diese Ungleichheit ist ein Grund für die Annahme, die Überwindung des Alterns könnte die Ungerechtigkeit in der Welt vergrößern. Ein weiterer ist, dass, während Menschen nicht sterben, weiterhin andere Menschen geboren würden, und dass so die weltweite Bevölkerung noch schneller wachsen würde als heute. Auch dadurch würde das Leben einiger Menschen deutlich beeinträchtigt.

Ob wir diese Einwände widerlegen können, hängt vom Ausmaß unseres Optimismus ab, mit dem wir die technologischen und wirtschaftlichen Fortschritte der Zukunft einschätzen. De Greys Antwort gegenüber dem ersten Einwand ist, die Behandlung gegen das Altern sei vielleicht zunächst teuer, ihr Preis würde aber wahrscheinlich sinken, wie dies bei so vielen anderen Innovationen der Fall war, von Computern bis hin zu den Medikamenten gegen AIDS. Sollte sich die Welt weiterhin wirtschaftlich und technologisch entwickeln, werden die Menschen wohlhabender, und langfristig könnte die Behandlung gegen das Altern allen zugute kommen. Also warum nicht jetzt damit beginnen und sie zur Priorität machen?

Im Gegensatz zur Ansicht der meisten Menschen könnte gegen den zweiten Einwand erwidert werden, der Sieg über das Altern selbst könnte uns eine Atempause geben, um Lösungen für das Bevölkerungsproblem zu finden, da auch die Menopause verschoben oder verhindert würde, und Frauen dadurch ihre ersten Kinder viel später bekommen könnten als heute. Wenn die wirtschaftliche Entwicklung weiter geht, würden die Geburtenraten in den Entwicklungsländern fallen, wie auch schon in den Industriestaaten. Letztlich könnte der Bevölkerungseinwand auch durch Technologie überwunden werden, die neue Energiequellen ohne Kohlendioxidausstoß erschließt.

Der Einwand der höheren Bevölkerung wirft eine tiefere, philosophische Frage auf. Wenn die Kapazität unseres Planeten zur Beherbergung menschlichen Lebens endlich ist, wäre es dann besser, wenigen Menschen ein längeres Leben zu ermöglichen oder mehr Menschen ein kürzeres? Ein Grund dafür, weniger Menschen länger leben zu lassen, könnte sein, dass nur diejenigen, die geboren wurden, wissen, was der Preis des Todes ist. Die, die nicht existieren, könnten nicht wissen, was ihnen entgeht.

Zur Förderung der Forschung gegen das Altern hat de Grey die SENS-Stiftung gegründet. Seine Anstrengungen zur Geldbeschaffung waren nach normalen Maßstäben erfolgreich, da die Stiftung nun über ein jährliches Budget von etwa vier Millionen USD verfügt. Aber gemessen an den Standards der sonstigen medizinischen Forschung ist dies immer noch kläglich wenig. De Grey könnte falsch liegen, aber sollte es nur eine geringe Chance geben, dass er Recht hat, könnte die Forschung gegen das Altern aufgrund ihres enormen Nutzens eine bessere Investition sein als andere medizinische Forschungsbereiche, die momentan viel mehr Geld kosten.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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  1. Commentedhari naidu

    From a purely ethical and moral perspective, birth and death are categorical imperatives of the Creator.

    Aging per se is not the physiological issue but a symptom.

    @+75 I've found that prevention of pain - due to aging - is more critical and provides for a healthy and long life. Of course, diet and exercise is essential; but good health is defined by lack of muscular pain in an aging body.

    Now, after remarkable success with ailing foot of racing horses and sportsman, there is medicinal recourse to interleukin plasma from human body to remedy orthopedic pain.

    Only fools waste their time on longevity - without recognizing preconditions for a life without pain.

  2. CommentedAyse Tezcan

    More important question is evolutionary plausibility. Unless we find other planets to inhabit and resources to sustain, our evolutionary drive will result in new ways of ending our existence to open space and resources for our offsprings. Of course unless we lose this trait.

  3. CommentedGary Mezo

    LIVE TO 250+ ??? WE AGREE THAT Basic human life processes/systems are programmed to live 250+ years as Aubrey de Grey states, but the declination of health leading to premature demise is principally secondary to a life-long systemwide cascade of events caused by arteriosclerosis. Stop arteriosclerosis early on in the 20's-30's or reverse arteriosclerosis to that stage and man can continue to live to ~250. Our R&D shows that arteriosclerosis is primarily a waxing-waning inflammatory cascade reaction to secondary to a lifelong infectious burden. We believe that we have isolated the pathogen, have done research on this endovascular problem for 20+ years and have developed a therapeutic to reverse the arteriosclerotic plaque burden.....we even have IRB-Monitored, peer-reviewed, published clinical trials conducted by cardiologists.....Our physicians usually treat themselves and their families first. Read about it and address your own mortality-issues! http://www.nanobiotech.us/nanobactx

  4. CommentedKennita Watson

    People may feel less need to cram when they have no time limit. At that point the obsessive behavior will be fully unmasked as the pathology it is, and can be treated accordingly.

  5. CommentedJames Flint

    Until we dismiss our toxic, bronze age religions our progress will be fitful and difficult. Ethics should not be based on fairy stories.

  6. CommentedTom Shillock

    I seems to me that in order to biomedically target the aging process as opposed to the diseases of aging it would help to have a biologically compelling definition of aging process that that distinguishes it from the diseases of aging and that guides experimental research. That would seem to be a job well suited to an analytic philosopher.

  7. CommentedNathan Coppedge

    In my conceptual studies of immortality, I think it is worth underscoring that there are multiple strategies to achieving longevity.

    One is a path to wisdom, minimal fitness and no terrible mistakes, symbolized by age before youth, eliminated by some sort of chronic effort, producing a pragmatic remainder.

    Another is sheer fitness, which has been more popular, but poses the problem of strain and rest, which can cause fatty accumulations, as has often been experienced by athletes. I think stress is under-represented amongst studies of athletes.

    A third method is more similar to vampirism, and represents stimulating the body with drugs, or refurbishing the blood through artificial means. In the best cases it might involve genetic treatments.

    A fourth method involves exceptional adaptation such as having an 'immortality threshold', that is, highly specific responses to environment gradually 'affect' immortality. This may be prone to sudden changes, eliminating it's long-term benefit, but may supplement other methods.

    I suspect that if there are other primary methods than these (and 'drug' may fit under multiple of these categories ultimately) then it involves nobility or grace of some kind, perhaps resulting from specific lessons learned in older age.

    Certainly an interesting subject. I hope that I've been helpful in clarifying genii (Four Genii !) related to immortality.

  8. CommentedJerry Russell

    The trend suggests we actually need longevity to survive as a species. Studies show an increase in quality of life decreases our fertility rate, and the world is on a trend to dip below sustainability within a generation. Forget those that scream overpopulation, it's foolish to look at our raw population surpassing 7 billion and suggesting runaway growth.

    Bonus thought, when we dramatically increase our longevity and quality of life we could end up as some race mostly composed of thousand+ year old elders who rarely breed. Which in all honesty is better for the universe, greater chance of other species thriving and joining us.

    Info and extra reading:
    The rate of sustainability for developed societies is 2.1 kids, today we have Australia at 1.92, US at 1.9 and UK is 1.94 (wiki: http://en.wikipedia.org/wiki/Total_fertility_rate#Replacement_rates)

      CommentedKennita Watson

      The universe is nice and all, but I do NOT volunteer to die for its sake. Besides, you _way_ overestimate your significance, and even the significance of the entire planet, if you think that the universe will care, or even notice, anything we do, no matter how dire? We just discovered a black hole the mass of around 30 billion suns, about 250 million light-years away. Our sun could go nova and it would have immeasurably less impact than one molecule of acid in the Pacific Ocean. The universe will be fine; it's you who are under a death sentence.

  9. CommentedLuke Parrish

    I have a conviction about the potential for cryonics research that is similar in some respects to de Grey's regarding antiaging research. I think that perhaps if we funded research into cryobiology, there would be breakthroughs that would lead to being able to put people's vital status on hold, preventing them from aging or feeling suffering.

    Contemporary cryonics is not quite like that because of the requirement of legal death beforehand (which often involves an extended agonal period), and because the great uncertainty of ever coming back means that most people would not want to enter such a state until in the late stages of terminal illness anyway. True medical suspended animation would consist of something that does no damage beyond our ability to repair, and could be entered much earlier in the process (or even be used for non-terminal illnesses that are otherwise a strain on resources such as a flu pandemic).

    On the other hand, the hope of reanimation and anticipation of actually seeing the future does add something positive and irreplaceable for current cryonics cases -- enlivening an otherwise hopeless terminal illness. This hope of seeing the future (space travel, world peace, and so forth) is one of the things about life extension that I find thrilling, in addition to the hope of escaping near-term death.

  10. CommentedZsolt Hermann

    I think the much more important question is what can we do with those years we spend in this life in a useful, purposeful fashion.
    At the moment all we care about how much pleasure we cram into ourselves in a very self centred, self obsessed manner, fully accepting the marketing messages: "you deserve it", "life is only about pleasure", "you need to have this and that..." and so on.
    The problem is that in the process of chasing as much self-fulfilment as possible we became more unhappy and depressed than ever before, all human institutions are falling apart from the family unit to the global human system. We even lost our hope for a better future, simply hoping to survive.
    If we continue like this, by extending human lifespan we simply create an army of zombies wandering around in a very unhappy life for decades.
    People have to start figuring out what truly gives lasting fulfilment in today's global, interconnected reality, where people are tied together as in a single family.
    If we managed to figure out this "meaning of life" question this might lead to the solution to the global crisis and all the problems humanity is facing today.

      CommentedLuke Parrish

      Depression and the harm of counterproductive/suboptimal lifestyles have huge utilitarian potential, and this is amplified by longer lives. However, I'm not convinced that we are all doing so poorly that we should let it distract us from life extension research. Certainly we can afford to fund the endeavor a bit more. Hope for the future is itself something of an antidepressant.

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