Tuesday, September 30, 2014
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Generation Autismus

SAN DIEGO – Vor nicht allzu langer Zeit gehörte Autismus zu den seltensten Krankheiten, von der nur eines unter 2.000 bis 5.000 Kindern betroffen war. Das hat sich seit der Veröffentlichung des DSM IV (des weltweit verwendeten diagnostischen und statistischen Handbuchs psychischer Störungen) im Jahr 1994 dramatisch geändert. Bald danach explodierte die Zahl der Krankheitsfälle auf 1 pro 100 Kinder. Und eine große südkoreanische Studie wusste von einem weiteren Anstieg auf 1 zu 38 zu berichten – erstaunliche 3 Prozent der Gesamtbevölkerung werden als autistisch bezeichnet. Was sind die Ursachen dieser Epidemie und wohin wird diese Entwicklung führen?

Die natürliche Reaktion auf jede Seuche ist Panik. Eltern fürchten, dass jede Verzögerung in der Sprachentwicklung oder der Sozialisierung bereits ein Vorbote von Autismus ist. Kinderlose Paare entscheiden sich, keine Kinder zu bekommen. Eltern autistischer Kinder leiden und versuchen verzweifelt, der Ursache der Krankheit auf die Spur zu kommen.  

Der britische Arzt Andrew Wakefield erlangte mit seiner Impftheorie große Bekanntheit bei Eltern, von denen viele begannen, ihren Kindern Impfungen vorzuenthalten (und somit sich und ihre Kinder dem Risiko völlig vermeidbarer und manchmal ernsthafter Krankheiten aussetzten). Die Impfungen schienen eine plausible Ursache für Autismus zu sein, denn es zeigte sich eine zufällige Korrelation zwischen der Verabreichung der Impfung und dem Auftreten der ersten Symptome. In der Zwischenzeit ist Wakefields Arbeit als inkorrekte und unredliche Wissenschaft gründlich diskreditiert. Aber die Angst vor Autismus ist so groß und die Reaktionen so irrational, dass Wakefield in manchen Kreisen noch immer als  Prophet verehrt wird.

Hinter diesem drastischen Anstieg der Diagnosen müssen also andere Faktoren stehen. Vor  DSM IV war Autismus eine der am engsten eingegrenzten und am genauesten definierten Krankheiten. Die Symptome mussten vor dem Alter von drei Jahren eingesetzt haben und eine auffallende und unmissverständliche Mischung aus gravierenden Sprachdefiziten, einer Unfähigkeit zum Aufbau sozialer Bindungen und einen Hang zu eng begrenztem stereotypen Verhalten aufweisen. Bei der Vorbereitung des DSM IV beschlossen wir, eine neue Kategorie einzuführen, die eine mildere (und daher viel schwieriger zu definierende und diagnostizierende) Form des Autismus beschreibt, das so genannte Asperger-Syndrom. Das erschien notwendig, weil manche (aber immer noch sehr wenige) Kinder eine mehr oder weniger normale Sprachentwicklung aufwiesen, aber dennoch gravierende soziale Schwierigkeiten und Verhaltensstörungen zeigten. Es war uns bewusst, dass durch die Einführung des Asperger-Syndroms die Erkrankungsrate bei autistischen Störungen auf 1 pro 500 bis 1.000 Kinder ansteigen würde, aber das erklärt noch immer nicht das Verhältnis von 1 zu 38. 

Eine zweite mögliche Erklärung für den explosionsartigen Anstieg von Autismus sind Fälle, die man früher nicht diagnostizierte, heute aber genauer erkennt. Das ist durchaus wahrscheinlich, spielt aber hinsichtlich der Häufigkeit des Auftretens auch nur eine untergeordnete Rolle. 

Vielleicht ist ja auch ein Umweltgift die Ursache der epidemischen Ausbreitung von Autismus. Dabei handelt es sich um eine beliebte Theorie, aber auch das ist bestenfalls ein unerheblicher Faktor. Seit 1994 gab es nämlich keine abrupte ökologische Veränderung, die für die Explosion der Autismus-Fälle verantwortlich sein könnte. Das heißt nicht, dass Umweltfaktoren gänzlich auszuschließen wären, aber die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich gering – vor allem, weil es eine weit plausiblere Erklärung gibt.

Die wahrscheinlichste Ursache für diese Epidemie ist, dass Autismus modern geworden ist  – eine beliebte Modediagnose. Früher war Autismus eine seltene und unverwechselbare Diagnose, während der Terminus heute dazu verwendet wird, auch jene Menschen vage zu beschreiben, die nicht in die von DSM IV vorgegebenen Kriterien passen. Bei Autismus handelt es sich heute um ein breites Krankheitsspektrum, in das auch leichtere Symptome passen, die früher überhaupt nicht diagnostiziert wurden oder unter anderen Bezeichnungen bekannt waren. Autismus wird nicht mehr als überaus behindernde Krankheit gesehen und viele kreative und normal exzentrische Personen haben mittlerweile ihr autistisches Inneres entdeckt.

Dieser dramatische Schwenk von der Unter- zur Überdiagnose wurde durch breit angelegte Publicity, das Internet und Interessensgruppen sowie durch die Tatsache geschürt, dass kostspielige Schulleistungen nur denjenigen zur Verfügung gestellt werden, die diese Diagnose erhalten. Die koreanische Studie beispielsweise wurde von einer Autismus-Interessensgruppe finanziert, die ihre Begeisterung über die ausgewiesenen Erkrankungsraten kaum verbergen konnte.  

In der koreanischen Studie ignorierte man die Verzerrungen, die in allen epidemiologischen Studien auftreten und aufgrund derer Erkrankungszahlen immer zu hoch angesetzt werden, weil auch sehr milde Verlaufsformen ohne klinische Bedeutung einbezogen werden.  Es ist durchaus glaubwürdig, dass 3 Prozent der Bevölkerung eine klitzekleine autistische Ader haben, aber es ist vollkommen unglaubwürdig, dass so viele Menschen derart schwere Symptome aufweisen, dass diese als autistische Störung zu werten sind. Die ausgewiesenen Erkrankungszahlen sollten als Obergrenze betrachtet werden und nicht als getreues Spiegelbild tatsächlicher Fallzahlen psychischer Störungen.  

Die menschliche Natur, neurologische Erkrankungen und psychiatrische Störungen verändern sich, wenn überhaupt, nur sehr langsam. Umweltgifte treten normalerweise nicht wie der Blitz aus heiterem Himmel auf, so dass eine Krankheit plötzlich 100 Mal häufiger auftritt als noch vor 20 Jahren. Ein plausibleres Szenario ist, dass sich die Fallzahlen bei Autismus durch DSM IV erhöhten, weil auch mildere Krankheitsformen aufgenommen wurden, die sich nahe an der stark bevölkerten Grenze zur Normalität bewegen. Die drastische Steigerung der Krankheitsfälle ergab sich aufgrund einer breiter gefassten Krankheitsdefinition,  durch das Internet, finanzielle Anreize und die naive Interpretation epidemiologischer Ergebnisse.  

Diese „Autismus-Epidemie“ wird sich ab Mai 2013 noch weiter ausbreiten, wenn die nächste Ausgabe des Diagnosehandbuchs (DSM 5) veröffentlicht wird. Die in DSM 5 enthaltene Definition eines „autistischen Spektrums“ wird noch weiter gefasst sein und viele Menschen einbeziehen, die heute als normal gelten oder an einer anderen Krankheit leidend eingestuft werden. Ihre Symptome werden sich nicht verändern – nur der Name dafür.  

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