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2006-05-10

Täglich bombardieren uns Experten mit ihren Ansichten zu Themen wie den irakischen Aufständischen, den bolivianischen Cocabauern, den Notenbankern von der EZB oder dem nordkoreanischen Politbüro. Aber wie viel Vertrauen sollten wir in solche Expertenmeinungen setzen?

Die optimistische Ansicht besagt, dass, solange ein intensiver Wettbewerb zwischen den Anbietern von Expertise um die Aufmerksamkeit urteilsfähiger Kunden (der Medien) herrscht, die Marktmechanismen schon für die nötige Qualität sorgen werden. Experten, die es auf die Meinungsseiten der Zeitungen oder ins Fernsehen oder Radio geschafft hätten, müssten eine hohe Treffsicherheit aufweisen; andernfalls hätte man sie ausgesondert.

Skeptiker allerdings warnen, dass die Massenmedien diktieren, welchen Kommentatoren wir zuhören, – und weniger an seriöser Debatte interessiert seien als daran, beliebte Vorurteile zu bedienen. Infolgedessen könnte die Berühmtheit der Kommentatoren mit ihrer langfristigen Treffgenauigkeit statt auf positive auf negative Weise korrelieren.

Bis vor kurzem wusste man nicht, wer denn nun Recht hat – weil keiner mitgezählt hat. Jetzt allerdings deuten die Ergebnisse eines über 20 Jahre hinweg durchgeführten Forschungsprojektes darauf hin, dass die Skeptiker näher an der Wahrheit liegen.

Ich habe dieses Projekt in meinem Buch Expert Political Judgment: How good is it? How can we know? im Einzelnen beschrieben. Seine Grundidee bestand darin, bei hunderten von Experten tausende von Vorhersagen über das Schicksal dutzender Länder einzuholen und diese anschließend in Bezug auf ihre Treffgenauigkeit zu bewerten. Dabei haben wir festgestellt, dass die Medien es nicht nur versäumen, schlechte Konzepte auszusondern, sondern dass sie diesen tatsächlich häufig den Vorzug geben – insbesondere, wenn sich die Wahrheit zu unübersichtlich darstellt, als dass man sie in ordentlichen Häppchen präsentieren könnte.

Die Untersuchungsergebnisse weisen in zwei Richtungen. Erstens haben die Skeptiker Recht mit ihrer Warnung, dass, wenn Experten in großer Zahl ins Rampenlicht drängen, sich viele von ihnen verleiten lassen, das eigene Wissen zu übertreiben. Am zuverlässigsten übertreiben dabei die übertrieben Zukunftsgläubigen und die Unheilspropheten.

Zwischen 1985 und 2005 gaben die übertrieben Zukunftsgläubigen 10-Jahres-Prognosen ab, welche die Chancen großer positiver Veränderungen sowohl an den Finanzmärkten (z.B. ein Dow Jones Industrial Average mit 36.000 Punkten) wie innerhalb der Weltpolitik (z.B. Ruhe im Nahen Osten und dynamisches Wachstum in Schwarzafrika) deutlich übertrieben darstellten. Rosigen Szenarien, die nur zu 15% Wirklichkeit wurden, wiesen sie Eintrittswahrscheinlichkeiten von 65% zu.

Nach schlechter schnitten für denselben Zeitraum die Unheilspropheten ab: Sie übertrieben die Chancen auf negative Veränderungen an denselben Stellen, an denen die übertrieben Zukunftsgläubigen das Positive hervorhoben, sowie in weiteren Bereichen. (Ich warte noch immer auf den unmittelbar bevorstehenden Zerfall Kanadas, Nigerias, Indiens, Indonesiens, Südafrikas, Belgiens und des Sudans.) Düsteren Szenarien, die sich in nur 12% aller Fälle bewahrheiteten, wiesen sie Eintrittswahrscheinlichkeiten von 70% zu.

Zweitens gereicht es den Übertreibern – erneut wie die Skeptiker warnten – selten zum Nachteil, wenn sie sich irren. Tatsächlich überschütten die Medien die Übertreiber mit verschwenderischer Aufmerksamkeit und vernachlässigen gleichzeitig ihre bescheideneren Kollegen.

Dieser Prozess wird gestochen scharf erkennbar, wenn wir – dem Philosophen Sir Isaiah Berlin folgend – die Experten in „Igel“ und „Füchse“ unterscheiden. Igel sind Denker mit großen Ideen. Sie lieben großartige Theorien: Libertarismus, Marxismus, Umweltideologie, usw. Ihr Selbstvertrauen kann ansteckend sein. Sie wissen sich bei Auseinandersetzungen wuchtig in Szene zu setzen, indem sie vielfältige Gründe anführen, warum sie selbst Recht und die anderen Unrecht haben.

Dies verschafft ihnen Medienruhm. Aber sie wissen nicht, wann sie mental auf die Bremse treten und anderen Standpunkten gegenüber Zugeständnisse machen müssen. Sie nehmen ihre eigenen Theorien zu wichtig. Infolgedessen irren sich die Igel häufiger, weisen aber bei einer Internetsuche mehr Google-Treffer auf.

Die Füchse schöpfen aus vielen Quellen. Sie sind besser imstande, ihren ideologischen Überschwang im Zaum zu halten, und können selbst in erbitterten Debatten gut mit fortgesetzten Zweifeln leben, wer denn nun Recht hat. Sie gestehen Wissenslücken ein und erkennen die Legitimität gegensätzlicher Ansichten an. Sie streuen sprachliche Einschränkungen in ihre Äußerungen ein, welche die Geltungsanspruch ihrer Argumente beschränken: „aber“, „allerdings“ und „obwohl“.

Da sie zu starke Vereinfachungen vermeiden, machen die Füchse weniger Fehler. Füchse stimmen häufig bis zu einem gewissen Grade mit den Igeln überein, bevor sie dann die Dinge komplizieren: „Ja, mein Kollege hat Recht: Die saudische Monarchie ist anfällig. Aber bedenken Sie, dass Staatsstreiche selten sind und die Regierung über Mittel und Wege verfügt, den Widerstand zu unterdrücken.“

Stellen Sie sich vor, Ihr Job als leitender Mitarbeiter eines Medienunternehmens sei davon abhängig, ihre Zuschauerzahl zu erhöhen. Wen würden Sie präsentieren: einen Experten, der zu einander im Widerspruch stehende Argumente abwägt und zu dem Schluss gelangt, am wahrscheinlichsten sei, dass die Dinge weiter ihren gewohnten Gang gingen? Oder einen Experten, der die Zuschauer von ihren Stühlen reißt mit Warnungen vor radikalen Islamisten, die die Macht an sich reißen und dafür sorgen werden, dass die Ölpreise in die Höhe schießen?

Kurz gesagt: Dieselben Eigenschaften, die die Füchse zuverlässiger machen, machen sie auch weniger beliebt.

An dieser Stelle nun werden Ihnen unliebenswürdige Skeptiker hämisch glucksend erklären, dass wir die Medien hätten, die wir verdienen. Dies jedoch ist unfair. Bisher hat noch keine Gesellschaft eine allgemein anerkannte Methode hervorgebracht, wie man den Vorhersagen von Experten auf der Spur bleibt. Selbst Bürger, die großen Wert auf treffsichere Aussagen legen, können kaum erkennen, dass sie auf diese verzichten, wenn sie, um statt einem langweiligen Fuchs einem charismatischen Igel zuzuhören, den Sender wechseln.

Hier also ein bescheidener, auf alle Demokratien anzuwendender Vorschlag: Der Markt für Ideen funktioniert besser, wenn es den Bürgern leichter fällt, die Zielkonflikte zwischen Treffsicherheit der Aussagen und Unterhaltung oder zwischen Treffsicherheit und Parteitreue zu erkennen. Würden sie sich dann nicht eher jenen Experten zuzuwenden, deren Einschätzungen sich in der Vergangenheit häufiger als richtig erwiesen haben? Falls ja, würden sich die Experten möglicherweise daran gewöhnen, zur Verantwortung gerufen zu werden, und mehr Bescheidenheit zeigen, und die politische Debatte würde vielleicht anfangen, weniger schrill zu klingen.

Zugegeben, es ist nicht leicht, Methoden zu entwickeln, die die Treffsicherheit von Prognosen überprüfen und für das gesamte Spektrum vernünftiger Meinungsäußerung glaubwürdig sind. Aber in einer Welt, in der – in den Worten von Yeats – „es den Besten an jeglicher Überzeugung mangelt und die Schlechtesten voll leidenschaftlicher Intensität sind“, ist es möglicherweise den Versuch wert.

Philip E. Tetlock ist Verfasser von Expert Political Judgment: How Good Is It? How Can We Know? und Professor für Betriebswirtschaft, Politologie und Psychologie an der University of California in Berkeley.

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AUTHOR INFO

Philip E. Tetlock, author of Expert Political Judgment: How Good Is It? How Can We Know?, is Professor of Business Administration, Political Science, and Psychology at the University of California at Berkeley.