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USA: teures Gratismittagessen

BRÜSSEL: Seit Jahrzehnten stöhnt die Welt, die Rolle des Dollars als globale Reservewährung verschaffe den USA – um eine Formulierung zu nutzen, die gewöhnlich Charles de Gaulle zugeschrieben wird, aber tatsächlich von seinem Finanzminister, Valery Giscard d’Estaing, stammt – ein „exorbitantes Privileg“. Solange das Bretton-Woods-System fester Wechselkurse bestand, war die Beschaffenheit dieses Privilegs klar: Die USA waren das einzige Land, das seine Geldpolitik frei bestimmen konnte. Alle anderen hatten sich der von den USA diktierten Politik anzupassen.

Die änderte sich mit der Einführung flexibler Wechselkurse Anfang der 1970er Jahre, die es stabilitätsbewussteren Ländern wie etwa Deutschland gestatteten, sich von der ihrer Ansicht nach zu inflationären US-Geldpolitik abzukoppeln. Doch selbst bei flexiblen Wechselkursen blieb den USA ein Vorteil: Da der Dollar die wichtigste globale Reservewährung blieb, konnten die USA große Zahlungsbilanzdefizite zu sehr günstigen Zinsen finanzieren.

Nach heute kann das US-Finanzministerium unbegrenzte Beträge zu extrem niedrigen Zinsen borgen. Tatsächlich liegen die Zinsen inflationsgeschützter Staatsanleihen inzwischen bei -0,5%, und zwar selbst für eine Laufzeit von fünf Jahren! Die US-Regierung wird also de facto dafür bezahlt, dass sie das Geld der Anleger entgegennimmt – ein großzügiges Angebot, dass sie im enormen Umfang annimmt, in der Hoffnung, dass die Kanalisierung dieser Gelder hin zu den amerikanischen Verbrauchern die Ausgabefreudigkeit der Haushalte erhöhen und so mehr Arbeitsplätze schaffen wird.

Die USA scheinen dem sprichwörtlichen „free lunch“ so nahe gekommen zu sein, wie dies vorstellbar ist – bloß dass, wie die Wirtschaftswissenschaftler so gerne betonen, im Leben nichts umsonst ist. Und das gilt auch hier: Dass sie die Rolle der Reservewährung übernehmen, erlaubt den USA, billige Kredite aufzunehmen, doch auf Kosten jeglichen größeren Einflusses auf den Wechselkurs, der durch die Nachfrage der übrigen Welt nach Dollars bestimmt wird.

Deutschland musste dies während der 1960er und 1970er Jahre erfahren und widersetzte sich dem Trend, die D-Mark zur internationalen Reservewährung zu machen, weil es fürchtete, die exportorientierte Wirtschaft des Landes würde unter den starken Währungsschwankungen leiden, die bei globalen Reservewährungen die Norm sind. Doch angesichts der Schwäche der übrigen europäischen Währungen und des deutschen Wunsches, die Märkte offen zu halten, konnte es kaum etwas dagegen tun.

Als die D-Mark in den 1980er und 1990er Jahren zur wichtigen internationalen Reservewährung wurde, hatten die starken Schwankungen im Wechselkurs des Dollars zeitweise dramatische Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Ein Grund dafür, dass Deutschland sich bereit erklärte, die D-Mark im Euro aufgehen zu lassen, war die Hoffnung, eine Währungsunion würde die Last der Reservewährung über einen breiteren Raum verteilen.

Die US-Volkswirtschaft ist noch immer eine relativ geschlossene Wirtschaft (Importe und Exporte machen im Durchschnitt nur etwa 15% vom BIP aus), und historisch gesehen war der Export noch nie der große US-Wachstumsmotor. Daher lautete die traditionelle Haltung der USA: „Unser Wechselkurs, aber eurer Problem.“

Warum also ist das heute anders? Die Antwort ist klar: wegen der hohen US-Arbeitslosenquote, die sich irgendwo zwischen 9% und 10% eingependelt hat. Dies ist der Preis, den Amerika für sein Gratismittagessen zahlen muss: Die Amerikaner können weiterhin viel konsumieren, aber die Arbeitsplätze sind inzwischen woanders.

Inzwischen hat China Deutschland (und Japan) als führender Exporteur der Welt abgelöst – aber mit einem Unterschied: Es verfolgt ein striktes Wechselkursmanagement und setzt dabei auf Kapitalkontrollen und massive Interventionen auf den Devisenmärkten. Als einzige bedeutende Volkswirtschaft mit Kapitalkontrollen hat sich China sein eigenes „exorbitantes Privileg“ geschaffen: Es kann seinen Wechselkurs bestimmen, weil kein einziges anderes großes Land Kapitalkontrollen eingeführt hat.

Die beiden wirtschaftlichen Weltmächte missgönnen einander ihre „exorbitanten Privilegien“. Die USA hätten gern die chinesischen Arbeitsplätze, und die Chinesen hätten gern bessere Anlagemöglichkeiten. Keiner von beiden weicht einen Fingerbreit zurück, obwohl beide den toten Punkt leicht überwinden könnten.

Die Chinesen könnten ihre Kapitalkontrollen abschaffen und den Wechselkurs des Renminbi freigeben. Die USA andererseits könnten Chinas Privileg auf einfache Weise beenden, indem sie den Verkauf von Staatsanaleihen (und anderen US-Schuldtiteln) an die chinesischen Währungsbehörden unterbinden. Damit würden sie nicht gegen ihre internationalen Verpflichtungen verstoßen und keinen Handelskrieg beginnen. Ein derartiger Schritt wäre angesichts des enormen Volumens der chinesischen Interventionen (hunderte von Milliarden US-Dollar jährlich) – die nicht ohne Weiteres durch außeramerikanische Banken abgewickelt werden könnten, ohne die chinesische Zentralbank vielen anderen Risiken auszusetzen – mit hoher Wahrscheinlichkeit effektiv.

Die chinesischen Behörden am Kauf von US-Schuldtiteln zu hindern, käme de facto einer Einführung von Kapitalkontrollen gleich und würde damit das chinesische Monopol auf derartige Instrumente brechen. Doch könnte es zugleich das Ende von Amerikas Position als Zentrum des Weltfinanzsystems einläuten – und damit das Ende seines eigenen „exorbitanten Privilegs“.

Es ist nun mal nichts umsonst. Die USA müssen sich zwischen der Schaffung von Arbeitsplätzen, die einen konkurrenzfähigeren Wechselkurs erfordert, und der billigen Finanzierung ihrer Zahlungsbilanz- und Haushaltsdefizite entscheiden.

Während China und die USA die Sache auskämpfen und dabei jeweils versuchen, ihr eigenes „exorbitantes Privileg“ zu erhalten, scheint Europa in der Mitte gefangen; es leidet unter denselben Nachteilen wie die USA, genießt aber keines ihrer Privilegien. Der Euro ist ebenfalls eine globale Reservewährung (wenn auch von zweitrangiger Bedeutung), doch die Finanzierungskosten der meisten Regierungen des Euroraums sind deutlich höher als das, was das US-Finanzministerium zahlt. Dies gehört zu den Kosten der unvollständigen Finanzintegration Europas.

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