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,,Herausforderung" Türkei

Samuel Huntington hatte uns vor der Gefahr gewarnt. In seinem inzwischen berühmt gewordenen Buch ,, Der Kampf der Kulturen" führte er die Türkei als Beispiel eines in sich ,,zerrissenen Landes" an, das nach seiner Auffassung innerlich zwischen Ost und West geteilt ist, das weder zu Europa noch zum Nahen Osten gehört, ein Land mit einer Bruchlinie, die eher durch das Land als an seiner Grenze entlang verläuft.

Die jüngsten Bombenanschläge in Istanbul unterstreichen noch einmal, wie wichtig es für die Türkei ist, Huntingtons Verwerfungsgrenze zu überwinden, um gestärkt als wohlhabende, säkulare und stabile Demokratie hervorzugehen. Wenn dies der Türkei gelingt, wird sich zeigen, dass es nicht zwangsläufig zu einem ,,Kampf der Kulturen" kommen muss, in dem die Trennung des Kalten Krieges durch neue, religiöse Auseinandersetzungen wie im Mittelalter ersetzt wird.

Ob die Türkei als moderne Demokratie vorankommt, wird natürlich von vielen, hauptsächlich von Faktoren innerhalb der Türkei abhängen, und es hat etwas mit der eigenen Führung und den Entscheidungen zu tun, welche die politisch und wirtschaftlich Handelnden in der Türkei treffen. Doch verstehen die Terroristen, die derart tödlich zugeschlagen haben, die globale und nicht nur regionale Bedeutung des Kampfes um die türkische Seele.

Denn Faktoren außerhalb der Türkei werden darüber entscheiden, wo das Land hingerät. Der tatsächlich wichtigste einzelne Faktor, der die kommende Entwicklung entscheidend beeinflussen wird und der die Voraussetzungen für eine beachtliche Erfolgsgeschichte bieten oder im Gegenteil auch zu einem Fehlschlag führen könnte, ist die anstehende Entscheidung der Europäischen Union, ob sie mit den Verhandlungen über die volle EU-Mitgliedschaft der Türkei beginnen soll oder nicht.

Im Dezember 2002 verpflichteten sich die Staats- und Regierungschefs der EU, mit der Türkei Verhandlungen über die volle Mitgliedschaft aufzunehmen, vorausgesetzt das Land erfüllt die relevanten Kriterien, die für alle Kandidatenländer gelten. Auf einem für den Dezember 2004 unter dem Vorsitz der Niederlande anberaumten Gipfel hat die EU den Fortschritt der Türkei zu sichten und zu entscheiden, ob, vorausgesetzt die Kriterien werden erfüllt, die Verhandlungen ,,unverzüglich" aufgenommen werden.

Die Türkei braucht den ,,Anker" der europäischen Integration in wirtschaftlicher, politischer und institutioneller Hinsicht. Europa und die Türkei zusammen müssen sich und der Welt beweisen, dass Huntingtons ,,Kampf der Kulturen" nicht unabwendbar ist; dass Christen, Juden, Muslime und andere Gläubige und Nichtgläubige das ,,europäische Projekt" gemeinsam aufbauen können, dass eine mehrheitlich muslimische Gesellschaft demokratisch und säkular sein kann und dass Türken und Griechen das zustande bringen können, was Frankreich und Deutschland gelang, nämlich eine jahrhundertealte Feindschaft zu überwinden und eine ,,gute Nachbarschaft" zu entwickeln.

Man darf nicht zulassen, dass sich die ,,Grenzen" zwischen Ost und West, die Atatürk in der Türkei weitgehend eingerissen hatte, in den Köpfen einer neuen Generation wieder bilden. Hierbei ist die Situation nicht derjenigen unähnlich, die der EU in Osteuropa, in einer Region begegnet, die nach dem Sturz des Kommunismus ebenfalls einen ,,Anker" nötig hatte. Die EU bot diesen Anker nahezu ohne zu zögern, und das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

Länder mit einer Kommandowirtschaft und geringer Erfahrung in Demokratie stehen nach einem Jahrzehnt rapider Veränderung im Begriffe, zu Vollmitgliedern der Union zu werden. Hier gab es den Anker von Anfang an. Europa zeigte sich entschlossen und großzügig, und das zahlte sich aus.

Im Jahr 1990 besaß die Türkei eine fortschrittlichere Marktwirtschaft und eine viel größere Erfahrung mit Demokratie als die osteuropäischen Länder, die gerade dabei sind, der EU beizutreten. Doch im Falle der Türkei sträubte sich Europa sehr lange, dem Land die gleiche Art von Initiativen und Hoffnungen zu bieten.

Das hat dem Fortschritt der Türkei geschadet. Doch wenn sich Europa entschlossener fortbewegt hat, als dies auf dem Kopenhagener Gipfel im Jahr 2002 geschehen ist, hat auch die Türkei in Wirtschaft und Politik recht spürbare Fortschritte gemacht.

Natürlich muss die Türkei alle Voraussetzungen der Kandidatenländer erfüllen, aber diese sind auf eine faire und vernünftige Weise zu beurteilen. Doch wenn das Land diese Bedingungen erfüllt, dann würde ein weiteres Zögern Europas die Bemühungen all derer untergraben, die den Übergang der Türkei zur Demokratie zu einem erfolgreichen Abschluss bringen wollen.

Natürlich stellt die Integration der Türkei, eines großflächigen Landes an der Grenze zum Nahen Osten, Europa vor eine gewaltige Herausforderung. Der Erfolg würde sich allerdings enorm auszahlen und zwar für die Türkei, für Europa und für die ganze Welt. Nur wenige Momente in der Geschichte waren so viel versprechend wie der EU-Gipfel im Dezember 2004.

Vor uns steht noch ein ganzes Jahr. Die Türkei muss hart arbeiten, um bereit zu sein. Die Vereinigten Staaten müssen langfristig denken und den Prozess behutsam unterstützen, statt mit dem falschen Gedanken zu spielen, die Türkei sei Teil eines neuen ,,größeren Nahen Ostens". Am wichtigsten ist allerdings, dass die Staats- und Regierungschefs Europas, die im Grunde ihres Herzens wissen, worum es geht, mit Mut und Einsicht ihren Führungsaufgaben nachkommen müssen.

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