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Der Niedergang Frankreichs?

Die Franzosen sind bekanntlich sensibel wenn nicht defensiv was das Ansehen Frankreichs in der Welt betrifft. Der französische Staat gibt viel Geld für die Propagierung der französischen Sprache und Kultur aus und doch sind sich die Franzosen schmerzlich bewusst, dass die globale Position ihres Landes nicht mehr den gleichen Stellenwert besitzt wie früher.

Es ist also keine Überraschung, dass die Veröffentlichung eines Berichtes der Europäischen Kommission während der vergangenen Präsidentschaftswahlen, in dem behauptet wurde, dass Frankreich in der wirtschaftlichen Rangliste der europäischen Länder in einem Zeitraum von zehn Jahren vom dritten auf den zehnten Platz gefallen ist, zu einer Gewissensprüfung und zu Kontroversen führte. Schon bald gab Präsident Jacques Chirac seinem Rivalen Lionel Jospin die Schuld am "Niedergang Frankreichs".

Die OECD und Eurostat, das für solche Daten verantwortliche europäische Amt, hielten diesen Aspekt der Debatte durch ihre Darlegung, dass Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien alle in etwa den gleichen Lebensstandard pro Kopf genießen für beendet. Die öffentliche Kontroverse blieb jedoch erhalten. Die diesjährigen Demonstrationen gegen die Rentenreform, zunehmende Streitigkeiten mit der Europäischen Kommission über die Finanzpolitik und Gezänk mit Amerika wegen des Irakkrieges ließen besorgte Diskussionen über den "französischen Niedergang" wieder aufleben.

Das momentan meistverkaufte Sachbuch in Frankreich ist eine Polemik von Nicolas Baverez, La France qui tombe (Frankreich im Abstieg). Baverez' Buch birgt eine Fülle von Zitaten von de Gaulle und Napoleon. Dem Autor zufolge erzielte Frankreich seine letzten Errungenschaften in den Siebzigerjahren mit der Einführung des Schnellzuges TGV und des Airbus. Er geißelt sowohl Mitterand als auch Chirac für ihr "gemeinsames Talent, Wahlen zu gewinnen und Frankreich zum Verlierer zu machen". Der Erfolg des Buches ist selbst ein Hinweis auf eine Art "Malaise". Aber welche Art von Missstand?

Baverez' Beweis einer Degeneration ist nicht so überzeugend wie er glaubt. So führt er zum Beispiel das Dahinschwinden von Arbeitsplätzen in der Industrie als offenkundigsten Beweis für den Niedergang Frankreichs an. Die Deindustrialisierung ist jedoch allen Industrieländern gemein. Frankreich geht es sogar besser als den meisten seiner Rivalen unter den reichen Ländern und es hat, anders als Deutschland, Großbritannien oder die USA, den gleichen globalen Marktanteil am Industriesektor beibehalten, den es Anfang der Siebzigerjahre hatte.

Den Auslandsinvestitionen zufolge, einem besseren Maß für Konkurrenzfähigkeit, geht es Frankreich zudem sehr gut. Einem neueren Bericht des Rates für Wirtschaftsanalyse zufolge sind die Direktinvestitionen in Frankreich im Jahr 2001 auf 60 Milliarden Euro gestiegen, beinahe doppelt so viel wie in Deutschland. Auch die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Frankreichs verbesserte sich (um 20%) in den vergangenen drei Jahrzehnten mittels gesteigerter Produktivität, die rapides Lohnwachstum auslöste.

Der Kern der langfristigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Frankreichs ist jedoch genau die Angst vor dem Verlust von Industriearbeitsplätzen. In traditionellen Bereichen wie der Automobil- oder Raumfahrtindustrie ist Frankreich weiterhin eine starke Industriemacht; in innovativen Märkten, in denen kleinere Unternehmen neue Technologien verbreiten, bleibt es allerdings zurück. Frankreich gibt zum Beispiel nur 30 Milliarden Dollar im Jahr für die F&E von Spitzentechnologien aus, verglichen mit 51 Milliarden Dollar in Deutschland, 98 Milliarden Dollar in Japan und 265 Milliarden Dollar in den USA.

Kurz gesagt zielt Baverez' Analyse einfach in die falsche Richtung. Im Verlauf der letzten zwanzig Jahre hat Frankreich eine Reihe entscheidend wichtiger Reformen durchgemacht: wirtschaftliche und finanzielle Liberalisierung, die Abschaffung von Preis- und Devisenkontrollen, das Ende der Krediteinschränkungen, europäische Liberalisierung, verringerte Inflation und Handelsdefizite, die Einführung des Euro und die erzwungene Globalisierung der Unternehmen des Landes. Die französische Malaise hat mit alledem nichts zu tun.

Frankreichs Problem ist, dass es ihm nicht gelingt, die neue Welt anzuerkennen, von der es bereits ein Teil ist. Der französische Staatskapitalismus ist tot und Frankreich fällt es schwer, sich mit seinem Dahinscheiden abzufinden. Frankreich scheint das einzige Land zu sein, in dem sich ein Ministerpräsident, Lionel Jospin, verpflichtet fühlt, sich einen Tag später im Fernsehen für seine Aussage zu entschuldigen, dass "der Staat nicht allmächtig ist".

Es gibt viele Gründe für diese französische Schizophrenie, einer der entscheidenden hängt jedoch mit dem politischen Geschehen der vergangenen 20 Jahre zusammen. Bis 1981 gab es in Frankreich eine klare Trennung zwischen rechts und links. Seitdem haben sowohl die Regierungen Mitterand als auch Chirac ihre ideologische Schärfe gemildert, um den schwierigen Prozess der Anpassung an Europa und die Globalisierung zu tragen.

Eine Runde "Schocktherapie" à la Margaret Thatcher vor zwanzig Jahren hätte vielleicht ein neues politisches Bewusstsein geschaffen. Doch die einvernehmlich kleckerweise Durchführung von Reformen ermöglichte es den Franzosen, in einer Welt zu leben und in einer anderen zu denken. Dies ist einer der entscheidenden Gründe für die verheerende politische Umwälzung, die während des letzten Wahlkampfes vor der Präsidentschaftswahl stattgefunden hat, als der rechtsextreme Parteichef Jean-Marie Le Pen vor dem amtierenden Ministerpräsidenten Lionel Jospin die zweite Runde der Präsidentschaftswahlen erreichte.

Der Aufstieg der extremen Linken, die während dieses Wahlkampfes 10% der Stimmen für sich verbuchen konnte, zeugt ebenfalls von diesem politischen Scheitern. Frankreich braucht eher eine politische als eine wirtschaftliche Revolution, wenn es sich mit der Realität abfinden soll. Teil dieser Realität ist, dass der "Niedergang Frankreichs" eine Angst ist, die das französische Volk selbst erzeugt.

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