Bei seinem ersten Erscheinen spiegelte der von Katar aus sendende neue Satellitenkanal seinen eigenen Namen wider: Al Jazeera – arabisch für „die Insel“ – war eine Insel professioneller, unabhängiger, aktueller Nachrichtensendungen in einem Meer einseitiger, staatlich kontrollierter arabischer Medien. Bevor Al Jazeeras überwiegend bei der BBC ausgebildete Journalisten auf den Plan traten, bestanden die vom arabischen Durchschnittsbürger gesehenen Nachrichtenprogramme lediglich aus Protokollnachrichten, Videos von Nachrichtenagenturen mit dem Neusten zum Palästinenserkonflikt und dramatischen Bildern von Erdbeben oder Flächenbränden.
Al Jazeera bot nicht allein Live-Interviews und Sendungen vom Ort des Geschehens; es führte darüber hinaus Live-Diskussionen in der arabischen Welt ein. Sein Programm Al Itijah al Mu’akess („Die Gegenrichtung“) brachte jene Art von verbalem Geplänkel, das der größte Teil der Welt als selbstverständlich hinnimmt, das die Araber jedoch noch nie auf dem Bildschirm erlebt hatten. Die Gäste, die Faisal Qassem ins Studio in Doha holte (oder per Satellit zuschaltete), waren Menschen aus denselben arabischen Ländern oder Regionen, aber mit völlig entgegengesetzten Ansichten.
Doch auch wenn schonungslose professionelle Nachrichten und Programme wie Al Itijah al Mu’akess den Zuschauern ein einzigartiges Fernseherlebnis boten, bedurfte es bedeutender weltweiter Konflikte, um Al Jazeera breite Anerkennung zu verschaffen. Die palästinensische Intifada, die Terroranschläge auf New York und Washington im September 2001 und die Invasionen in Afghanistan und im Irak machten aus Al Jazeera einen globalen Einflussfaktor.
Während der ersten Jahre seines Bestehens wurde Al Jazeera zugleich als bahnbrechender Medienkanal für eine Reform der arabischen Welt gepriesen und als Anstifter interner Konflikte und Unruhen beschimpft. Nahezu alle arabischen Herrscher haben irgendwann versucht, den Sender zum Schweigen zu bringen, indem sie seine örtlichen Büros schlossen und die Herrscher Katars bedrängten, seinen frei agierenden Journalisten einen Maulkorb umzulegen. Beides hat nicht geholfen. Tatsächlich hat dieser Druck die Beliebtheit des Senders bei seinen arabischen Zuschauern lediglich erhöht.
Die Vereinigten Staaten schienen Al Jazeera zunächst positiv gegenüberzustehen. Die Unterstützung demokratischer Reformen und die Berichterstattung über andere Standpunkte entsprachen den Verlautbarungen der US-Außenpolitik. Nach dem 11. September freilich änderte sich die US-Haltung auf drastische Weise, nachdem klar wurde, dass mehr über die zivilen Opfer der US-Bombenangriffe im Irak und in Afghanistan (wie auch die Kriegsgefangenen) berichtet wurde, als dies bei den „eingebetteten“ westlichen Journalisten der Fall war. (Al Jazeeras hatte einen einzigen „eingebetteten“ Journalisten, und dies nur für kurze Zeit).
Als Al-Jazeera-Reporter Osama bin Laden interviewten und der Sender seine Videos ausstrahlte, ging Amerika zur Sache. Hochrangige US-Regierungsvertreter verunglimpften den Sender öffentlich. Doch je mehr die USA und die autoritären arabischen Regime den Sender angriffen, desto stärker begann der Sender, einige der radikalislamischen Trends widerzuspiegeln. Der Fall der dänischen Karikaturen und die jüngste Kontroverse um die Äußerungen des Papstes ließen klar erkennen, dass der Sender Nachrichten machte, statt nur über sie zu berichten.
Trotz seiner Popularität jedoch ist Al Jazeera bisher kein finanzieller Erfolg. Die Feindseligkeit der Saudis dem Sender und seinen katarischen Eigentümern gegenüber führte zu Boykotten. Multinationale Werbekunden, die auf den riesigen saudischen Markt schielten, wurden klipp und klar informiert, dass sie saftige Aufträge verlieren würden, wenn sie Anzeigen bei Al Jazeera schalteten. Trotzdem hat der Sender – dessen Eigentümer äußerst finanzstark sind – expandiert und seinem Angebot ein Direktsatellitenprogramm, einen Kinderkanal und zwei Sportkanäle hinzugefügt. Ein internationales, englischsprachiges Programm soll in Kürze folgen.
Obwohl es bisher niemand mit der Popularität von Al Jazeeras Nachrichten und Sendungen zum aktuellen Geschehen aufnehmen kann, hat das in saudischem Besitz stehende Middle East Broadcasting Center erfolgreich ein eigenes 24-Stunden-Programm, Al Arrabiyeh, eingeführt, das Al Jazeera seine Führungsrolle streitig macht. Die Lebanese Broadcasting Corporation und das ägyptische Dream TV haben mit ihren Unterhaltungsprogrammen ebenfalls große Segmente der arabischen Öffentlichkeit für sich gewinnen können.
Al Jazeera hat Katar berühmt gemacht und dafür gesorgt, dass die arabische Welt heute besser informiert ist. Trotz seiner Mängel und Voreingenommenheiten hat Al Jazeera die arabische Welt zum Besseren verändert. Während vor zehn Jahren kein staatlicher Sender Live-Programme zum aktuellen Geschehen sendete, sind heute selbst die Sender einiger der diktatorischsten Regime der Welt gezwungen, ihr Niveau anzuheben und Live-Interviews zuzulassen.
An seinem 10. Geburtstag ist Al Jazeera zwar nicht mehr neu, aber es bleibt ein Trendsetter. Es hat in Politik und Kultur neue Wege beschritten, aber seine Auswirkungen auf das soziale und wirtschaftliche Leben waren bisher minimal. Nun, da Al Jazeera in die Adoleszenz kommt, muss es anfangen, darüber nachzudenken, wie es sich zu einem sozialen Pionier in der arabischen und islamischen Welt entwickeln kann. An dieser Front sind weiß Gott noch Veränderungen erforderlich.


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