Saturday, October 25, 2014
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Die Gefahren der atomaren Abrüstung

MOSKAU: Russland und die Vereinigten Staaten haben einen neuen Vertrag zur Verringerung strategischer Waffen (START) geschlossen. Dieser reduziert die Zahl ihrer Waffen offiziell um ein Drittel; tatsächlich wird jede der Vertragsparteien lediglich ein paar Dutzend Waffen außer Dienst stellen.

Trotzdem ist der Vertrag eine beachtliche Leistung. Er normalisiert die politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern und erleichtert so ihre künftige Zusammenarbeit und Wiederannäherung.

Die Rückkehr strategischer Atomwaffen ins Zentrum der Weltpolitik steigert Russlands politisches Gewicht und stellt das Feld heraus, in dem sich Russland noch immer als Supermacht zur Geltung bringen kann. Sie verleiht zudem Barack Obama, der als konstruktivster und progressivster US-Präsident seit Jahrzehnten und möglicherweise auf viele Jahre hinaus betrachtet wird, politischen Auftrieb.

Nach der Vertragsunterzeichnung richteten die USA einen Gipfel zur Nichtverbreitung von Atomwaffen aus – ein historisches Ereignis für die Obama-Administration, die den Kampf gegen die Verbreitung von Atomwaffen zu einem Markenzeichen ihrer Politik gemacht hat. Die wenigen auf dem Gipfel erreichten Übereinkommen sind, obwohl begrüßenswert, weniger bedeutsam als der von dem Gipfel erzeugte Eindruck, dass die Führer unserer Welt bereit sind, zusammenzuarbeiten, um etwas gegen die Verbreitung von Atomwaffen zu tun.

Doch die Debatte über die Rolle der Atomwaffen in unserer modernen Welt, aber auch in der Zukunft fängt gerade erst an. Das Weltsystem, auf dem frühere Diskussionen über Atomwaffen beruhten, ist inzwischen fast nicht mehr wiederzuerkennen, was die Angemessenheit der Mentalität und Konzepte, die es uns hinterlassen hat, in Frage stellt.

Im Kern der Sache liegt Folgendes: Es ist offensichtlich, dass Atomwaffen unmoralisch sind. Eine A-Bombe ist Millionen Mal unmoralischer als ein Speer oder Schwert, hunderttausende Male unmoralischer als ein Gewehr, tausende Male unmoralischer als ein Maschinengewehr und hunderte von Malen unmoralischer als Salvengeschütze oder Streubomben.

Aber Atomwaffen weisen zugleich eine wichtige moralische Besonderheit auf: Anders als andere Waffen sind sie ein effektives Mittel zur Verhinderung größerer Kriege und der massenhaften Vernichtung von Menschenleben und Zerstörung von Sachwerten und Kulturen, wie sie die Menschheit im gesamten Verlauf ihrer Geschichtsschreibung heimgesucht haben. Es ist ohne Zweifel moralisch, Atomwaffen abzulehnen und ihre Beseitigung anzustreben, zumindest abstrakt gesehen. Doch ist Letzteres nur vorstellbar, wenn die Menschheit sich ändert.

Die Befürworter der Abschaffung von Atomwaffen sind anscheinend der Ansicht, dass eine derartige Änderung möglich ist. Ich bin es nicht. Tatsächlich sind die Risiken einer Welt ohne oder nur mit einer Mindestzahl an Atomwaffen enorm.

Die atomare Abschreckung – die Drohung, hunderttausende oder gar Millionen von Menschen zu töten – ist ein Konzept, das nicht zu unseren herkömmlichen Moralvorstellungen passt. Aber es funktioniert; es hat katastrophale Kriege verhindert und die Menschen gleichzeitig zivilisierter und vorsichtiger gemacht. Als aufgrund des politischen Niedergangs Russlands in den 1990er Jahren einer der Pole der atomaren Abschreckung schwächer wurde, führte die NATO, ein Verteidigungsbündnis friedlicher, demokratischer Staaten, einen Angriffskrieg gegen Jugoslawien. Heute, da Russland seine Fähigkeiten wiederhergestellt hat, wäre ein derartiger Schritt undenkbar. Nach Jugoslawien kam ein unprovozierter Angriff auf den Irak.

In einer annähernd perfekten Welt würden Russland und die USA keine großen Atomwaffenarsenale brauchen. Doch die Reduzierung der Atomwaffen auf ein bloßes Minimum würde kleinen Atommächten, deren atomares Potenzial dann eine annähernde Parität mit dem größerer Staaten gewinnen würde, einen großen Vorteil verschaffen.

Mehr noch: Die Verringerung von Atomwaffen auf ein bloßes Minimum könnte theoretisch die Nützlichkeit von Raketenabwehrsystemen und ihre destabilisierende Rolle steigern. Und selbst nicht strategische Raketenabwehrsysteme, deren Stationierung nützlich sein könnte, werden dadurch in Frage gestellt.

Bei einer Verringerung der Arsenale an taktischen Atomwaffen, wie sie einige US-amerikanische, europäische und russische Experten vorschlagen, haben die Gegner der derzeitigen Militärreform und Russland sogar noch mehr Grund, sich einer Neuorganisation der konventionellen Streitkräfte des Landes weg von einer Konfrontation gegenüber der NATO und hin zu einer Befähigung zur flexiblen Reaktion gegenüber anderen Bedrohungen zu widersetzen.

Genauso würden, wenn die USA ihre großteils nominalen taktischen Atomwaffen aus Europa abzögen, die strategischen Beziehungen zwischen den USA und Europa geschwächt. Viele Europäer, vor allem in den neuen NATO-Mitgliedsstaaten, würden dann mehr Schutz vor dem mythischen russischen Leviathan verlangen.

Die Weltgemeinschaft scheint ihre strategische Orientierung zu verlieren. Statt sich auf die realen Probleme zu konzentrieren, nämlich die zunehmend instabile internationale Ordnung, versucht sie, Abrüstungskonzepte aus der Zeit des Kalten Krieges zur Anwendung zu bringen. Diese haben bestenfalls einen marginalen Nutzen; häufiger sind sie unter den heutigen Umständen schädlich.

Was heutzutage am wichtigsten ist, ist, das wir uns Gedanken darüber machen, wie wir mit einem zunehmend größeren Club von Atomstaaten leben und zugleich die Welt relativ stabil halten können. Zu diesem Zweck brauchen die beiden großen Atommächte eine koordinierte Abschreckungspolitik gegenüber den neuen Atomstaaten. Zugleich sollten sie Staaten ohne Atomwaffen Garantien bieten, damit diese sich weniger unsicher fühlen. An erster Stelle steht dabei das Erfordernis, das zunehmende Sicherheitsvakuum im Nahen Osten zu füllen. China, der aufstrebende strategische Akteur unserer Welt, könnte sich dieser Politik anschließen, auch wenn es gegenwärtig, was seine Militärmacht angeht, nur an dritter Stelle rangiert.

Rüstungskontrollgespräche sind überwiegend dafür nötig, die nationalen Arsenale transparenter zu machen und Vertrauen zwischen den Großmächten aufzubauen. Zu mehr taugen sie nicht.

Statt also Verträge aus der Zeit des Kalten Krieges zu imitieren, müssen wir eine internationale Diskussion über die Rolle von militärischer Macht und Atomwaffen in der sich herausbildenden Welt einleiten. Wir würden dann möglicherweise irgendwann erkennen, dass die Beseitigung der Atomwaffen nicht nur ein Mythos ist, sondern ein schädlicher Mythos, und dass Atomwaffen ein nützlicher Aktivposten sind, der die Menschheit bisher vor sich selbst bewahrt hat und dies auch in Zukunft tun könnte.

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