Thursday, July 31, 2014
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Die 70%-Lösung

BERKELEY: Über eine umständliche Internet-Verkettung – Paul Krugman (Princeton University) zitierte eine Lektüre von Mark Thoma (University of Oregon) im Journal of Economic Perspectives – kam ich an einen Artikel, den Emmanuel Saez (dessen Büro 15 Meter von meinem entfernt liegt) und Ökonomie-Nobelpreisträger Peter Diamond verfasst hatten. Saez und Diamond argumentieren darin, dass der Grenzsteuersatz, den nordatlantische Gesellschaften ihren reichsten Bürgern auferlegen, richtigerweise 70% betragen sollte.

Angesichts der Steuersenkungsmanie, die in diesen Gesellschaften seit nunmehr 30 Jahren vorherrscht, ist dies eine absolut erstaunliche Behauptung, doch die Logik von Diamond und Saez ist eingängig. Die Superreichen beherrschen und steuern so viele Ressourcen, dass sie de facto gesättigt sind: Die Erhöhung oder Verringerung ihres Vermögens hätte keine Auswirkungen auf ihre Zufriedenheit. Egal also, wie viel Gewicht wir ihrer Zufriedenheit im Vergleich zur Zufriedenheit anderer zubilligen – ob wir sie nun als lobenswerte Kapitäne unserer Wirtschaft oder als diebische Parasiten betrachten –, wir können schlechthin nichts tun, um ihre Zufriedenheit durch Erhöhung oder Senkung ihrer Steuersätze zu beeinflussen.

Die unvermeidliche Schlussfolgerung, die sich aus diesem Argument ergibt, ist, dass wir bei der Berechnung des Steuersatzes der Superreichen die Auswirkungen einer Änderung ihres Steuersatzes auf ihre Zufriedenheit unberücksichtigt lassen sollten, denn wir wissen ja, dass diese bei null liegen. Die zentrale Frage muss vielmehr sein, was die Auswirkungen der Änderung ihres Steuersatzes auf das Wohl der übrigen von uns sind.

Aus dieser einfachen logischen Kette ergibt sich, dass wir eine moralische Verpflichtung haben, unsere Superreichen entsprechend dem Scheitelpunkt der Laffer-Kurve zu besteuern – d.h. sie so stark zu besteuern, dass wir möglichst viel Geld aus ihnen ziehen – bis zu dem Punkt, an dem die Umlenkung ihrer Energie und ihres Unternehmergeists in Steuervermeidung und Steuersparmodelle zur Folge hätte, dass eine weitere Erhöhung der Steuern das Steueraufkommen nicht erhöhen, sondern verringern würde.

Die utilitaristische wirtschaftliche Logik ist klar. Trotzdem würden mehr als die Hälfte von uns die von Diamond und Saez gezogene Schlussfolgerung vermutlich ablehnen. Wir haben das Gefühl, dass es irgendwie falsch ist, unsere Superreichen steuerlich derart wie Zitronen auszuquetschen, dass jede weitere Besteuerung das Steueraufkommen reduziert. Und wir haben dieses Gefühl aus zwei Gründen, die beide vor mehr als 200 Jahren von Adam Smith dargelegt wurden – nicht in seinem bekanntesten Buch, Der Wohlstand der Nationen, sondern in seinem sehr viel seltener diskutierten Werk Theorie der ethischen Gefühle.

Der erste Grund betrifft reiche Müßiggänger. Hier sagt Smith:

Jemand, dem die menschliche Natur fremd ist, würde, wenn er das Elend der ihm Untergeordneten und das Bedauern und die Entrüstung, die diese über das Unglück und Leid der über ihnen Stehenden empfinden, geneigt sein, sich vorzustellen, dass für Personen höheren Ranges Schmerzen qualvoller und die Zuckungen des Todes schrecklicher sein müssen als für jene niedrigeren Standes ...

Wir empfinden dies, so Smith, weil wir von Natur aus mit anderen mitfühlen (schriebe er heute, würde er sich sicher auf „Spiegelneuronen“ berufen). Und je angenehmer unsere Gedanken über Einzelne oder Gruppen seien, desto eher würden wir mit ihnen mitfühlen. Die Tatsache, dass der Lebensstil der Reichen und Berühmten uns „als beinahe abstrakte Vorstellung eines idealen Glückszustandes erscheint“, bringt uns dazu, „Mitleid zu empfinden ..., dass irgendetwas eine derart angenehme Situation stören und verderben solle! Wir könnten ihnen gar die Unsterblichkeit wünschen ...“.

Der zweite Grund betrifft die hart arbeitenden Reichen, den Typ von Mensch, der

sich immerdar dem Streben nach Reichtum und Größe hingibt ... Mit nie nachlassendem Fleiß schuftet er nachts wie tags ... dient jenen, die er hasst, und ist unterwürfig gegenüber jenen, die er verachtet ... in den letzten Zügen liegend, wenn sein Körper durch Mühe und Krankheit verbraucht, sein Geist verbittert und gekränkt durch die Erinnerung an tausend Verletzungen und Enttäuschungen ist ... beginnt er endlich, zu erkennen, dass Reichtum und Größe bloß schmückendes Beiwerk leichtfertigen Gewinnstrebens sind ... Macht und Reichtum ... halten den sommerlichen Regenschauer fern, nicht den Wintersturm, sondern überantworten ihn stets ebenso so sehr und manchmal mehr als zuvor der Angst, Furcht und Traurigkeit, der Krankheit, Gefahr und dem Tode ...

Kurz gesagt: Einerseits wollen wir die ideale Glückseligkeit der Reichen und Berühmten nicht stören; andererseits möchten wir die Last jener, die ihren wertvollsten Besitz – ihre Zeit und Energie – dem Streben nach leerem Tand gewidmet haben, nicht noch erhöhen. Diese beiden Argumente sind nicht vereinbar, aber das macht nichts. Sie beide haben Einfluss auf unser Denken.

Anders als die heutigen Finanzwissenschaftler verstand Smith, dass wir keine rationalen utilitaristischen Rechenmaschinen sind. Tatsächlich ist dies der Grund, warum wir kollektiv so schlechte Arbeit dabei geleistet haben, die enormen Zunahme der Ungleichheit zwischen der fleißigen Mittelschicht und den plutokratischen Superreichen, die wir während der letzten Generation erlebt haben, in den Griff zu bekommen.

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  1. CommentedJoe Shoemaker

    Wouldn't it be wonderful if elected officials of government as Governor Christie of New Jersey, read Professor DeLong's The 70% Solution. Afterall, the Governor keeps reminding the New Jersey electorite that he is a Catholic.

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