NEW YORK – Das Leben wird immer schneller. Kommunikation, Reisetätigkeit und Produktivität steigen. Für manche Menschen sind synthetische Drogen eine Möglichkeit, mit Schnelllebigkeit und Konkurrenzdruck fertig zu werden.
Um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern, nehmen Menschen auf der ganzen Welt amphetaminartige Stimulanzien (ATS) in Form von Tabletten und Pulver zu sich. Von Ravern in Discos über Fließbandarbeiter bis zu Fernfahrern greifen über 30 Millionen Menschen mindestens einmal im Jahr zu Amphetaminen, Methamphetamin (Meth) oder Ecstasy. Diese Zahl ist doppelt so hoch wie die der Kokain- und Heroinkonsumenten zusammen. Der weltweite Markt für synthetische Drogen wird auf 65 Milliarden Dollar geschätzt.
Teilweise liegt die Anziehungskraft dieser synthetischen Drogen in ihrer problemlosen Verfügbarkeit, ihrer Leistbarkeit und der bequemen Anwendung (man muss nicht spritzen, schnupfen und rauchen). Amphetamine stimulieren den Körper: Die Konsumenten erleben gesteigertes Selbstvertrauen, Kontaktfreude und mehr Energie. Dieses Hochgefühl wird als harmlos betrachtet: „Tabletten töten nicht und verbreiten auch keine Krankheiten wie HIV/AIDS“, heißt es.
Nach dem Höhenflug kommt allerdings der Fall. Von „Aufputschmitteln“ abhängige Menschen können an Paranoia, Nierenversagen und inneren Blutungen erkranken und sogar ernsthafte psychische Krankheiten, Gehirnschäden oder Herzinfarkte davontragen. Bei Meth-Konsumenten kommt es vielfach zu Zahnfäule und schrecklichen Kratzwunden, weil sich diese Menschen aufgrund des Gefühls, krabbelnde Insekten unter ihrer Haut zu haben, blutig kratzen.
In den entwickelten Ländern scheint die Aufklärung über die Gefahren von ATS, teilweise aufgrund graphisch aufbereiteter Kampagnen zur öffentlichen Bewusstseinsbildung, zu den jungen Menschen vorzudringen. Nach beträchtlichen Anstiegen in den 1990er Jahren – als Meth in den USA und Japan zum öffentlichen Feind Nummer eins erklärt wurde – hat sich der Konsum synthetischer Drogen in Nordamerika, Europa, Australien und Neuseeland stabilisiert, wenn auch auf hohem Niveau. In Australien nehmen beispielsweise 2,3 Prozent der Bevölkerung Meth und 3,5 Prozent greifen zumindest einmal im Jahr auf Ecstasy zurück – das ist eine der höchsten Raten weltweit.
Es liegen Hinweise vor, dass sich das Problem auf neue Märkte in Ost- und Südostasien sowie in den Nahen Osten verlagert. Asien mit seinen enormen Bevölkerungszahlen und dem steigenden Wohlstand kurbelt die Nachfrage an. Im Jahr 2006 berichteten fast die Hälfte aller asiatischen Länder über eine Zunahme des Meth-Konsums. Heuer hatten über die Hälfte der chinesischen Provinzen mit einem gravierenden Problem im Zusammenhang mit ATS zu kämpfen.
Dieser Anstieg ist jedoch nicht auf Asien beschränkt. Seltsames ereignet sich in Saudi Arabien. Letztes Jahr wurden im Königreich fast 14 Tonnen Amphetamine, hauptsächlich in Form von Captagon, beschlagnahmt, das wahrscheinlich in Südosteuropa hergestellt wurde. Diese Menge entspricht einem Viertel jener Amphetaminmenge, die weltweit beschlagnahmt wird. Vor sieben Jahren wurden in Saudi Arabien gerade einmal 1 Prozent aller weltweiten Beschlagnahmungen durchgeführt. In Südafrika ist die Anzahl der ausgehobenen Drogenlabors in den letzten fünf Jahren angestiegen, während der Konsum im Land nachgelassen hat.
Teilweise mag diese Verlagerung auf veränderte Nachfragestrukturen zurückzuführen sein. In Gesellschaften, die sich in einer Übergangsphase oder in Zeiten rapider Modernisierung befinden, scheinen synthetische Drogen so etwas wie eine Begleiterscheinung des hyperaktiven Wachstums zu sein. Ein weiterer Grund für die Verlagerung ist wohl starker Angebotsdruck vonseiten aggressiver krimineller Gruppen mit Ausläufern auf der ganzen Welt.
Vor zehn Jahren war der Bereich synthetische Drogen eine Hinterhof-Industrie. Die Bestandteile zur Produktion von Meth beispielsweise sind leicht verfügbar, die Rezepte einfach zu erhalten und die Droge kann in jeder Küche hergestellt werden.
In den letzten paar Jahren allerdings wurde die Produktion von ATS zu einem weltweiten Geschäft. Das organisierte Verbrechen übernimmt alle Bereich des illegalen Handels, vom Schmuggel der Vorläufersubstanzen über die Produktion bis zum Verkauf der Drogen.
Aufgrund der niedrigen Anfgangsinvestitionen können Fabriken in industriellem Maßstab Millionen Tabletten herstellen und so enorme Profite erzielen. Zunehmend besser ausgestattete Labors werden beispielsweise in Indonesien und Malaysia gefunden. Allein im Jahr 2007 wurden in China 75 ATS-Labors ausgehoben. Zweifellos gibt es viele solche Laboratorien in jenen Teilen der Welt, wo die Einhaltung von Gesetzen nicht streng überwacht wird, wo Korruption vorherrscht oder lokale Beamte an den Geschäften beteiligt sind. Myanmar ist ein berüchtigtes Beispiel in dieser Richtung.
Produzenten und Lieferanten passen sich rasch an aktuelle Trends an und versorgen lokale Märkte. Wird ein Labor geschlossen, öffnet ein anderes. Ist eine chemische Vorläufersubstanz nicht erhältlich, wechseln die Produzenten zu einer Alternative.
Noch immer befinden sich 84 Prozent aller ausgehobenen ATS-Laboratorien in Nordamerika. Das traditionelle Produktionszentrum für synthetische Drogen ist Westeuropa (vor allem Tschechien und die Niederlande). In den letzten Jahren wurden zwar in den USA und der Europäischen Union weniger Laboratorien gefunden, dafür hat sich die Produktion in die Nachbarländer der USA, wie Kanada und Mexiko, sowie in die Nachbarschaft der EU, nämlich in die Türkei, verlagert. Um eine derartige Entwicklung zu verhindern, bedarf es vermehrter regionaler Kooperation.
Manche Entwicklungsländer müssen ihre Köpfe aus dem Sand bekommen, bevor es zu spät ist. Viele dieser Länder behaupten nämlich, kein Problem zu haben und liefern nicht einmal Lageberichte an die Vereinten Nationen. Die anfälligsten sind also am schlechtesten gerüstet, wenn es darum geht, die Epidemie durch Informationssammlung, Regulierungen, Strafverfolgung, Kriminaltechnik oder Gesundheitsversorgung einzudämmen.
Insgesamt bedarf es vermehrter Information über neue Arten synthetischer Drogen (wie dem Halluzinogen Ketamin), die Entwicklung von Produktionsmethoden, neue Handelswege und Märkte.
Die Stabilisierung der Lage in den Industrieländern zeigt, dass dieses Problem eingedämmt werden kann. Wenn aber der Prävention, den Therapiemöglichkeiten und der Einhaltung von Gesetzen in jungen und zunehmend wohlhabenden Gesellschaften in den Entwicklungsländern nicht mehr Augenmerk geschenkt wird, könnten diese Länder auch bald mit einer ähnlichen Epidemie des Drogenmissbrauchs konfrontiert sein.


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