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Der amerikanische Weg der Verschuldung

Nach nahezu 15 Jahren beispiellosen Wachstums - unterbrochen nur durch eine kurze Abschwächung in den Jahren 2000-2001 - haben die Vereinigten Staaten einen enormen Bestand an Auslandsverbindlichkeiten angehäuft, der 25% ihres BIP entspricht. Angesichts eines Leistungsbilanzdefizits, das inzwischen 5% des BIP übersteigt, wachsen die US-Auslandsschulden mit großer Geschwindigkeit weiter. Kein Land jedoch kann unbegrenzt Schulden machen - und was nicht unbegrenzt fortdauern kann, muss früher oder später enden.

Anfang 1985, als das Leistungsbilanzdefizit der USA 120 Milliarden Dollar erreichte (nach heutigen Preisen etwa ein Drittel seines gegenwärtigen Niveaus), hörte die übrige Welt auf, es zu finanzieren. Das Ergebnis war ein plötzlicher Kursverfall des Dollars, der gegenüber der DM um 50% abgewertet wurde. Europa sollte sich eine Neuauflage nicht wünschen.

Tatsächlich kann die Welt insgesamt sich ein Verschwinden des US-Leistungsbilanzdefizits nicht leisten - zumindest nicht kurzfristig. Ohne die US-Importe wäre es mit dem zaghaften Wachstum, das Europa im vergangenen Jahr erlebt hat, in kürzester Zeit vorbei.

Möglicherweise ist es bereits soweit: Die Aufwertung des Euro von 1,20 Dollar auf 1,30 Dollar in den vergangenen Monaten hat ausgereicht, um das Wachstum in Europa im dritten Quartal dieses Jahres zum Stillstand zu bringen. Bevor der Dollar zu schwächeln begann, nahmen die Exporte aus den 25 EU-Mitgliedsstaaten um jährlich 6,5% zu - verglichen mit einem Wachstum von 2% beim privaten Verbrauch und von 3% bei den Investitionen. Selbst in Japan war die jüngste Konjunkturerholung nahezu ausschließlich exportbestimmt. Bedingt durch die zunehmende Stärke des Yen jedoch scheint es auch in Japan zu einem Wachstumsstopp zu kommen.

Angesichts der Tatsache, dass die Zentralbanken auf der ganzen Welt Dollars horten und das Ungleichgewicht beim Handel beunruhigende Ausmaße annimmt, gibt es drei mögliche Lösungen. Eine wäre, dass sich die inländische Sparquote der USA erhöht. Dies ist angesichts der ehrgeizigen Steuerpläne von Präsident Bush und des andauernden Kriegs im Irak allerdings zumindest für die nahe Zukunft unwahrscheinlich. Die Sparquote der privaten Haushalte ist ebenfalls leicht negativ, und eine Erhöhung hier könnte kurzfristig zu einer Konjunkturabschwächung führen.

Die zweite Möglichkeit wäre eine ausgeprägtere Abwertung des Dollars, die diesen im Vergleich zu Euro und Yen deutlich unter sein gegenwärtiges Niveau bringen würde. Eine Neubewertung des chinesischen Yuan würde ebenfalls helfen.

Die dritte Möglichkeit wäre ein Konjunkturaufschwung in Europa, der zu einem Anstieg der US-Exporte führen würde. Dies wäre nur möglich, wenn die europäischen Unternehmen ihre Kosten senken und die Produktivität steigern würden. Wie immer ist eine Litanei von Plänen und Versprechen im Hinblick auf „Strukturreformen" zu vernehmen; die Wahrscheinlichkeit jedoch, dass etwas davon in naher Zukunft umgesetzt wird, ist gering.

Was also ist zu tun? Eine Alternative bestünde darin, die Arbeitszeit zu verlängern, ohne die Löhne entsprechend zu erhöhen. Amerikaner und Europäer arbeiteten in den frühen 1970er Jahren dieselbe Anzahl von Stunden. Heute arbeiten die Europäer in Frankreich und Deutschland durchschnittlich um 50% weniger als in den USA.

Teilweise ist dies durch die höheren Steuern in Europa bedingt und insofern nicht zu ändern: Man kann die Menschen nicht zwingen, zu arbeiten, wenn sie ihren Nettolohn aufgrund hoher Grenzsteuersätze als zu niedrig betrachten. Die relative Abnahme der Arbeitszeit ist jedoch auch dadurch begründet, dass die Gewerkschaften Pflichturlaubszeiten durchsetzten. Zu längeren Arbeitszeiten führende Arbeitsmarktreformen würden das Gesamteinkommen der Beschäftigten nicht erhöhen, aber die Produktionskosten senken. In der Presse wird diese Idee inzwischen in Ansätzen diskutiert, und es steht zu hoffen, dass Gleiches - hinter verschlossenen Türen - auch für politische Entscheidungsträger und Gewerkschaftsführer gilt.

Bis es dazu kommt, liegt es im Interesse der übrigen Welt, die USA weiterhin ein beispielloses Leistungsbilanzdefizit anhäufen zu lassen und dieses in einem Umfang von 500 Milliarden Dollar jährlich zu finanzieren. Dies versetzt die Chinesen in die Lage, ihre Währung gegenüber dem Dollar stabil zu halten, weiterhin enorm wettbewerbsfähig zu bleiben und eine allmähliche Verlagerung von 200 Millionen Arbeitsplätzen aus der Landwirtschaft in die produzierende Industrie zu ermöglichen, wie sie die chinesische Führung für die nächsten 10 Jahre anstrebt. In Europa hält Amerikas Außenhandelsdefizit die einzige Quelle wirtschaftlichen Wachstums am Leben.

Um es allerdings noch einmal zu sagen: Dies kann nicht unbeschränkt so weitergehen. Irgendwann muss Europa aufhören, zu glauben, dass die USA seine Wirtschaft retten können, und beginnen, sich auf seine eigenen Ressourcen zu verlassen. Wundern Sie sich jedoch nicht, wenn für den nächsten Konjunkturabschwung in Europa die USA und die Abwertung des Dollars verantwortlich gemacht werden. Es ist immer nützlich, einen Sündenbock zu haben.

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