PARIS: Mauern, die dem Ziel dienen, Menschen ein- oder auszusperren – sei es in Berlin, Nicosia, Israel oder Korea – sind immer das Produkt von Furcht: Furcht der ostdeutschen Führung vor einem Massenexodus ihrer nach Freiheit und Würde strebenden Bürger, der Führer der griechischen und türkischen Zyprioten vor einem andauernden Krieg, der Israelis vor dem Terrorismus oder der nordkoreanischen Führung, dass ihr ihr gemartertes Volk davonlaufen könnte. Einen fragilen Status quo festzuschreiben, die eigene Position zu konsolidieren oder sich von anderen, die als Versuchung oder Bedrohung (oder beides) wahrgenommen werden, abzuschotten – das waren immer schon die Ziele von Politikern, die Mauern errichten.
Warum besteht so ein Unterschied zwischen dem Schicksal Berlins – heute eine Hauptstadt, in der die Fortschritte der Gegenwart langsam die vielen Narben der Vergangenheit überdecken – und jenem Nicosias, wo die Zeit stillsteht, oder Israels, dessen „Sicherheitswall“ wie eine frische Narbe immer größer wird, von der unwahrscheinlichen Konsolidierung des nordkoreanischen Regimes hinter Mauern der Paranoia und Unterdrückung gar nicht zu reden?
Um diese unterschiedlichen Situationen zu begreifen, muss sich den Willen der Menschen bewusst machen, ihre Mauern einzureißen (im Falle Ostdeutschlands), auszubauen (Israel) bzw. festzuschreiben (Zyperns, nordkoreanische Regierung). Natürlich sind die Qualitäten der jeweiligen Führer, oder der Mangel derselben, ebenfalls ein wichtiger Faktor.
Die Berliner Mauer fiel 1989 viel schneller, als die meisten Westdeutschen sich dies erträumt (oder es befürchtet) hätten. Sie hatten die Stärke des „deutschen Nationalgefühls“ im Osten unter- und die Fähigkeit und den Willen der Sowjetunion, um jeden Preis an ihrem Reich festzuhalten, grob überschätzt. Und vor allem war da Michail Gorbatschow, der die Weitsicht und den Mut hatte, dem Lauf der Geschichte keinen Widerstand entgegenzusetzen. Vielleicht war ihm nicht völlig klar, was da vor seinen Augen ablief und welche Kräfte er freigesetzt hatte, doch mit seiner Zurückhaltung bewies er wahre Größe.
Das Wunder des heutigen, wiedervereinigten Berlins ist eine Herausforderung – und sogar eine Provokation – allen Mauern gegenüber. Belegt es doch, dass Mauern in einer global interdependenten Welt etwas Unnatürliches und Künstliches sind – und daher dem Untergang geweiht. Die Wahrheit ist freilich viel komplexer; Mauern sind eine vielschichtige Realität, und es ist immer gefährlich, die Geschichte in manichäischer Weise umzuschreiben und dabei die Realitäten der Vergangenheit mit jenen der Gegenwart zu verwechseln.
Nicosia, die geteilte Hautstadt Zyperns, ist die perfekte Antithese zu Berlin und als Solches der beste Beleg dafür, was passiert, wenn Geschichte zum Stillstand kommt. Trotzig starren sich dort weiter leere, mit Sandsäcken gefüllte Fenster an – Symbole einer Vergangenheit, die inzwischen schon Jahrzehnte anhält. Wobei natürlich ist die Überquerung der Grünen Linie, die den griechischen und den türkischen Teil der Stadt trennt, nicht mit dem Grenzübertritt am berüchtigten Checkpoint Charlie in Berlin zu vergleichen ist. Sie ist keine traumatische Erfahrung mehr, sondern bloß ein bürokratisches Ärgernis.
Die Menschen in Ostdeutschland wollten den deutschen Staat vereinigen um der Einheit ihrer Nation willen: „Wir sind ein Volk.“ war ihr Motto. Sind die griechischen Zyprioten ernsthaft an der Wiedervereinigung ihrer Insel interessiert? Wollen sie die offensichtlichen Vorteile, die sie aus der 2004 erreichten Mitgliedschaft in der Europäischen Union ziehen, wirklich auf das türkische Nordzypern ausweiten? Höchstwahrscheinlich nicht.
Was die türkische Regierung angeht, so bleibt ihre offizielle Priorität der eigene EU-Beitritt. Sie kann nicht laut und deutlich sagen, dass sie am Schicksal Zyperns nicht ernsthaft interessiert ist, aber allzu weit von der Wirklichkeit entfernt ist das vermutlich nicht. Jedenfalls haben beide Seiten in den vergangenen Jahrzehnten so viele Chancen vertan – teilweise aufgrund von Führern, die am besten mit dem Begriff „konkurrierendes Mittelmaß“ beschrieben sind –, dass es schwer ist, ein Wunder am Horizont zu erkennen.
Israel ist – nicht nur in geografischer, sondern auch in politischer Hinsicht – näher an Nicosia dran als an Berlin, denn auch israelische und palästinensische Führer haben es reihenweise versäumt, Weitsicht und Fantasie zu zeigen. Eine Mauer ist international ein schlechtes Symbol, insbesondere zu einer Zeit, in der man den Fall der Berliner Mauer begeht. Sie ist zudem ein Symbol der Vergeblichkeit, da sie keine langfristig praktikable Lösung darstellt.
Doch die Situation ist leider komplizierter. Je mehr Zeit vergeht, desto stärker wollen Israelis und Palästinenser die Trennung. Und Israel wird, im Gegensatz zu Nordkorea – einem dem Untergang geweihten Regime, das eines Tages in einem geeinten, freien und kapitalistischen Korea verschwinden wird – auf Dauer bestehen.
Israels Mauer stellt ein trauriges, doch vermutlich unvermeidliches Element seiner Sicherheit dar. Zu diskutieren ist die unnötige, aggressive Geografie des Sicherheitswalls, begleitet von der Provokation weiterer israelischer Siedlungen im Westjordanland, nicht das ihm zugrunde liegende Prinzip. Schließlich gab es zum Zeitpunkt der zweiten Intifada keine Sicherheitsalternativen, um weiteres Blutvergießen zu verhindern.
Letztlich stellen „Mauern“ die Realitäten dar, die ihrem Bau zugrunde lagen – Realitäten, die spätere Generationen möglicherweise dann leider nicht mehr ändern können oder wollen.


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