NEU DELHI – Laut UN-Bevölkerungsabteilung wurde am 31. Oktober der siebenmilliardste Mensch geboren. Wie immer, wenn ein derartiger Meilenstein erreicht wird, wimmelt es vor Konferenzen, Seminaren und scharfsinnigen Artikeln, einschließlich der üblichen düsteren malthusianischen Vorhersagen. Schließlich prognostiziert die UNO, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf 9,3 Milliarden Menschen ansteigen und die 10-Milliarden-Grenze bis zum Ende dieses Jahrhunderts überschritten wird.
In derartigen Prognosen wird allerdings die zugrunde liegende demographische Dynamik falsch interpretiert. Das Problem der Zukunft wird nämlich nicht ein zu großes, sondern ein zu geringes Bevölkerungswachstum sein.
In den meisten Ländern wurden die Bevölkerungszahlen im letzten Jahr erhoben und die Daten weisen darauf hin, dass die Fertilitätsraten in einem Großteil dieser Länder dramatisch sinken. In den Industrieländern liegen die Geburtenraten schon eine Zeit lang niedrig, aber nun sinken sie auch in der Mehrheit der Entwicklungsländer mit beträchtlicher Geschwindigkeit. Chinesen, Russen und Brasilianer fallen unter das Ersatzniveau und auch die Inder bekommen weit weniger Kinder. Tatsächlich wird die globale Fertilität in wenig mehr als einem Jahrzehnt auf das Niveau der Ersatzrate fallen. Aufgrund der höheren Lebenserwartung wächst die Weltbevölkerung möglicherweise noch bis zur Mitte dieses Jahrhunderts, aber aus reproduktiver Sicht sollte sich die Menschheit zahlenmäßig nicht mehr vergrößern.
Die Demographen definieren die totale Fertilitätsrate (TFR) als die durchschnittliche Zahl von Lebendgeburten pro Frau. Langfristig, so heißt es, ist eine Population stabil, wenn die TFR der Ersatzrate entspricht, die für die Welt insgesamt bei etwas über 2,3 und für die Industrieländer, aufgrund der niedrigeren Kindersterblichkeitsraten, etwas niedriger bei 2,1 liegt.
In den meisten Industrieländern liegt die TFR weit unter dem Ersatzniveau. Der Durchschnittswert in der OECD beträgt ungefähr 1,74, aber in einigen Ländern wie etwa Deutschland und Japan bekommen Frauen statistisch weniger als 1,4 Kinder. Dennoch fiel die TFR in jüngster Zeit am deutlichsten in den Entwicklungsländern. Im Jahr 1950 lag die TFR in China und Indien bei 6,1 beziehungsweise 5,9. Aufgrund der strikten Ein-Kind-Politik beträgt dieser Wert in China heute 1,8, während rasche Urbanisierung und ein verändertes soziales Verhalten den Wert in Indien auf 2,6 drückten.
Ein zusätzlicher Faktor könnte die zukünftigen Geburtenraten in China und Indien noch weiter senken. Aus den chinesischen Volkszählungsdaten geht hervor, dass auf 100 neugeborene Mädchen 118,6 neugeborene Jungen kommen. Ähnliche Verhältnisse herrschen auch in Indien, wo das Geschlechterverhältnis – regional stark unterschiedlich – bei 110 Jungen gegenüber 100 Mädchen liegt. Man vergleiche diese Zahlen mit dem natürlichen Geschlechterverhältnis von 105 Jungen zu 100 Mädchen. Die Abweichung wird üblicherweise der kulturellen Präferenz für männliche Neugeborene zugeschrieben, die zusätzlichen Tribut von beiden Bevölkerungen fordert, da aufgrund der zukünftigen Frauenknappheit in beiden Ländern die tatsächliche reproduktive Kapazität unter jenem Wert liegt, der sich aus der unbereinigten TFR ergibt.
Nach der Bereinigung um die Geschlechterungleichheit liegt Chinas tatsächliche Fertilitätsrate nämlich bei ungefähr 1,5. Der indische Wert beträgt 2,45. Anders ausgedrückt: Die Chinesen sind weit von der Bestandserhaltung ihrer Bevölkerung entfernt und die Inder liegen nur leicht über der Ersatzrate. Für die ganze Welt beträgt diese tatsächliche Fertilitätsrate 2,4 und liegt damit knapp über der Ersatzrate. Aktuelle Trends deuten darauf hin, dass die Menschheit dieses Ersatzniveau in den frühen 2020er Jahren nicht mehr erreichen wird. Nach diesem Zeitpunkt wird das Bevölkerungswachstum größtenteils in einer höheren Lebenserwartung begründet sein – aber dieser Faktor wird ab Mitte des Jahrhunderts an Bedeutung verlieren.
Diese Veränderungen haben bedeutende Auswirkungen auf das globale Angebot an Arbeitskräften. China altert sehr rasch und seine Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird innerhalb von ein paar Jahren zu schrumpfen beginnen. Eine Lockerung der Ein-Kind-Politik könnte langfristig positive Auswirkungen haben, aber China hat den Umkipp-Punkt bereits hinter sich. Getrieben wurde diese Entwicklung durch den kombinierten Effekt von Geschlechterungleichgewicht und einer sehr verzerrten Altersstruktur.
Die Zahl der Frauen im gebärfähigen Alter (15-49 Jahre) wird in China zwischen 2010 und 2020 um 8 Prozent sinken, um weitere 10 Prozent in den 2020er Jahren und danach – wenn keine Korrektur erfolgt – in noch größerer Geschwindigkeit. Somit werden in China immer mehr weibliche Arbeitskräfte aus dem Arbeitsprozess ausgegliedert und für Reproduktion und Kindererziehung herangezogen werden müssen. Selbst wenn China damit Erfolg haben sollte, ist damit ein unmittelbarer Rückgang bei den Arbeitskräften verbunden und die Vorteile werden erst 25 Jahre später spürbar.
Unterdessen hat die Zahl der Arbeitskräfte in den meisten großen Ökonomien ihren Spitzenwert erreicht oder ist nahe daran. In Deutschland, Japan und Russland sinkt die Zahl der Arbeitskräfte bereits. Aufgrund ihrer relativen Offenheit gegenüber der Zuwanderung sind die USA eines von ein paar Industrieländern mit einer steigenden Zahl an Arbeitskräften. Das könnte sich allerdings ändern, da die Ursprungsländer der Einwanderer reicher werden und rasche Rückgänge der Geburtenraten aufweisen. Aus diesem Grund wird man sich in vielen Industrieländern überlegen müssen, wie man die Menschen bis weit jenseits ihres siebzigsten Geburtstages im produktiven Arbeitsprozess behält.
Als einzige große Volkswirtschaft mit einem ausreichenden Anstieg an Arbeitskräften in den nächsten drei Jahrzehnten könnte Indien teilweise die in anderen großen Ökonomien erwarteten Rückgänge wettmachen. Aber angesichts der auch dort sinkenden Geburtenraten, deuten aktuelle Trends darauf hin, dass sich die indische Bevölkerung wahrscheinlich in den frühen 2050er Jahren bei 1,55 Milliarden stabil einpendeln wird. Ein ganzes Jahrzehnt früher – und um 170 Millionen Menschen weniger - als von der UNO prognostiziert
Angesichts dieser Entwicklung wird die Weltbevölkerung wahrscheinlich in den 2050er Jahren einen Spitzenwert von neun Milliarden erreichen – ein halbes Jahrhundert früher als allgemein angenommen. Danach wird dieser Wert dramatisch absinken. Man könnte nun argumentieren, dass dies angesichts der begrenzten Aufnahmekapazität des Planeten eine vorteilhafte Entwicklung ist, aber wenn sich die demographische Dynamik wendet, wird sich die Welt mit einer Reihe anderer Probleme auseinandersetzen müssen.


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