Saturday, November 1, 2014
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Die Banken als Bürger

LONDON – Kurz nach Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 nahm ich an einer Konferenz in den Vereinigten Staaten teil, wo mich ein hochrangiger Wirtschaftsberater des Weißen Hauses fragte: „Glauben Sie, dass Banken gute Bürger sein können?“

Als ich anhob, mit „Ja“ zu antworten, warf er ein: „Wenn Sie mit ‚ja’ antworten, bedenken Sie, dass Ihnen niemand glauben wird.“

Seine weiteren Ausführungen, veranlassten mich zu weiter gehenden Reflexionen. Ich habe in den letzten, für die Weltwirtschaft so schwierigen drei Jahren viel darüber nachgedacht.

Das wirtschaftliche Umfeld, in dem wir alle heute leben und arbeiten, stellt eine besondere Herausforderung dar. In Europa, Großbritannien und den Vereinigten Staaten spüren wir die Auswirkungen der in den Jahren vor 2008 angehäuften untragbaren privaten und öffentlichen Schulden. Nun sind Regierungen und private Haushalte dabei, ihre Ausgaben zu kürzen, wobei diese Maßnahmen mit einem unterschiedlichen Grad an sozialer Akzeptanz und Unruhen verbunden sind.  

Das allerwichtigste Thema für Banken und andere Unternehmen im Jahr 2012 wird ihr Schwerpunkt auf Wirtschaftswachstum und Arbeitsplatzschaffung sein. Aber um ihre angestammte Rolle im Bereich der Schaffung von Arbeitsplätzen zu spielen, müssen die Banken das Vertrauen wiederherstellen, das durch die Ereignisse der letzten drei Jahre in Mitleidenschaft gezogen wurde. Dazu müssen die Banker ihre Lehren aus der Krise ziehen, um bessere und leistungsfähigere Bürger zu werden.

Einfach ausgedrückt ist festzustellen, dass der private Sektor eine Verpflichtung hat, als Wachstums- und Beschäftigungslokomotive zu fungieren und Banken eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, dieses Ziel zu erreichen. Allerdings ist es den Banken nur sehr bedingt gelungen, ihren Beitrag für die Gesellschaft zu kommunizieren. Dieses Problem gilt es, im Zuge der Wiederherstellung des Vertrauens in unsere Aktivitäten, zu beheben.

Prinzipiell werden den Banken die Ersparnisse von Einzelpersonen, Firmen und Staaten anvertraut. Wir lassen dieses Geld arbeiten, indem wir beispielsweise den Menschen helfen, sich ein Haus zu kaufen oder Kredite an wachsende Unternehmen vergeben.  

Durch die Bereitstellung eines direkten Zugangs für globale agierende Anleihen- und Aktienkäufer sowie durch die Schaffung großer einheitlicher Märkte für Käufer und Verkäufer, bieten Banken auch Staaten und Unternehmen zentrale Dienstleistungen. Von mancher Seite werden diese Aktivitäten als Spekulationsgeschäfte hingestellt und die Finanzmärkte sogar als Casinos verspottet. Tatsächlich aber befriedigen diese Märkte ein grundlegendes Kundenbedürfnis.

Um diesen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, müssen die Banken natürlich sicherer und stärker sein, als sie es vor der Krise waren. In Wahrheit ist auf dem Finanzsektor von heute vieles grundlegend anders. Die Banken nehmen nicht mehr so viele Kredite auf und sie verfügen über mehr Kapital sowie über stabilere und liquidere Mittel für die Kreditvergabe.

Starke Banken wollen eine starke Regulierung und wir sind der Meinung, dass nie wieder Steuergeld aufs Spiel gesetzt werden darf, um zusammenbrechende oder bereits kollabierte Banken zu retten. Aber drei Jahre nach dem Einsetzen der Finanzkrise von 2008 stehen wir noch immer vor erheblichen Herausforderungen, wie die anhaltende Krise in der Eurozone zeigt. Es ist daher keine Überraschung, dass viele Menschen Zweifel hegen, ob sich überhaupt irgendetwas geändert hat.

Die einzige Möglichkeit für Banken, das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederzugewinnen, besteht darin, bessere Bürger zu werden. Das beginnt damit, wie sich Banken verhalten und zeigen,  dass sie vertrauenswürdig und integer agieren.  Interessen von Kunden und Klienten müssen im Mittelpunkt jeder unserer Entscheidungen stehen. 

Im Jahr 1970 schrieb Nobelpreisträger Milton Friedman – einer meiner Lieblingsökonomen – einen maßgebenden Artikel, in dem er argumentierte, dass die einzige soziale Verantwortung von Unternehmen die Vermehrung ihres Profits sei. In diesem Punkt bin ich nicht seiner Meinung.  

Unternehmen müssen ihre Profite in einer Weise vermehren, die nicht nur zu kurzfristigen Gewinnen, sondern zur Schaffung eines nachhaltigen Shareholder Value führen. Das gilt für alle Branchen, nicht nur für das Bankwesen. Die Vorteile dieses Ansatzes sind aus der Entwicklung von Unternehmen wie Unilever, PepsiCo und Nestle abzulesen.

Banken können und sollten ebenso agieren, indem sie die Interessen ihrer Kunden, Klienten und Kommunen in den Vordergrund stellen. Die Herausforderung besteht darin, ein Gleichgewicht in unseren Verpflichtungen gegenüber allen unseren Anspruchsgruppen herzustellen. Das gilt für Kunden und Aktionäre ebenso wie für Rentenfonds, die Millionen Menschen auf der ganzen Welt helfen, für das Alter zu sparen.

Das ist nicht immer einfach und die Entscheidungen, die wir – wie jedes andere Unternehmen auch – jeden Tag treffen, sind von Natur aus von Konflikten geprägt.  Aber Entscheidungen im Sinne unserer Kunden, Klienten, Aktionäre und Kommunen zu fällen, stellt sicher, dass wir öfter zu richtigen als zu falschen Beurteilungen gelangen.

Aus diesem Grund lautet die Antwort auf die Frage, die mir vor drei Jahren gestellt wurde, dass Banken gute Bürger sein müssen. Es ist mir bewusst, dass die Menschen einen sichtbaren Unterschied in der Art, wie Banken als Teil der Gesellschaft agieren, erkennen müssen, um von diesem Konzept überzeugt zu sein. Sie erkennen diesen Unterschied vielleicht nicht sofort, aber der aktuell einsetzende Wandel befindet sich noch in einem Frühstadium. Dennoch sind wir entschlossen, weiter daran zu arbeiten und ich stehe dafür, dass dieser Wandel auch eintritt.

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