The World in Words
Der unvollendete Abschluss
Shashi Tharoor
Die Krise in Simbabwe löst ein beunruhigendes Déja-vu-Erlebnis aus. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Glücklicherweise gehört es heute nicht mehr zum guten Ton, die Untaten während der Kolonialherrschaft als Ursache für jedes nationale Unglück anzuprangern. Die imperialistischen Denkmäler sind zerstört, Städte und Straßen sind umbenannt und die Spuren der Fremdherrschaft entweder beseitigt oder an die neuen Bedingungen angepasst. Mit Ausnahme des Präsidenten von Simbabwe hat auch kein führender Politiker eines in die Unabhängigkeit entlassenen Landes in den letzten Jahren den Kolonialismus in einer bedeutenden Rede angegriffen. Diese politische Rhetorik scheint in den Entwicklungsländern größtenteils verschwunden.
Auf internationaler Ebene ist der Kolonialismus noch weniger ein Thema. Früher geißelten die Verfechter der einen oder anderen Weltordnung die Übel des Imperialismus (manchmal, aber nicht immer mit dem Präfix ``Neo''- versehen), wenn es darum ging, die Forderung nach einem gerechteren System zu rechtfertigen. Diese Methode ist aus dem diplomatischen Diskurs verschwunden. Und dennoch wäre es unklug den Kolonialismus im sprichwörtlichen Abfalleimer der Geschichte zu entsorgen, denn er spielt für das Verständnis der Probleme und Gefahren für diese Welt nach wie vor eine Rolle.
Zunächst ist festzuhalten, dass die Lösung der aus der frühen Zeit der Kolonialisierung verbliebenen Probleme noch immer in einer gefährlichen Sackgasse steckt. Diese Probleme sind in den meisten Fällen ein Überbleibsel unsauberer Methoden beim Rückzug der Kolonialmächte. Die Ereignisse in Ost-Timor im Jahr 1999 sind uns noch frisch im Gedächtnis und die Schwierigkeiten noch nicht beseitigt. Im Gegensatz zu den ungeklärten Vermächtnissen des europäischen Kolonialismus in der West-Sahara, Zypern und Palästina, scheint in Ost-Timor jedoch ein Abschluss zumindest in greifbarer Nähe.
Hinzu kommt, dass Pulverfässer aus der Kolonialzeit wieder explodieren könnten, wie dies zur allseitigen Verwunderung zwischen Äthiopien und Eritrea passierte, wo aufgrund einer ungenauen Grenzziehung durch die Kolonialmacht Italien ein Krieg ausbrach. In Simbabwe ist die Landverteilung aus der Kolonialzeit, als das fruchtbarste Ackerland den weißen Siedlern vorbehalten war, zumindest ein Grund für die momentane Krise des Landes.
Aber nicht nur die direkten Konsequenzen des Kolonialismus sind in diesem Zusammenhang von Bedeutung, auch indirekte Auswirkungen fallen ins Gewicht. In der intellektuellen Geschichte des Kolonialismus finden sich zahlreiche Belege für bewusst in Kauf genommene Ursachen von Konflikten der jüngeren Zeit. Einer davon ist der sorglose Umgang in anthropologischen Fragen: Die bis dahin nicht existente Unterteilung von Hutus und Tutsis in Ruanda und Burundi durch die belgischen Kolonialherren sorgt in der Region der Großen Seen in Afrika noch immer für Zündstoff.
Ein ähnliches Problem ergibt sich aus soziologischer Sicht. Bis zu welchem Grad war beispielsweise die britische Erfindung der ``martial races'' (der ``kriegerischen Völker'') für das Blutvergießen in Indien in verantwortlich? Die alte Maxime der Kolonialherrschaft ``teile und herrsche'' ist nicht zu übersehen. Auch die britische Kolonialpolitik am Subkontinent orientierte sich nach 1857 an diesem Leitsatz, was beinahe unvermeidlich in die Tragödie der Teilung mündete. Derartige Unterscheidungen zwischen Völkern waren nicht nur gefährlich, sie waren auch an der ungleichen Ressourcenverteilung in der Gesellschaft des Kolonialstaates zu erkennen. Die belgischen Kolonialherren bevorzugten die Tutsis, was dazu führte, dass die Hutu die Belgier als fremde Eindringlinge betrachteten. Der Groll der Singhalesen über die Privilegien der Tamilen in Sri Lanka zur Kolonialzeit führten nach der Unabhängigkeit zu einer Politik der Diskriminierung, was wiederum die Rebellion der Tamilen entfachte.
Eine ``gemischte'' Kolonialgeschichte ist ebenfalls eine potenzielle Gefahrenquelle. Hat ein Staat mehr als eine koloniale Vergangenheit, stellt dies eine Gefahr für seine Zukunft dar. Ethnizität oder Sprache spielen bei Abspaltungen wie der Eritreas von Äthiopien oder der ``Republik Somaliland'' von Somalia (die eine davon anerkannt, die andere nicht) kaum eine Rolle. Es waren vielmehr unterschiedliche Erfahrungen mit ihren Kolonialmächten (Italien in Eritrea und Großbritannien in Somaliland), die die Menschen, zumindest in ihrer Selbstwahrnehmung, vom Rest ihrer, der gleichen Ethnie zugehörigen, Landsleute unterschied.
Ähnlich verhält es sich im Falle des früheren Jugoslawien, wo Gebiete, die 800 Jahre unter österreichisch-ungarischer Herrschaft standen mit Gebieten vereint wurden, die beinahe ebenso lang zum ottomanischen Reich gehörten. Im Krieg, der 1991 ausgebrochen war, standen die ehemals von deutschsprachigen Reichen beherrschten Gebiete denjenigen gegenüber, die dieser Kolonialisierung widerstanden.
Die aus der Kolonialzeit stammenden Grenzen schaffen, auch wenn sie nach der Unabhängigkeit ihre Gültigkeit behielten, heute vor allem in Afrika noch Probleme. Wo ungleiche Völker durch die Willkür kolonialer Grenzziehungen zum Zusammenleben gezwungen werden, bleibt eine einheitliche Nation unerreichbar. Früher existierende Stammes- oder Sippenzugehörigkeiten wurden durch die, in so entfernten Städten wie Berlin vorgenommenen Grenzziehungen zerstört, so dass die Staatsführer der neuen post-kolonialen Staaten nach der Unabhängigkeit gezwungen waren, neue Traditionen und nationale Identitäten zu erfinden. Dies hatte die Schaffung wenig überzeugender politischer Mythen zur Folge, die ebenso künstlich waren wie die Länder, die darin mythologisiert wurden und denen es nur allzu selten gelingt, in ihren Bürgern echte patriotische Gefühle zu entfachen.
Eine weitere Konfliktquelle ist das Staatsversagen als Folge der Kolonialherrschaft. Der Zusammenbruch von Zentralregierungen - wie der in Sierra Leone, Liberia und Somalia in den letzten Jahren - könnte eine Sturzflut weiterer alarmierender Ereignisse nach sich ziehen, denn vor allem in Afrika scheinen ``schwache Staaten'' anfällig dafür zu sein, in einer wahren Konfliktflut zusammenzubrechen.
Auch die schlechte Entwicklungslage post-kolonialer Gesellschaften ist Ursache für Konflikte. Durch den ungleichen Ausbau der Infrastruktur aufgrund von Prioritätsverschiebungen zugunsten der Kolonialherren, kann es zur ungleichen Verteilung von Ressourcen kommen, was wiederum Wahrscheinlichkeit steigender sozialer Spannungen erhöht. Die schlechte Entwicklung in vielen Ländern im Süden, die in ihrem Bemühen mit einer globalisierten Welt mitzuhalten oft Schiffbruch erleiden, führt zu hoffnungsloser Armut, ökologischem Kollaps und zu entwurzelten, arbeitslosen Menschen, die für die atrophierten staatlichen Systeme unerreichbar bleiben.
Es wird uns nicht gelingen im 21. Jahrhundert eine bessere Welt zu schaffen, wenn wir vergessen, was im 19. und über weite Strecken des 20. Jahrhunderts geschah. Das heisst allerdings nicht, dass unsere Antworten auf die von den Vermächtnissen der Vergangenheit ausgehenden Gefahren ebenfalls in der Vergangenheit wurzeln müssen. Mehr als je zuvor müssen wir uns um innovative, vorausschauende Ansätze für eine globale Governance bemühen. Mit dem Beginn des neuen Millenniums scheint es ironischerweise aber auch klar, dass die potenziellen Unruhen von morgen in nicht geringem Ausmaß ihre Wurzeln in der kolonialen Ordnung von gestern haben.
Es liegt mir fern, den Politikern in den ehemaligen Kolonialstaaten, deren Führungsstil nicht entsprach, irgendwelche Ausreden aus der Vergangenheit für ihr gegenwärtiges Versagen zu liefern. Um aber mögliche zukünftige Konfliktquellen zu erkennen, wäre ein Blick in den Rückspiegel wohl besser als der in eine Kristallkugel.
Copyright: Project Syndicate, März 2002
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