Sunday, November 23, 2014
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Sommerkrisen

PRINCETON – Die Krise in Europa ist nun an einem Punkt angelangt, an dem die Entscheidung zwischen Erholung und Erneuerung oder Niedergang und Auflösung fällt. Während Kommentatoren und Finanzanalytiker vor ein paar Wochen noch meinten, zur Rettung Europas blieben nur wenige Monate, sprachen die von Gipfel zu Gipfel taumelnden Spitzenpolitiker kürzlich schon von wenigen Tagen.  

Sommerkrisen sind ein vertrauter Bestandteil der europäischen Geschichte – und der Finanzgeschichte. Tatsächlich war das 20. Jahrhundert von drei Sommerkrisen geprägt, deren Schwere in allen Fällen durch die urlaubsbedingte Abwesenheit wichtiger Entscheidungsträger verschärft wurde.

In zwei Jahren werden die Europäer des hundertsten Jahrestages der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 und der darauf folgenden „Julikrise“ gedenken, die im August desselben Jahres zum Ersten Weltkrieg führte. Am 13. Juli 1931 brach das deutsche Bankensystem zusammen und sorgte so dafür, dass sich ein amerikanischer Wirtschaftsabschwung zur weltweiten Großen Depression auswuchs. Am 15. August 1971 erklärte Präsident Richard M. Nixon das amerikanische Bekenntnis zu einem fixen Goldpreis für beendet. Dies führte zu einem Jahrzehnt globaler Währungsinstabilität.

Bei jeder dieser Krisen ging es einerseits um ein höchst fachspezifisches Thema und andererseits auch um weiter gefasste politische Probleme. Und in jedem Fall führten die Verflechtungen des Fachspezifischen mit dem Politischen in das Desaster.  

Im Juli 1914 versuchten Diplomaten eine Lösung zu konzipieren, die es dem Habsburgerreich ermöglichen sollte, mit grenzübergreifenden Polizeiermittlungen umzugehen, die nach einem terroristischen Angriff unumgänglich waren. Den politischen Führern ging es jedoch um die Wiederbelebung und Durchsetzung des nationalen Gedankens.

Im Jahr 1931  waren die Experten mit der komplexen Problematik beschäftigt, die sich aus der Kombination von Reparationen und Kriegsschulden aus dem Ersten Weltkrieg sowie der enormen Verschuldung des öffentlichen Sektors ergab. Populistischen nationalen Bewegungen in vielen Ländern ging es jedoch noch immer um die  Wiederbelebung und Durchsetzung des nationalen Gedankens.

Im Jahr 1971 betraf die fachspezifische Frage die Rolle des Dollars im internationalen Währungssystem. Aber Politiker in anderen Ländern verspürten auch ein Unbehagen hinsichtlich der fortgesetzten zentralen Bedeutung der USA in der Nachkriegsordnung.

In jeder dieser Sommerkrisen reichte es nicht, sich der fachspezifischen Frage zu widmen, um das ganze Problem zu lösen. Das gilt auch heute.

Tatsächlich zeigt sich auch in Europas gegenwärtiger Krise genau die gleiche Mischung an verschiedenen Elementen, die jeweils eine eigene Art der Lösung verlangen. Auf der einen Seite erfordern komplexe nationale Haushaltskrisen und europaweite Bankenprobleme eine umfassende und detaillierte Rettungsaktion. Auf der anderen Seite intensiviert sich seit den frühen 1990er Jahren ein dieser Entwicklung zugrunde liegendes europäisches Führungsproblem – sowohl auf der nationalen als auch auf der supranationalen Ebene der Institutionen der Europäischen Union. 

Zur Lösung der fachspezifischen Frage bedarf es nun eines Mechanismus zur Übernahme existierender Schulden und der Vermeidung zukünftiger exzessiver Kreditaufnahme. In den USA führte Alexander Hamilton im Jahr 1790 Verhandlungen zur Übernahme der Schulden einzelner Bundesstaaten durch den Bund. Aber viele Bundesstaaten legten im frühen 19. Jahrhundert undiszipliniertes Verhalten an den Tag, wobei es auch zu etlichen Pleiten kam. Dies änderte sich, als sie Gesetze oder Verfassungszusätze in ihre jeweiligen Regelwerke aufnahmen, die sie zu ausgeglichenen Haushalten zwangen.

Wenn die europäische Wirtschafts- und Währungsunion funktionieren soll, braucht die EU eine eigene Finanzbehörde. Es ist schon jetzt eine eigentümliche Besonderheit, dass Zölle in einer Zollunion noch immer auf nationaler Ebene verwaltet werden.  

Hamilton machte Zollhäuser des Bundes zu einem zentralen Element seines Vorschlags. Eine europäisierte Variante einer Form der Mehrwertsteuer wäre ein gewaltiger Fortschritt bei der Bekämpfung des massiven Betrugs, den das gegenwärtige System fördert. Die Mobilität der Arbeitskräfte ist ohne ein gemeinsames Renten- und Sozialleistungssystem ebenfalls nicht vollständig zu erreichen. Jemand, der fünf Jahre in Frankreich, fünf Jahre in Griechenland und dann fünf Jahre in Deutschland arbeitet, bleibt unter der gegenwärtigen Regelung auf kleinen, fragmentierten Leistungsansprüchen sitzen.

Eine Lösung ist allerdings nur dann akzeptabel, wenn sie in ganz Europa, in Schuldner- und Gläubigerländern gleichermaßen, Anklang findet. Es gibt keinen Grund, warum eine verfassungsmäßige Lösung einschließlich eines Schuldenlimits, nicht auch ein breites Maß an Akzeptanz finden sollte. Dies vor allem in Schuldnerländern, die den von verschwenderischen Regierungen verursachten politischen und wirtschaftlichen Schaden schon zu spüren bekommen.   

Der Auslöser der populistischen Gegenbewegung ist das Spektakel der politischen Autoritäten rund um die Ausarbeitung fachsspezifisch komplizierter Lösungen, denen es an Glaubwürdigkeit fehlt. Einfach ausgedrückt: Die Experten müssen aufhören, die europäischen Bürger zu behandeln, als ob sie dumm wären.

Aus diesem Grund braucht Europa eine längerfristige verfassungsmäßige Erneuerung durch neue Verträge ebenso wie eine dringende  kurzfristige Problemlösung. Die Arbeit auf Grundlage existierender Verträge erscheint lediglich wie das Aufwärmen alter Rezepte – ein massives Problem, das alle sehen, wird verleugnet. Man kann es der Öffentlichkeit nicht verdenken, wenn  sie an dieser Vorgehensweise würgt.

Man denke an europäische Krisen, die gut ausgingen. Am 16. Juni 1940 schlug Winston Churchill im Gefolge der deutschen Invasion in Frankreich eine politische Union zwischen Frankreich und Großbritannien vor. Ein Jahrzehnt später präsentierte der westdeutsche Kanzler Konrad Adenauer den Vorschlag einer politischen Union zwischen Frankreich und Deutschland. Das ist die Art von Unerschrockenheit, derer es momentan bedarf.

In der Vergangenheit schweißten Kriege, immense Beeinträchtigungen und Leid Nationen zusammen. Ist Europas gegenwärtige Krise schwer und beeinträchtigend genug, um einen analogen Effekt zu erzeugen? Je mehr Europa leidet, desto stärker werden die Menschen eine Reformagenda der kleinen Schritte zurecht als völlig sinnlos betrachten.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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    1. CommentedProcyon Mukherjee

      This is in response to Gary’s repeated reference to public debt and taxation and its equivalence and costs. Let me try to bring in a dynamic that goes beyond the simplistic paradigm that Gary has constructed. The first part of the dynamic is that the tax revenues are cyclical with a slight phase lag with the business cycles and there is therefore the attempt made towards ‘tax smoothening’. The second part of the dynamic is the attempt towards inflation targeting and making a one-on-one increase in the nominal interest rate versus a larger increase and how the market participants respond to it; too much of restraint by the market participants renders the passive fiscal policies infeasible therefore. The third is the threshold level of public debt and beyond which monetary policy independence is doubtful. There is beyond this the issue of general price level, private wage and general employment level dynamics.

      Procyon Mukherjee

        CommentedGary Marshall

        Hello Procyon,

        I have already addressed your points in a previous post.

        The short proof only shows that Taxation has no financial benefit for a nation.

        If a nation were to borrow instead of Tax, the assets created will equate to the sired liabilities.

        The proof may be simple, but its intended to be simple so that one may easily understand it.

        As Taxation has no financial benefit, then why does any nation Tax to fund its public expenditures?

        I know that tax revenues are cyclical. The government expends most when the economy is at its peak. It then expends less when the economy recedes. The very opposite of what prudent policy should be. This time around, governments expended greatly at the height of the business cycle, and then far more during the recession, greatly enlarging government participation in the economy and ensuring enduring high levels of participation.

        I don't know what you mean, Procyon, by some attempt at tax smoothing. What exactly is the practice and how does it apply to current public finance practices?

        By abolishing Taxation and solely borrowing, a nation's public expenditures will reach a maximum when the interest rate reaches a minimum, and a minimum when the interest rates a maximum. This should greatly temper ruinous fiscal tendencies inherent in Taxation and save the nation a hell of a lot of pain.

        With borrowing, government will be forced by its petulant and perpetual banker to justify every public expenditure. As funds will now come with a capital charge, the government will be compelled to ensure returns greater than all costs. This measure should get rid of all that public squander and destructive inflation now infesting every public expenditure undertaken with borrowed money. As there shall be no inflation, there will not be no further need for inflation targeting by any monetary authority. As there shall be little squander, the nation shall produce at rates far greater than previously, ensuring a wealthier nation for all.

        Employment will soar when the deterrent effect of Taxation is removed from the economy. Individuals and firms will no longer have to factor in the harmful effects of Taxation in calculating economic outcomes on their household or commercial activities.

        General price levels will fall with the great constraints now placed upon ruinous fiscal policies or squander in troubled times and in good times. And productive employment shall rise to a maximum with constraints upon the unproductive employment highly encouraged by government fiscal squander and perverted tax policies.

        The only monetary policy I have seen is either inherently destructive or impeding of market forces of supply and demand, or its innocuous. The nation will be far better off without it.

        What a better world it shall be.

        And the meek shall inherit the earth!

        GM

    2. CommentedGary Marshall

      Hello Mr. James,


      The individual European countries have the means to remedy their current problems with ease. There is not need of some collective fiscal measure or coordinated prescription.

      The means to that end is contained in the little proof below for the abolition of Taxation, which novelty may be absurd on its face, but not so when examined.

      If you or anyone can find the flaw in this proof, I shall be more than happy to give the reward of $50,000. None have yet been successful. Perhaps because so few have tried.

      Its not the end of Europe or the world, but a new beginning.

      Enjoy!

      ####

      The costs of borrowing for a nation to fund public expenditures, if it borrows solely from its resident citizens and in the nation's currency, is nil.

      Why? Because if, in adding a financial debt to a community, one adds an equivalent financial asset, the aggregate finances of the community will not in any way be altered. This is simple reasoning confirmed by simple arithmetic.

      The community is the source of the government's funds. The government taxes the community to pay for public services provided by the government.

      Cost of public services is $10 million.

      Scenario 1: The government taxes $10 million.

      Community finances: minus $10 million from community bank accounts for government expenditures.
      No community government debt, no community
      government IOU.

      Scenario 2: The government borrows $10 million from solely community lenders at a certain interest rate.

      Community finances: minus $10 million from community bank accounts for government expenditures.
      Community government debt: $10 million;
      Community government bond: $10 million.

      At x years in the future: the asset held by the community (lenders) will be $10 million + y interest. The deferred liability claimed against the community (taxpayers) will be $10 million + y interest.

      The value of all community government debts when combined with all community government IOUs or bonds is zero for the community. It is the same $0 combined worth whether the community pays its taxes immediately or never pays them at all.

      So if a community borrows from its own citizens to fund worthy public expenditures rather than taxes those citizens, it will not alter the aggregate finances of the community or the wealth of the community any more than taxation would have. Adding a financial debt and an equivalent financial asset to a community will cause the elimination of both when summed.

      Whatever financial benefit taxation possesses is nullified by the fact that borrowing instead of taxation places no greater financial burden on the community.

      However, the costs of Taxation are immense. By ridding the nation of Taxation and instituting borrowing to fund public expenditures, the nation will shed all those costs of Taxation for the negligible fee of borrowing in the financial markets and the administration of public
      debt.

      Regards,
      Gary Marshall

    3. Portrait of Michael Heller

      CommentedMichael Heller

      Harold James:

      I recall you wrote in The Roman Predicament - “Kindelberger defended his view that crisis solution depended on the ability of brilliant men to devise innovative and novel solutions, and that pedantic following of rules was unwise and counterproductive”. A little later in the same book, you concluded “Rules may be a way of ensuring that the genius of Terminus does not in practice terminate experiments in the extension of the principles of legal certainty and order”.

      I guess Europe needs -- as implied by your article today -- both a brilliant strong leader, perhaps a woman, and a well designed innovative set of constitutional rules. It is classically the make-or-break crisis window-of-opportunity when leadership and ideas can trump incremental evolution. Thanks for the provoking and positive analysis.

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