Die Monroe-Doktrin – durch die im Jahr 1823 ganz Lateinamerika zu einem ausschließlich amerikanischen Interessensbereich proklamiert wurde – verliert an Bedeutung. Die Globalisierung und dynamische wirtschaftliche und politische Veränderungen in den unzähligen Ländern Lateinamerikas bieten der Region eine Chance, seine Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu mindern und so seine bisher asymmetrischen Beziehungen zum übergroßen Nachbarn im Norden zu besseren Konditionen neu zu verhandeln.
In dieser Hinsicht ist die zunehmende Integration Lateinamerikas auf internationaler Ebene der entscheidende Faktor. Die aufstrebende Macht China verfolgt engagiert die Stärkung der Beziehungen mit der Region in den Bereichen Handel, Investitionen, Auslandshilfe und Zusammenarbeit. Und Russland, das mit der von ihm so empfundenen zweitklassigen Behandlung durch die USA höchst unzufrieden ist, wendet sich der Region ebenfalls in Form von Geschäftsbeziehungen und Waffenverkäufen zu.
Russland ist vielleicht nicht offen auf einen erneuten Kalten Krieg aus, aber durch die Stärkung seiner Position in Lateinamerika sieht man das Ende langer Jahre der Implosion und Demütigung gekommen.
Die enormen Waffenverkäufe des Kremls an Venezuela und die dort abgehaltenen Militärmanöver sowie die Wiederherstellung der Sicherheitsbeziehungen mit Kuba zeigen, dass Russland - wieder einmal - bereit ist, die Hegemonie der USA im karibischen Raum in Frage zu stellen.
Auch der Iran mischt mittlerweile mit. Sowohl auf diplomatischer Ebene als auch im Bereich Energiepolitik arbeitet man angestrengt an der Festigung der Verbindungen zu Süd- und Mittelamerika. In den Beziehungen zu Ecuador wird aktuell auch eine militärische Komponente verfolgt. Und Indien und Südafrika bauen vor allem mit Brasilien erste produktive Verbindungen in den Bereichen Handel und Politik auf.
Unterdessen entwickelte sich Europa zum wichtigsten Waffenlieferanten für Brasilien und Chile und manche EU-Länder – allen voran Frankreich – zeigen wachsendes Interesse an dem im Februar 2008 zwischen Argentinien und Brasilien geschlossenen Atomabkommen und an einer Vertiefung der militärischen Kontakte.
Im Jahr 2005 wurde in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia der erste südamerikanisch-arabische Gipfel abgehalten und im Jahr 2006 kam es zum ersten südamerikanisch-afrikanischen Gipfeltreffen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Sogar Japan widmet der Region zunehmende Aufmerksamkeit.
Die politische und diplomatische Landschaft in ganz Lateinamerika verändert sich also rasch, wodurch die USA in die Defensive geraten. Dies nicht nur, weil in mehreren Ländern Mitte-Links-Parteien und radikale Gruppierungen an die Macht gekommen sind. Die Führungsrolle und die Interessen der USA werden vielmehr routinemäßig in Frage gestellt und sogar angefochten und zwar nicht nur durch das kommunistische Kuba oder das „bolivarische“ Venezuela, sondern beinahe überall in der Region.
So schränkt beispielsweise Ecuador trotz seiner „dollarisierten“ Wirtschaft und der Abhängigkeit von Ölexporten in die USA momentan die Nutzung der Militärbasis Manta durch die Vereinigten Staaten ein. Nicaragua war das erste Land der westlichen Hemisphäre, das die Unabhängigkeit Abchasiens und Südossetiens nach der russischen Invasion in Georgien im letzten Sommer anerkannte. Und der honduranische Präsident Manuel Zelaya forderte die Legalisierung des Drogenkonsums, um der mit der Produktion und dem Handel verbundenen Gewalt ein Ende zu setzen.
Selbst langjährige Freunde sind dazu übergegangen, Uncle Sam herauszufordern. Der Präsident Paraguays, Fernando Lugo, (der erste Staatschef seit sechs Jahrzehnten, der nicht von der Colorado-Partei kommt) ernannte Alejandro Hamed Franco zum Außenminister. Hamed Franco ist syrischer Abstammung und aktiver Unterstützer Palästinas. Als solcher stand er aufgrund seiner angeblichen Verbindungen zu islamistischen Gruppen unter Beobachtung amerikanischer Sicherheitsbehörden.
In ganz Lateinamerika und der Karibik verlangt man ein Ende des amerikanischen Embargos gegenüber Kuba und zeigt sich begeistert über die beabsichtigte Rückkehr Kubas in die Organisation Amerikanischer Staaten.
Ein wesentlicher Grund für aktuelle Ressentiments besteht in der einseitigen Entscheidung der USA die für Lateinamerika abgestellte Vierte Flotte der US Navy zu reaktivieren, die im Jahr 1950 außer Dienst gestellt wurde. Diese Entscheidung wurde den zivilen Behörden nicht entsprechend kommuniziert und wird weithin als aggressiver Akt beurteilt. Wenig überraschend führte dies nur zu Ängsten und wachsendem Anti-Amerikanismus, wodurch sich die Initiative Brasiliens zur Schaffung eines südamerikanischen Verteidigungsrates ohne Beteiligung der USA beschleunigt.
Angesichts dieser sich ausbreitenden regionalen Feindseligkeit und der Verwerfungen durch die in den USA ausgelösten Finanzkrise sind die Regierungen der ganzen Region darauf aus, neue Partner und Märkte als Alternative zu den USA zu gewinnen. Paradox ist, das die USA in Zeiten der Krise Lateinamerika mehr brauchen als jemals zuvor.
Lateinamerika sollte diesen Moment der diplomatischen Stärke nutzen, um in einen neuen Dialog mit den USA einzutreten, der darauf abzielt, die Bedingungen der Beziehungen neu zu verhandeln. Der erste Schritt muss die Anerkennung der Tatsache sein, dass die Monroe-Doktrin tot ist und nicht wiederbelebt werden kann. Dies zu akzeptieren, wäre das erfreulichste Zeichen, das die neue Administration von Präsident Barack Obama an die Region aussenden kann.


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