LONDON – Auf der ganzen Welt wird dem amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ebenso viel Aufmerksamkeit geschenkt wie innenpolitischen Auseinandersetzungen in den jeweiligen Ländern. Dieses weltweite Interesse an der amerikanischen Präsidentenwahl ist wohl das beste Beispiel für die Soft Power der USA und auch eine Lektion in Sachen Demokratie, die wir von der einzigen Supermacht der Welt lernen. Wenn wir, anstatt nur zuzusehen, doch alle wählen könnten – denn das Wahlergebnis ist für jeden Menschen auf der Welt von entscheidender Bedeutung.
Was erwartet – und vielleicht noch wichtiger – was braucht die Welt nun vom neuen amerikanischen Präsidenten?
So sehr es manche vielleicht nicht zugeben wollen, ist der Antiamerikanismus doch ein Gefühl, das während der Bush-Jahre zugenommen hat. Dennoch braucht die Welt die Führerschaft Amerikas.
Ja, wir erleben den Aufstieg Chinas, Brasiliens und Indiens als bedeutende globale Wirtschaftsmächte. Ja, wir haben den beschämenden Fall der Herren des Universums an der Wall Street gesehen. Ja, die militärischen Fähigkeiten Amerikas haben sich in den „undankbaren Wüsten Mesopotamiens“ verflüchtigt, wie Winston Churchill dies ausdrückte, und die moralische Autorität der USA wurde durch Orte von Guantánamo Bay bis Abu Ghraib untergraben.
All das trifft zu. Und dennoch sind die Vereinigten Staaten die einzig verbliebene Supermacht der Welt, die einzige Nation, die in jedem Teil der Welt Geltung besitzt und das einzige Land, das in der Lage ist, internationale Aktionen zu starten, um globale Probleme in Angriff zu nehmen.
Die erste Aufgabe des neuen Präsidenten wird es sein, Amerikas wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und sein Selbstvertrauen wiederherzustellen. Es wird nicht leicht werden, Budgetüberschreitungen und Kreditexzesse einzudämmen sowie den wahren gesellschaftlichen Werten wie Bescheidenheit, Sparsamkeit, Verantwortung und faire Entlohnung wieder zum Durchbruch zu verhelfen. Nach einer Phase, in der die Superreichen einen Lebensstil in der Art der„Goldenen Zwanziger” pflegten, indem sie die „Culture Wars“, also die populistischen Vorurteile ihrer viel ärmeren Mitbürger, geschickt ausnutzten, muss wohl größeres Augenmerk auf soziale Gerechtigkeit gelegt werden, um die erwähnten Ziele zu erreichen.
Nachdem sich Amerika von seiner globalen Rolle als Kreditnehmer letzter Instanz verabschiedet, werden wir unsere Wettbewerbsfähigkeit verbessern müssen, um andere Absatzmärkte zu erschließen. Entscheidend ist jedoch, diese Entwicklung nicht durch einen Rückfall in den Protektionismus zu behindern. Dem neuen amerikanischen Präsidenten stünde es gut an, sich an die verheerenden Auswirkungen des Protektionismus in den 1920er und 1930er Jahren zu erinnern. Präsident Herbert Hoovers Fehlschläge sollten als nachdrückliche Lektionen dienen.
Wir alle hoffen, dass der nächste US-Präsident sich wieder mehr der Weltgemeinschaft und den internationalen Organisationen zuwendet und akzeptiert, dass sich sogar eine Supermacht an Regeln halten muss, die für alle gelten. Die Vereinten Nationen sind alles andere als perfekt. Sie müssen reformiert werden – ebenso wie die Gremien, die über weltwirtschaftliche Regeln entscheiden. Das braucht Zeit. Aber eine notwendige, wenn auch nicht ausreichende Bedingung für eine Wende ist das amerikanischen Engagement und seine Führerschaft in diesem Prozess. Man vergesse die Verirrung rund um den Versuch eine Alternative zur UNO - die so genannte „Liga der Demokratien“ - zu schaffen. Das funktioniert nicht.
Wir möchten einen neuen Präsidenten, der bei der Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrages einen Erfolg anstrebt, indem noch mehr Waffen verschrottet werden, entsprechende Forschung in diesem Bereich eingestellt und andere aufgefordert werden, diesem Beispiel zu folgen. Das wäre die beste Basis, um eine strengere Überwachung und Kontrolle zu installieren, mit dem Iran in Kontakt zu treten und neue Möglichkeiten zu erkunden, Indien und Pakistan in ein globales Atomwaffenabkommen einzubeziehen.
In erster Linie aber sollte der neue Präsident das kreative Potenzial Amerikas zur Förderung von Energieeffizienz und der Entwicklung sauberer Technologien freisetzen. Es wäre eine willkommene Überraschung, wenn man sich nächstes Jahr auf eine Kyoto-Nachfolgeregelung einigen könnte. Zumindest wäre es wünschenswert, sich auf einen Prozess zu einigen, der die weltweiten Debatten in die richtige Richtung lenkt. Im Rahmen dessen sollte Amerika vor allem Europa, China und Indien in technologische Entwicklungen wie saubere Kohle miteinbeziehen.
Die Beziehungen Amerikas zu China werden ein Schlüsselfaktor für Wohlstand und Sicherheit in diesem neuen Jahrhundert sein. Ich glaube nicht, dass ein hegemonialer Kampf unvermeidlich ist oder wünschenswert wäre. Die USA sollten China mehr Aufmerksamkeit schenken, ohne immer so zu tun, als ob man die Frage der Menschenrechte in China unter den Teppich kehren könnte. Ohne politische Veränderungen und ökologische Verbesserungen wird China seine Wirtschaftsentwicklung nicht aufrechterhalten können.
Im Nahen Osten hatte der israelische Premierminister Ehud Olmert anlässlich seines Rückzuges aus der Politik einen weisen Rat für den nächsten US-Präsidenten parat. Israel und Palästina, sagte er, sind zu einem düsteren und blutigen Prisma geworden, durch das die amerikanische Diplomatie oftmals die Welt betrachtet. Es ist schon lange an der Zeit, Fortschritte zu erzielen und mit Nachdruck eine Einigung anzustreben, wie sie in den Jahren der Präsidentschaft Clintons beinahe erreicht wurde.
In all dem liegt ein Paradoxon. Über Jahre hat die Welt von Washington einen multilateralen Ansatz gefordert. Wenn es nun dazu kommt, werden wir – die Europäer, beispielsweise – darauf mit ausreichend Engagement und Dynamik reagieren? Es wäre zumindest eine willkommene Herausforderung, wenn man verlangte, unseren Worten auch Taten folgen zu lassen.


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