Sunday, October 26, 2014
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Die Kosten von Dick Cheney

LONDON: George W. Bush hat mit der Arbeit an seinen Memoiren begonnen (zählen Sie bis zehn, bevor Sie reagieren).

Die Autobiografien politischer Führer sind kein allzu anregendes literarisches Genre. Erstens können die wenigsten Politiker gut schreiben, von Ausnahmen wie etwa Nehru, Churchill und de Gaulle abgesehen. Kein Wunder also, dass die meisten von ihnen Ghostwriter engagieren, wie den in Robert Harris’ hervorragendem Thriller „Ghost“, der tatsächlich eine vernichtende Kritik am früheren britischen Premierminister Tony Blair ist.

Zweiten sind diese Memoiren gewöhnlich kaum mehr als eine scheibchenweise vorgebrachte Selbstrechtfertigung, durchmischt mit Aufzählungen berühmter Leute, die die Betreffenden im Laufe ihres Lebens ganz oben kennen gelernt haben. So spricht etwa Bill Clinton in Person mit Wärme, Geist und großer Beredsamkeit; seine Autobiografie jedoch ist nicht lesenswert.

Drittens werden diese Bücher gewöhnlich vor allem wegen der hohen Honorare geschrieben. Wobei mir freilich unklar ist, wie die Verlage je ihre millionenschweren Vorschüsse wieder hereinbekommen. Als der große General George C. Marshall – dessen Memoiren über den Zweiten Weltkrieg und seine Amtszeit als US-Außenminister jeden Cent wert gewesen wären – in den 1950er Jahren von einem Verlag eine Million Dollar für seine Autobiografie angeboten bekam, antwortete der alte Herr: „Was sollte ich mit einer Million anfangen?“ In was für einer ganz anderen Welt wir doch heute leben.

Was das bisher titellose Bush-Projekt angeht: Die gute Nachricht ist, dass es sich dabei wohl nicht um den üblichen Versuch handelt, den eigenen Ruf aufzupolieren. Statt am Anfang seiner Präsidentschaft und all jenen zweifelhaften Wahlautomaten in Florida zu beginnen und sich dann bis zum unpopulären Ende abzuplagen, scheint sich Bush auf seine 20 folgenschwersten Entscheidungen im Weißen Haus konzentrieren zu wollen. Er wird außerdem Schlüsselmomente seines Lebens in den Mittelpunkt stellen – etwa seine Entscheidungen, mit dem Trinken aufzuhören und Dick Cheney als Vizepräsidenten auszuwählen.

Dass er seine Sucht bewältigt hat, wirft ein extrem gutes Licht auf Bush, seine Charakterstärke und die Unterstützung seiner Frau und seiner Familie. Sich von einer Sucht abzuwenden, ist nie leicht. Wer es tut – im Falle Bushs mit Hilfe eines wachsenden religiösen Glaubens –, verdient Sympathie und Anerkennung.

Es war nie Bushs Entschlossenheit, die im Zweifel stand, und ebenso wenig seine Herzlichkeit – trotz seiner etwas nervigen Reicher-Junge-Ulkereien. Auch habe ich nie geglaubt, dass der ehemalige Präsident dumm ist, eine Kritik vieler seiner europäischen Kollegen, die selbst nicht gerade Philosophenkönige waren.

Das Problem bei Bush war nicht der Mangel an Intelligenz, sondern ein völliges Fehlen intellektueller Neugier. Er war damit zufrieden, sich auf seinen eigenen, seichten Vorurteilen auszuruhen, und der Rest der Welt musste in dieses eng umgrenzte Terrain hineingezwängt werden.

An dieser Stelle nun kam Cheney ins Spiel. Bushs Entscheidung für ihn war mit Sicherheit ein zentraler Moment. Man stelle sich vor, wie viel anders die Welt und das Urteil über Bushs Präsidentschaft heute aussehen könnten, wenn er Colin Powell oder John McCain als Running Mate ausgewählt hätte.

Cheney bestärkte Bush in seinen Vorurteilen und besetzte mit rücksichtsloser Energie den dank Bushs Trägheit und des mangelnden politischen Einflusses der Nationalen Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice unbesetzten Raum der Politikgestaltung.

Woran glaubte Cheney? Er dachte, Ronald Reagan habe bewiesen, dass Haushaltsdefizite keine Rolle spielen. Er glaubte an den Kapitalismus – oder zumindest daran, die Großunternehmen und die Reichen zu unterstützen –, auch wenn eher fraglich ist, ob er verstand, wie freie Märkte in einem Rechtsstaat funktionieren sollten. Das Recht war nie Cheneys starke Seite.

Er war ein Apologet amerikanischer Macht, obwohl er sich während der Zeit des Vietnamkriegs durch alle möglichen Windungen und Tricks vor deren schmerzlicher Konsequenz, der Einberufung, gedrückt hatte. Er meinte, dass der amerikanische Präsident über dem von der US-Verfassung vorgesehenen System der Checks ampamp; Balances stehen sollte und ebenso, dass sein Land nicht durch internationale Regeln eingeschränkt sein sollte. Regeln galten für andere, und Cheneys einzige öffentliche Meinungsverschiedenheit mit Bush – ganz am Ende seiner Amtszeit – betraf die Weigerung des Präsidenten, Cheneys wegen Meineids verurteilten ehemaligen Stabschef Scooter Libby zu begnadigen.

Cheneys Einfluss resultierte in dem blutigen Desaster im Irak, der moralischen Beschämung von Guantanamo, Waterboarding und den „außerordentlichen Rückführungen“, der Verzweiflung der Freunde Amerikas und der Verachtung seiner Kritiker, einer Galaparade der Doppelmoral überall auf dem Erdball. Engstirnig und parteiisch, war Dick Cheney einer der mächtigsten Vizepräsidenten, die Amerika je hatte. Und mir fällt kein anderer ein, der Amerika zu Hause und seinem Ruf im Ausland derart geschadet hat.

Kein Wunder als, dass Bush die Auswahl Cheneys als derart zentrale Entscheidung betrachtet. Ideen spielen in der Politik eine wichtige Rolle, und Bush, der selbst nur wenige, simplizistische Ideen hatte, musste erleben, dass seine Agenda zunehmend von seinem cleveren Stellvertreter geformt und dominiert wurde. Das war letztlich der Grund für sein Scheitern.

Bushs Präsidentschaft wurde von dem Mann diskreditiert und ruiniert, den er sich verhängnisvollerweise als Mitarbeiter ausgesucht hatte. Die größere Tragödie ist freilich, dass so viele andere einen so viel höheren Preis dafür zahlen mussten als Bush selbst. „Die Kosten von Dick Cheney“ – das könnte der passende Titel für Bushs Memoiren sein.

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