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Chinas Schwierigkeiten, zu investieren

NEW YORK: China sitzt inzwischen auf 2,4 Billionen Dollar Devisenreserven, dem größten Vorrat weltweit (Japan steht mit einer Billion Dollar auf Platz 2). Nur bereitet dieser Schatz den Funktionären der KPCh inzwischen Kopfschmerzen: Wo sollen sie bloß das ganze Geld parken?

Internationale Bankexperten schätzen, dass rund zwei Drittel der chinesischen Reserven in Dollaranlagen investiert sind. Mit anderen Worten: China ist Eigentümer eines riesigen Brockens der wachsenden Schulden Amerikas. Die in diese konservativen Finanzinstrumente investierten chinesischen Reserven sind relativ sicher, bringen jedoch nur eine sehr geringe Rendite. Aber sie haben der chinesischen Volkswirtschaft geholfen, indem sie es den Amerikanern ermöglichten, mehr chinesische Waren zu kaufen, als sie von Rechts wegen brauchen.

Nun naht für beide Seiten dieser kodependenten, letztlich dysfunktionalen wirtschaftlichen Beziehung die Stunde der Wahrheit. Erstens gibt es Grenzen, wie viele Billionen Dollar China in US-Schatzanleihen unterbringen kann und sollte. Denn sollte der Dollar abwerten, wird sich China wünschen, nicht zu viel auf die US-Karte gesetzt zu haben. Anleger müssen ihre Risiken streuen, und das gilt auch für China.

Nur sind bei derart viel Kapital die Alternativen begrenzt. Vor der jüngsten Euroschwäche hatten Chinas Banker mehr auf Euro lautende Anlagen erworben, da ihnen zweifellos bewusst ist, dass die chinesischen Exporteure – trotz der wirtschaftlichen Schwäche des Euroraums – weiter auf die europäischen Verbraucher angewiesen sind. Die Wahrheit freilich ist, dass weder Euro noch Yen imstande sind, Chinas wachsende Devisenreserven aufzusaugen.

Es kann also kaum überraschen, dass die chinesischen Regierungsvertreter begonnen haben, sich weltweit nach breiter gestreuten und rentableren Anlagechancen umzusehen. Mit Chinas brennendem Interesse an Rohstoffen wie Öl, Kohle, Stahl, Kupfer und Sojabohnen sind wir inzwischen vertraut; andere Arten chinesischer Investments – darunter komplette Übernahmen ausländischer Unternehmen – sind weniger bekannt.

In dieser Hinsicht haben sich die USA bisher als nicht sonderlich freundliches Umfeld für chinesische Investitionen erwiesen. Dies gilt besonders dort, wo chinesische Staatsunternehmen bekannte US-Konzerne, die auch nur dem Anschein nach eine Bedeutung für die nationale Sicherheit besitzen, übernehmen oder sich bei ihnen einkaufen wollen.

Das Ganze ging 2005 gleich ziemlich schlecht los, als die China National Off-Shore Oil Corporation (CNOOC) Unocal kaufen wollte. Obwohl fast das gesamte von Unocal produzierte Öl letztlich auf dem Weltmarkt gelandet wäre und nicht in China, sorgte die Ungebärdigkeit des US-Kongress dafür, dass Unocal an das heimische Unternehmen Chevron verkauft wurde.

Zwar gab es inzwischen zahlreiche weniger ins Auge springenden Engagements chinesischer Anleger, doch das gescheiterte Unocal-Geschäft hat Verbitterung hinterlassen. Es ist also wenig überraschend, dass Chinas gebrannte (und verärgerte) Investoren weitere größere Anstrengungen in den USA scheuen. Huaweis jüngste, fehlgeschlagene Gebote für 2Wire und Motorola dürften diese Bitterkeit nur weiter befeuert haben.

Tatsächlich gab es diesen Sommer noch einen Fall, der dem von Unocal ähnelte. Die Anshan Iron & Steel Group, ein chinesisches Staatsunternehmen, versuchte, eine 20%ige Beteiligung an der Steel Development mit Sitz in Mississippi zu erwerben, in der Hoffnung, in den USA ein Fertigungswerk für Betonrippenstahl zu errichten. Die Nachricht über den bevorstehenden Geschäftsabschluss brachte 50 Mitglieder des US-Repräsentantenhauses aus dem Stahlcausus des US-Kongress dazu, ein Schreiben an Finanzminister Timothy Geithner aufzusetzen, er möge prüfen, ob das Geschäft die nationale Sicherheit der USA und amerikanische Arbeitsplätze bedrohe.

Natürlich haben die USA, was China angeht, berechtigten Grund, sich über Fragen der nationalen Sicherheit Sorgen zu machen. Der Kongress hat den Ausschuss für ausländische Investitionen in den USA eben deshalb eingerichtet, um die Auswirkungen von Geschäften mit Ländern wie China auf die nationale Sicherheit zu prüfen.

Und auch wenn sich die Beziehungen zu den USA verbessert haben, bringt man der Volksrepublik dort herzlich wenig Vertrauen entgegen. Tatsächlich ist nach wie vor unklar, wohin Chinas erstaunliche Entwicklung letztlich führen wird; insofern wäre es seitens der amerikanischen Führung naiv, anzunehmen, dass Chinas Absichten immer freundlich und konstruktiv sein oder beide Länder sich unweigerlich immer weiter annähern werden.

Trotzdem kommt die jüngste Zurückweisung chinesischer Bemühungen, in den USA zu investieren, zu einem Zeitpunkt, wo ein an Kapital und Jobs armes Amerika (die Arbeitslosigkeit in den USA liegt derzeit über 10%) klar von mehr Empfänglichkeit gegenüber Investitionen aus dem kapitalreichen China profitieren könnte.

Betrachten wir einige Fakten: Laut Wall Street Journal sind in den USA seit Dezember 2007 fast 16% der Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe verloren gegangen (viele davon nach China). Damit sind in diesem Sektor nun weniger Menschen beschäftigt als zu irgendeiner Zeit seit vor dem Zweiten Weltkrieg. Von den noch immer im Privatsektor beschäftigten Arbeitnehmern sind fast 5% – 5,5 Millionen – bei globalen Unternehmen mit Sitz im Ausland beschäftigt. Diese Unternehmen zahlen nicht nur höhere Gehälter als ihre amerikanischen Wettbewerber; auf sie entfallen zudem 11,3% der Anlageinvestitionen und 14,8% der privatwirtschaftlichen Forschung und Entwicklung in den USA.

Man sollte angesichts dieser Zahlen erwarten, dass sich die US-Regierung aktiv um chinesische Investitionen bemühen würde, statt sie unnötigerweise zu vergraulen. Wenn Amerikas Regierungsvertreter die Realitäten der heutigen globalisierten Welt nicht bald erkennen, könnten die USA feststellen, dass sie sich unabsichtlich (und in selbstzerstörerischer Weise) von genau jenen neuen ausländischen Investitionsströmen abgeschnitten haben, die sie zur Wiederbelebung ihrer Produktions- und Infrastruktursektoren so dringend brauchen.

Die bittere neue Wahrheit ist, dass sich die USA und das „alte Europa“ in jüngster Zeit einen weiteren Schritt zu „Entwicklungsländern“ hin entwickelt haben. Die Erkenntnis mag schmerzen, doch Amerikas Anteil an den globalen ausländischen Direktinvestitionen ist inzwischen nur noch halb so hoch wie vor zwei Jahrzehnten. Falls sich die Regierung Obama und die Vertreter der EU keine vernünftige Mischung zwischen wirtschaftlichem Dialog und dem Schutz ihrer nationalen Sicherheit einfallen lassen, wird das Investitionskapital aus China anderswo hin fließen. Dies wäre eine Strategie, die die USA und die EU schwächen und nicht stärken würde.