Saturday, April 19, 2014
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Die Wirtschaft und die Präsidentschaft

CAMBRIDGE – Bis zur Präsidentenwahl in den USA sind es nur noch sechs Monate. Wenn es so abläuft wie in der Vergangenheit, wird das Ergebnis signifikant von der wirtschaftlichen Entwicklung bis zum 6. November abhängen, und davon, wie die Amerikaner unter den beiden Kandidaten jeweils ihre wirtschaftliche Zukunft sehen.

Momentan schleicht die US-Wirtschaft bei langsamem Wachstum und hoher Arbeitslosigkeit vor sich hin. Die Produktion ist im letzten Jahr nur um 1,5% gewachsen, und das reale BIP pro Kopf ist heute niedriger als Ende 2007 vor dem Konjunkturrückgang. Zwar betrug das jährliche Wachstum des BIP im vierten Quartal 2011 3%, aber über die Hälfte davon war auf Inventaraufstockung zurückzuführen. Die Endverkäufe an Haushalte, Unternehmen und ausländische Käufer stiegen aufs Jahr gerechnet mit nur 1,1% sogar langsamer als Anfang des Jahres. Und die vorläufige Schätzung für das jährliche BIP-Wachstum im ersten Quartal 2012 betrug enttäuschende 2,2%, bei einer Steigerung der Endverkäufe von nur 1,6%.

Der Arbeitsmarkt war ähnlich enttäuschend. Die Arbeitslosenquote vom März lag mit 8,2% fast drei Prozentpunkte über dem Wert, den die meisten Wirtschaftswissenschaftler als langfristig erwünscht und nachhaltig bezeichnen. Vor einem Jahr lag die Quote zwar noch bei 9%, aber etwa die Hälfte der Differenz spiegelte statt eine Zunahme von Arbeitsplätzen oder der Beschäftigungsrate die erhöhte Anzahl von Menschen wider, die die Suche nach einem Arbeitsplatz aufgegeben haben.

Tatsächlich beschönigt die offizielle Arbeitslosenquote die Schwäche des Arbeitsmarktes. Geschätzte 6% aller Arbeitnehmer arbeiten weniger Stunden pro Woche, als sie möchten, und etwa 2% der potenziellen Beschäftigten werden nicht eingerechnet, da sie in den letzten fünf Wochen nicht nach Arbeit gesucht haben, auch wenn sie gern arbeiten würden. Rechnet man diese Menschen zu den offiziellen Arbeitslosen hinzu, erhält man einen Wert von etwa 15% potenziellen Arbeitsmarktteilnehmern, die weniger arbeiten, als sie es gern würden.

Der solide Anstieg der Festanstellungen zu Anfang des Jahres löste allgemein Zuversicht aus. Aber die Steigerungsrate der Festanstellungen fiel im März auf weniger als die Hälfte derjenigen der Vormonate, und die Anzahl der Anträge auf Arbeitslosenhilfe stieg auf ein Viermonatshoch.

Sogar das Einkommen derjenigen, die arbeiten, fällt. Die realen durchschnittlichen Wocheneinkommen sind in den letzten Monaten zurückgegangen und sind jetzt niedriger als vor 18 Monaten. Auch der allgemeinere Messwert des realen Pro-Kopf-Einkommens nach Steuern ist auf die Werte von vor einem Jahr zurückgegangen.

Trotz sinkender Einkommen gaben die Haushalte Anfang 2012 deutlich mehr aus, was zu einem Rückgang der Sparquote auf nur noch 3,7% führte. Die Konsumausgaben können nicht weiter wachsen, ohne dass die Sparquote von diesem niedrigen Niveau aus noch weiter sinkt. Aktuelle Berichte sprechen von einem Rückgang des Verbrauchervertrauens, was die Wahrscheinlichkeit eines Rückgangs der Konsumausgaben in den nächsten Monaten erhöht.

Darüber hinaus bleibt der Immobilienmarkt schwach. Der verlässlichste Vergleichsindex für Hauspreise ging Monat für Monat zurück – die Preise sind nun real etwa 7% niedriger als noch vor einem Jahr, was einem Vermögensverlust der Haushalte von einer Billion Dollar entspricht. Angesichts dessen, dass bei etwa 25% aller Hauseigentümer mit Hypotheken die Schulden den Wert des Hauses übersteigen, hat der Hauspreisverfall viele Insolvenzen und Zwangsversteigerungen zur Folge. Fallende Preise gemeinsam mit strengeren Standards für die Kreditvergabe haben dazu geführt, dass potenzielle Hauskäufer sich eher für die Miete entscheiden und dass die Verkaufszahlen sowohl neuer als auch gebrauchter Häuser fallen.

Die Schwäche der US-Wirtschaft beschränkt sich nicht nur auf den Haushaltssektor. Die Industrieproduktion ist seit zwei Monaten unverändert, und die Auslastung der industriellen Kapazität ist gesunken. Und die vom Institute for Supply Management durchgeführten monatlichen Umfragen zeigen nun auch eine Schwäche der Dienstleistungsunternehmen an.

Blickt man in die Zukunft, ist starker Gegenwind zu erkennen, also wird es schwierig, für den Rest des Jahres eine bessere Wirtschaftsentwicklung zu erzielen. Angesichts höherer Energiepreise geben die Haushalte weniger für Güter und Dienstleistungen in anderen Bereichen aus, die Schwäche Europas und Asiens belastet die US-Exporte, der Staat und die Lokalregierungen fahren ihre Ausgaben zurück und Sorgen über mögliche höhere Steuern 2013 dämpfen sowohl die Unternehmensinvestitionen als auch die Konsumentenausgaben.

Die Wirtschaft könnte so eine ernsthafte Belastung für Präsident Barack Obama werden, der diese Lage wahrscheinlich seinem Vorgänger George W. Bush und der republikanischen Mehrheit im Repräsentantenhaus anlasten wird. Aber die Öffentlichkeit wird wohl dem Präsidenten die Schuld geben, und Umfragen zufolge glauben mehr und mehr Amerikaner, dass Mitt Romney, der fast sichere Kandidat der Republikaner, wirtschaftspolitisch bessere Arbeit leisten würde als Obama.

Die Umfragen sprechen für ein Kopf-an-Kopf-Rennen, und die Wähler haben sich noch nicht endgültig entschieden. In den nächsten Monaten könnte die Wirtschaft stärker wachsen als erwartet. Wenn nicht, wird Obama versuchen, von der allgemeinen Wirtschaftslage abzulenken, indem er seinen Plan zur Erhöhung der Steuern für Einkommensstarke in den Vordergrund stellt. Und die Wähler könnten sich auch von anderen Themen wie Immigration oder Frauenrechten beeinflussen lassen.

Aber die Wirtschaftslage ist normalerweise der wichtigste Faktor für Wahlentscheidungen in den Vereinigten Staaten. Und der momentane Zustand der Wirtschaft begünstigt Romney.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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  1. CommentedZsolt Hermann

    There is not much time left until the elections to achieve a fundamental change in the general public opinion, but the ideal scenario would be the following:
    1. People would understand as a result of a transparent, objective and factual information program that today each nation and individual exists in and belongs to a global, integral human network, where we all depend on each other.
    2. Thus there is no such thing any more as national economic situation, national crisis or recovery, as we are all part of the global system, and US markets can be swayed by a small, obscure country somewhere in Europe or a tsunami on another continent, or sudden political change anywhere in the world, or receding natural resources, and so on...
    3. As a result people would not vote for the candidate with the best US related promises, or US economical plan, but for the candidate with the best global vision, the candidate who can see the whole system instead of the minute details, and who is brave enough to stand in front of the nation explaining them how we should all work for the well being of the whole system ahead of individual and national interests...
    As mentioned above most probably we do not have enough time to achieve the ideal scenario before November as people in general haven't received the necessary information yet, and the candidates are not ready to assume such goals yet.
    Which is a shame as anything short of it will simply deepen the crisis not only in the US but everywhere else.

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