Friday, October 31, 2014
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Die Ethik der „Biosicherheit“

Ein ominöses neues Wort ist in den Bereich der Biowissenschaften und der biomedizinischen Forschung vorgedrungen: „Biosicherheit“. In diesem Ausdruck spiegelt sich das zunehmende Bewusstsein darüber wider, dass die rasche Entwicklung in diesen Bereichen zwar potenziell enormen Nutzen in sich birgt, dass aber die zur Erreichung dieses wissenschaftlichen Fortschritts notwendigen Kenntnisse sowie Werkzeuge und Methoden auch missbraucht werden können, um absichtlich Schaden herbeizuführen.

Sämtliche Bemühungen, sich mit der Problematik dieses zweischneidigen Schwertes auseinanderzusetzen, müssen letztlich im internationalen Bereich erfolgen, da es sich bei der biotechnologischen Forschung um eine wahrhaft globale Disziplin handelt. Der internationalen wissenschaftlichen Gemeinde kommt eine zentrale Rolle zu, wenn es darum geht, sicherzustellen, dass die Bemühungen im Bereich des Risikomanagements die Sicherheit erhöhen und die internationale Zusammenarbeit stärken, um die böswillige Anwendung der wissenschaftlichen Fortschritte abzuwenden.

Professor Ronald Atlas von der Universität Louisville und ich haben kürzlich im Wissenschaftsmagazin Science einen Ethikkodex für die Biowissenschaften vorgestellt. Sowohl unser Vorschlag eines Kodex als auch sein Inhalt wurden äußerst kontrovers aufgenommen. Die wissenschaftliche Gemeinde erkennt zwar zunehmend, dass die Wissenschaft keine wertfreie Aktivität ist und dass die Entscheidung, was erforscht werden soll und wie Forschung zu betreiben ist, von ethischen Prinzipien geleitet werden muss. Es gibt allerdings noch immer eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, welche dieses Konzept ablehnen und meinen, dass es auf der Suche nach neuem Wissen keine Einschränkungen geben darf und dass ethische Prinzipien erst bei der Anwendung des neu erworbenen Wissens schlagend werden.

In unserem Artikel im Magazin Science machten wir uns Gedanken über die Ursachen solcher Haltungen. Wir haben allerdings festgestellt, dass „selbst diejenigen, die den Wert dieses Kodex’ infrage stellen, darin übereinstimmen, dass die Forschung im Bereich der Biowissenschaften einschließlich der in der biologischen Abwehr in sicherer und ethischer Art und Weise durchzuführen ist“. Zu den Gremien, die dazu deutlich in der Öffentlichkeit Stellung nehmen sollen, gehören die Vollversammlung des Weltärztebundes, der britische Ärztebund, der Nationale Forschungsrat der USA, das britische Parlament und die Führung der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation (APEC).

Ein Ethikkodex ist vonnöten, weil die Gefahr nachteiliger Folgen der Wissenschaft bei schlechten Regelungen enorm angestiegen ist. Die Gesellschaft vertraut Wissenschaftlern und wissenschaftlichen Institutionen, Respekt vor dem Leben, vor allem vor menschlichen Leben zu haben. Es bedarf dieser Sicherheitsmaßnahmen, um dieses Vertrauen zu rechtfertigen und vor allem um sicherzustellen, dass die Wissenschaft nicht in den Dienst des Bioterrors und biologischer Kriegsführung gestellt wird.

Ein Ethikkodex bietet zahlreiche Vorteile. Damit würde man die Bedeutung ethischer Überprüfungen beabsichtigter Projekte und die Überwachung aktueller wissenschaftlicher Forschungen unterstreichen, vor allem wenn es sich um Forschung an Menschen oder Tieren handelt. Überdies könnte ein derartiger Kodex die Voraussetzung dafür schaffen, dass grundsätzlich von wissenschaftlicher Offenheit und Transparenz ausgegangen wird. Ausnahmen sind bei realer Gefahr vorzusehen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse angewendet werden, um ernsthaften Schaden herbeizuführen. Außerdem könnte der Kodex dazu beitragen „Informanten“ zu schützen, die ethische Verfehlungen den relevanten Behörden oder der Öffentlichkeit zur Kenntnis bringen. Schließlich könnte er zur Ablehnung der Teilnahme an mancher Forschungstätigkeit aus Gewissensgründen führen. Kurzum, ein Kodex könnte dazu beitragen, ethische Prinzipien in allen Bereichen der wissenschaftlichen Forschung von Beginn an zu verankern.

Obwohl bis jetzt kein Konsens über einen Ethikkodex erzielt werden konnte, herrscht unter den Wissenschaftlern jedoch breite Einigkeit darüber, dass ein stabiles öffentliches Gesundheitswesen eine wesentliche Sicherheitsmaßnahme gegen beabsichtigte oder unbeabsichtigte biologische Bedrohungen ist. Fragen der Sicherheit und des öffentlichen Gesundheitswesens überschneiden sich heutzutage, während sie früher als verschiedene Bereichte galten, die unterschiedliche Reaktionen auf politischer Ebene erforderten. Es ist notwendig, diese Reaktion auf natürlich auftretende Infektionskrankheiten oder Vergiftungen zu festigen, um sich gegen den vorsätzlichen Missbrauch der Wissenschaft zur Verbreitung von Krankheiten oder Giften zu wappnen. Kurz gesagt: Bei der Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens und der Biosicherheit im persönlichen und öffentlichen Bereich auf der einen und dem Schutz gegen den Bioterror auf der anderen Seite handelt es sich um verbundene, einander ergänzende Aktivitäten.

Die Vorstellung potenzieller neuer biologischer Waffen allerdings wirft allerdings äußerst Besorgnis erregende Möglichkeiten auf und bringt uns erneut zu dem Problem, wie man Ethik in der wissenschaftlichen Forschung sicherstellt. In der „synthetischen Biologie“ beispielsweise geht es darum, aus DNA-Bestandteilen lebendes Material zu schaffen, so dass wir nach Belieben Leben umgestalten können. Die Technologie, die so etwas ermöglicht wird höchstwahrscheinlich in den nächsten zwei Jahren zur Routine werden und das bei einem beträchtlich reduzierten Kostenaufwand. Sicherheitsmaßnahmen wie ein Moratorium über solche Entwicklungen oder die Registrierung der zur Umsetzung dieser Entwicklungen nötigen Ausrüstungen sollten dabei ins Auge gefasst werden.

Der Einsatz von Gift oder Krankheitserregern als Waffen oder als Mittel der Kriegsführung ist ein althergebrachtes Tabu und seine Verletzung wurde in vielen Kulturen geächtet und durch das Völkerrecht und internationale Verträge verboten. Das Tabu ist der Begleiter des Heiligen: Was uns heilig ist, schützen wir mit Tabus.

In unserer heutigen Welt allerdings haben wir beide Konzepte verloren, aber wir müssen sie angesichts der sich durch die Biowissenschaften neu eröffnenden Möglichkeiten dringend wiederfinden, wenn wir weiterhin alles Leben und vor allem das menschliche Leben respektieren sollen. Es geht um nichts weniger als zu verhindern, dass aus den Biowissenschaften Todeswissenschaften werden. Dazu bedarf es komplexer, oftmaliger, verschiedener und integrierter Reaktionen in mannigfaltigen Bereichen und auf persönlicher, institutioneller, gesellschaftlicher und globaler Ebene.

Vor allem notwendig ist aber Integrität, Ehrlichkeit, Vertrauen, Mut und manchmal auch Einschränkung. Keine geringe Aufgabe auf der Ebene internationaler Beziehungen und Kooperationen.

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