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Die Anatomie der globalen wirtschaftlichen Unsicherheit

NEWPORT BEACH – In der westlichen Welt herrscht spürbare Unsicherheit und das zu Recht. Die Menschen machen sich Sorgen über ihre Zukunft und eine Rekordzahl befürchtet, dass es ihren Kindern einmal schlechter gehen wird als ihnen selbst. Leider wird die Situation in den kommenden Monaten noch beunruhigender werden.

Die Vereinigten Staaten haben Schwierigkeiten, ihre Konjunktur wieder auf Wachstumskurs zu bringen und für eine kräftige Zunahme an Arbeitsplätzen zu sorgen. Tausende sind in US-amerikanischen Städten und in Europa auf die Straßen gegangen, um ein gerechteres System zu fordern. In der Eurozone wurden zwei Regierungschefs durch die Finanzkrisen zum Rücktritt gezwungen, und die gewählten Vertreter durch Technokraten ersetzt, die den Auftrag haben die Ordnung wieder herzustellen. Die Sorge über die Unversehrtheit der Institutionen der Eurozone – ein zentrales Element der Architektur des modernen Europa – wächst beständig.

Diese Unsicherheit erstreckt sich über die Grenzen von Ländern und Regionen hinweg. Wer einen Blick um die nächste Ecke wagt, sorgt sich auch um die Stabilität einer internationalen Wirtschaftsordnung, in der die Probleme, mit denen der westliche Kern des Systems konfrontiert ist, allmählich an globalen öffentlichen Gütern zehren.

Es ist kein Zufall, dass all diese Dinge gleichzeitig geschehen. Jede der Entwicklungen, und insbesondere ihr paralleles Auftreten, verweist auf die historischen Paradigmenwechsel, die die globale Wirtschaft von heute prägen – und auf die Angst, die der Verlust ehemals verlässlicher Anker mit sich bringt, seien sie wirtschaftlicher und finanzieller oder gesellschaftlicher und politischer Natur.

Die Wiederherstellung dieser Anker wird Zeit brauchen. Eine Strategie gibt es von jetzt an nicht mehr und historische Beispiele sind nur bedingt aufschlussreich. Zwei Dinge scheinen klar zu sein: Unterschiedliche Länder entscheiden sich, entweder aus freien Stücken oder notgedrungen, für unterschiedliche Konsequenzen und die erneute Zusammenführung dieser Länder stellt das globale System als Ganzes vor Herausforderungen.

Einige Veränderungen werden evolutionär vorangehen und viele Jahre brauchen, bis sie sich manifestieren; andere werden plötzlich und durchschlagend erfolgen. All das mag zwar komplex klingen – und Paradigmenwechsel sind erklärtermaßen eine komplizierte Angelegenheit, die, zum Glück, selten vorkommt –, ein simples analytisches Rahmenkonzept könnte jedoch dazu beitragen, Aufschluss darüber zu geben, wonach wir Ausschau halten sollten, worauf wir uns an welcher Stelle einrichten sollten und wie wir uns am besten anpassen.

Das Rahmenkonzept stützt sich auf eine oft verwendete analytische Abkürzung. Statistiker bezeichnen dieses Vorgehen als „Gleichung der reduzierten Form“, in der eine begrenzte Anzahl erklärender Variablen ermittelt wird. Das Ziel besteht nicht darin, alles zu erklären, sondern vielmehr eine kleine Anzahl von Variablen genau zu bestimmen, die zentrale Faktoren erklären können, wenn auch nicht perfekt oder vollständig.

Wenn man diesem Ansatz folgt, kann man behaupten, dass die Zukunft vieler westlicher Volkswirtschaften und der Weltwirtschaft durch ihr Geschick geprägt werden wird, sich erfolgreich innerhalb von vier miteinander zusammenhängenden finanziellen, ökonomischen, sozialen und politischen Dynamiken zu bewegen.

Die Finanzdynamik steht im Zusammenhang mit Bilanzen. Viele westliche Volkswirtschaften müssen sich mit den unangenehmen Altlasten herumschlagen, die durch jahrelange übermäßige Kreditaufnahme und Eigenkapitalschöpfung auf Kredit (excessive leveraging) entstanden sind. Länder wie Deutschland, die dieses Problem nicht haben, sind mit Nachbarn verbunden, bei denen dies der Fall ist. Angesichts dieser Realität werden sich unterschiedliche Länder für unterschiedliche Möglichkeiten des Schuldenabbaus entscheiden. Die Differenzierung ist bereits deutlich erkennbar.

In einigen Ländern, wie etwa in Griechenland, ist die Lage so prekär, dass man sich ein anderes Ergebnis als einen traumatischen Staatsbankrott und weitere wirtschaftliche Turbulenzen kaum vorstellen kann, und Griechenland ist wahrscheinlich nicht die einzige westliche Volkswirtschaft, die zu einer Umschuldung gezwungen sein wird. Andere, wie Großbritannien, sind schnell aktiv geworden, um ihr Schicksal besser unter Kontrolle zu bekommen, allerdings werden die ergriffenen Sparmaßnahmen unweigerlich erhebliche Opfer verlangen.

Eine dritte Gruppe, angeführt von den USA, hat sich bisher nicht ausdrücklich auf eine Form des Schuldenabbaus festgelegt. Da ihnen mehr Zeit bleibt, nutzen sie den subtileren und deutlich sukzessiveren Weg der „finanziellen Repression“, bei dem die Zinsen auf ein niedriges Niveau gedrückt werden, so dass Gläubiger, einschließlich Haushalte mit moderatem Festeinkommen, Kreditnehmer subventionieren.

Schuldenabbau steht eng im Zusammenhang mit der zweiten Variable – dem Wirtschaftswachstum. Einfach gesagt: Je ausgeprägter die Fähigkeit eines Landes ist, zusätzliches Nationaleinkommen zu generieren, desto mehr ist es in der Lage seinen Verpflichtungen aus Krediten nachzukommen und den Lebensstandard seiner Bürger unterdessen zu halten und zu verbessern.

Viele Länder, einschließlich Italien und Spanien, müssen strukturelle Hemmnisse auf dem Weg zur Wettbewerbsfähigkeit, zum Wachstum und zur Schaffung von Arbeitsplätzen überwinden und über mehrere Jahre Reformen der Arbeitsmärkte, der Renten, im Bereich Wohnungswesen und Wirtschaftsführung durchführen. Einige, wie die USA, können Strukturreformen mit einer kurzfristigen Belebung der Nachfrage verbinden. Einige wenige, angeführt von Deutschland, ernten den Lohn für Jahre der unbeirrt durchgeführten (und nicht ausreichend gewürdigten) Reformen.

Wachstum ist zwar notwendig, ist aber in Anbetracht der hohen Arbeitslosigkeit und des Ausmaßes, in dem Einkommensungleichheiten und das Wohlstandsgefälle zugenommen haben, allein nicht ausreichend. Somit wären wir bei der dritten Dynamik: Der Westen steht vor der Herausforderung nicht nur für Wachstum zu sorgen, sondern für „integratives Wachstum“, das vor allem mehr „soziale Gerechtigkeit“ beinhaltet.

Tatsächlich gibt es ein tief empfundenes Gefühl, dass der Kapitalismus in westlichen Ländern unfair geworden ist. Bestimmte Akteure, angeführt von Großbanken, haben während des Aufschwungs riesige Profite eingefahren und wussten die erheblichen Verluste zu umgehen, die sie während der Krise verdient hätten. Die Bürger nehmen das Argument nicht mehr hin, dass dieses bedauerliche Resultat die besondere ökonomische Funktion der Banken reflektiert. Warum sollten sie auch, wenn man bedenkt, dass Rettungspakete in Rekordhöhe weder für erneutes Wachstum noch für Beschäftigung gesorgt haben?

Die Forderungen nach einem gerechteren System werden nicht aufhören. Wenn überhaupt, werden sie zunehmen und lauter werden. Dem Westen bleibt keine andere Wahl, als einen besseren Mittelweg zu finden – zwischen Kapital und Arbeit, zwischen heutigen und zukünftigen Generationen und zwischen dem Finanzsektor und der Realwirtschaft.

Damit wären wir bei der letzten Variable, der Rolle von Politikern und Entscheidungsträgern. Sowohl in Amerika als auch in Europa ist es Mode geworden, auf einen lähmenden „Mangel an Führungskompetenz“ zu verweisen, der das Ausmaß unterstreicht, in dem ein inhärent komplexer Paradigmenwechsel eine Belastung für traditionelle Denkweisen, Prozesse und Regierungsapparate darstellt.

Anders als Schwellenländer sind westliche Länder nicht gut dafür gewappnet, strukturelle und langanhaltende Veränderungen zu bewältigen – und das ist auch nachvollziehbar. Schließlich ist die Geschichte dieser Länder – und insbesondere das Geschehen während der Zeit zwischen 1980 und 2008, die fälschlicherweise als „Great Moderation“, als Zeit der großen Mäßigung bezeichnet wurde – vorwiegend zyklisch verlaufen. Je länger sie es unterlassen sich anzupassen, desto größer die Risiken.

Diejenigen, die diese vier Dynamiken zu spüren bekommen – die überwältigende Mehrheit von uns – muss nicht vor Unsicherheit und Angst wie gelähmt sein. Stattdessen können wir dieses einfache Rahmenkonzept nutzen, um Entwicklungen zu überwachen, aus ihnen zu lernen und uns anzupassen. Ja, es wird nach wie vor Volatilität geben, ungewöhnliche Belastungen und historisch ungewöhnliche Ergebnisse. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass ein globaler Paradigmenwechsel nicht nur Risiken mit sich bringt, sondern auch ganz andere Chancen.

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