Monday, September 22, 2014
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Das große Blinzeln

CHICAGO – Das weltweite Wachstum wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich gedämpft bleiben, da die Industrieländer damit zu kämpfen haben, ihre Haushalts- und Staatsbilanzen in Ordnung zu bringen, und die aufstrebenden Märkte dabei sind, sich von ihrer Abhängigkeit von der Nachfrage der Industrieländer zu befreien. Während diese Aufräumarbeiten nach der Großen Rezession fortschreiten, ist eines klar: Die globale Nachfrage wird in Zukunft durch die Milliarden von Konsumenten in Afrika, China und Indien entstehen. Doch wird es einige Zeit in Anspruch nehmen, diese Nachfrage zu aktivieren, denn was derzeit auf der Welt für die Konsumenten der Industrieländer produziert wird, kann nicht einfach an die Verbraucher in den Schwellenmärkten geliefert werden, vor allem nicht an die ärmeren unter ihnen.

Wenn wir über Milliarden von neuen Konsumenten reden wollen, anstatt über die Millionen, die über ähnliche Einkommen wie die Mittelschicht in den Industrieländern verfügen, müssen wir erkennen, dass viele Konsumenten in den Schwellenmärkten wesentlich geringere Einkommen haben als die Verbraucher in den Industrieländern und unter vollkommen anderen Bedingungen leben. Sie haben andere Bedürfnisse, und die Hersteller weltweit haben sie bis vor kurzem großenteils ignoriert.

Doch die Zeiten ändern sich. Immer mehr konzentrieren sich die Hersteller auf Menschen die, wenn sie sich nicht auf der untersten Stufe der Einkommenspyramide befinden, zu den Massen in der Nähe der Basis gehören.

Beispielsweise stellt das indische Unternehmen Godrej einen innovativen Kühlschrank her, der auf arme Dorfbewohner abzielt. Frauen in den Dörfern sind häufig gezwungen, mehrmals am Tag zu kochen, weil das von ihnen morgens zubereitete Essen in der Hitze verdirbt. Sie würden übrig gebliebenes Essen gerne kühlen, was Abfälle und Zubereitungszeit reduzieren würde. Selbst wenn Strom verfügbar ist, wird die Stromversorgung häufig unterbrochen, und leider stellen kompressorbetriebene elektrische Kühlschränke, die viel Strom verbrauchen, bisher keine Alternative dar.

Die Ingenieure von Godrej stellten fest, wenn das Ziel lediglich war, das Essen nicht verderben zu lassen – und nicht unbedingt Eis herzustellen, so würde es ausreichen, wenn der Kühlschrank auf wenige Grade über null Grad Celsius kühlt. Dadurch könnte ein Strom sparender Ventilator anstatt eines Kompressors verwendet werden, und der Ventilator könnte mit Batterien betrieben werden, anstatt vom Stromnetz abhängig zu sein.

Genau diese Art sparsam konstruierter Produkte kann eine gewaltige neue Verbrauchernachfrage in den aufstrebenden Märkten schaffen. Die Unternehmen in den Industrieländern nehmen dies zur Kenntnis. General Electric beispielsweise reduziert derzeit die Funktionen seiner medizinischen Geräte auf das absolut notwendige Minimum für die Versorgung abgeschiedener ländlicher Kliniken in den Entwicklungsländern. „Gerade genug“ Funktionen machen die Geräte erschwinglich, ohne dass dabei Qualitätseinbußen entstehen.

Im Laufe der nächsten zehn Jahre wird diese Art von Nachfragesteigerung in den Entwicklungsländern dazu beitragen, das langsame Nachfragewachstum in den Industrieländern auszugleichen. Doch kann dieser Prozess nicht überstürzt werden. Leider wollen die politischen Entscheidungsträger aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit in den Industrieländern etwas – irgendetwas – tun, um das Wachstum schnell zu steigern. Die aggressiven Strategien, die sie verfolgen, könnten jedoch den Anpassungsprozess gefährden.

Ein Beispiel ist der Ausflug der US-Notenbank (Fed) in die quantitative Lockerung. Ziel der Fed ist eindeutig, die Anleihenpreise zu erhöhen, in der Hoffnung, dass niedrigere langfristige Zinssätze die Investitionen der Unternehmen ankurbeln werden. Außerdem hofft die Fed, dass niedrigere langfristige Zinssätze die Preise der Vermögenswerte steigen lassen, sodass die Haushalte reicher werden und mehr Ausgabenanreize haben. Und schließlich hofft die Fed, indem sie ihre Bereitschaft, Geld zu drucken, demonstriert, könnte sie die Inflationserwartungen über ihren derzeit niedrigen Stand heben.

Obwohl die Märkte eine erhebliche quantitative Lockerung zu erwarten scheinen, bleiben die US-Unternehmensinvestitionen verhalten. Zudem scheinen sich die US-Privathaushalte davor zu hüten, wieder so zu prassen wie in der Vergangenheit, egal, wie wohlhabend sie sich fühlen.

Immerhin ist es der Fed gelungen, die Inflationserwartungen in den USA zu verbessern. Da ihre voraussichtlichen Anleihenkäufe die Höhe der Zinssätze begrenzen, ist die Wirkung unterm Strich, dass die Investoren bei Dollar-Anlagen keinen angemessenen realen Gewinn sehen, was vielleicht ein Grund dafür ist, dass der Dollarwert sinkt.

Die aufstrebenden Märkte sorgen sich, weil sie glauben, dass die extrem aggressive Geldpolitik der Fed wenig zur Steigerung der US-Binnennachfrage beitragen wird. Stattdessen wird sie die Nachfrage zu den US-Herstellern verschieben, ganz ähnlich wie dies bei einer direkten Intervention auf dem Devisenmarkt der Fall wäre. Mit anderen Worten: Die quantitative Lockerung scheint eine ebenso wirkungsvolle Methode zur Abwertung des Dollars zu sein, wie es sein Verkauf auf den Währungsmärkten wäre.

Da sie wissen, dass es einige Zeit dauern wird, bis die Binnennachfrage stärker wird, sind die Schwellenmärkte nicht bereit, einen Einbruch der Exporte in die USA zu riskieren, indem sie zulassen, dass ihre Währungen gegenüber dem Dollar zu schnell ansteigen. Sie widersetzen sich der Aufwertung mithilfe von Interventionen auf dem Devisenmarkt und Kapitalverkehrskontrollen. Daher wird es möglicherweise kein beständiges Wachstum der Nachfrage in den aufstrebenden Märkten geben. Stattdessen könnten überschüssige Liquidität und neue Spekulationsblasen auf den weltweiten Finanz- und Immobilienmärkten der Welt entstehen, die das Wachstum behindern, wenn nicht gar torpedieren.

Wer wird bei dieser andauernden Kraftprobe der Währungen als erster blinzeln? Die USA (und andere Industrieländer) könnten argumentieren, dass sie hohe Arbeitslosenzahlen haben und damit das Recht haben sollten, eine wachstumsfördernde Politik zu betreiben, auch auf Kosten des Wachstums in den aufstrebenden Märkten. Diese Länder könnten wiederum argumentieren, dass es sogar sehr armen US-Haushalten wesentlich besser geht als dem durchschnittlichen Privathaushalt in den aufstrebenden Märkten.

Anstatt sich darüber zu streiten, wer die besseren Argumente hat, wäre es besser, wenn alle Seiten einen Kompromiss eingingen – also alle gleichzeitig blinzelten. Die USA sollten ihre aggressive Geldpolitik zurücknehmen und sich darauf konzentrieren, die strukturellen Probleme ihrer eigenen Wirtschaft in den Griff zu bekommen, während die aufstrebenden Märkte im Gegenzug ihre Wechselkurse stetig ansteigen lassen sollten, wodurch sie ein Wachstum der Binnennachfrage ermöglichen würden. Wäre es zu viel zu hoffen, dass die G-20 einen solchen vernünftigen Kompromiss erreichen kann?

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