Thursday, July 24, 2014
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Zehn Gründe, die für Europa sprechen

PARIS: Der Euro, so glauben inzwischen viele, wird das Scheitern der politischen Klasse in Griechenland oder die steigende Arbeitslosigkeit in Spanien nicht überstehen: Wartet nur ein paar Monate, so sagen sie, der unaufhaltsame Zusammenbruch der Europäischen Union hat schon begonnen.

Düstere Prophezeiungen sind häufig falsch, aber sie können sich auch selbst bewahrheiten. Und seien wir ehrlich: Cassandra zu spielen ist in der heutigen Medienwelt, in der gute Nachrichten keine Meldung wert sind, nicht nur verführerisch; es scheint wirklich berechtigter denn je. Für die EU sah die Lage nie ernster aus.

Dies genau ist auch der Grund, warum es in diesem entscheidenden Moment so wichtig ist, wieder Hoffnung und vor allem gesunden Menschenverstand in die Gleichung zu injizieren. Hier also sind zehn gute Gründe, warum man an Europa glauben sollte – zehn rationale Argumente, um pessimistische Analysten und besorgte Anleger gleichermaßen zu überzeugen, dass es völlig verfrüht wäre, den Euro und die EU insgesamt abzuschreiben.

Der erste Grund zur Hoffnung ist, dass wieder staatsmännische Fähigkeiten nach Europa zurückkehren, wenn auch in homöopathischen Dosen. Es ist zu früh, die Auswirkungen der Wahl von François Hollande zum Präsidenten von Frankreich vorherzusagen. Aber in Italien macht ein einziger Mann, Mario Monti, bereits einen Unterschied.

Natürlich hat niemand Monti gewählt, und seine Position ist fragil und wird schon jetzt angefochten, doch es gibt einen positiven Beinahe-Konsens, der es ihm erlaubt hat, lange überfällige Strukturreformen einzuleiten. Es ist zu früh, zu sagen, wie lange dieser Konsens Bestand haben und welche Veränderungen er bringen wird. Aber Italien, ein Land, das unter Silvio Berlusconis leichtfertiger Herrschaft ein Quell der Verzweiflung war, hat sich zu einer Quelle echten, wenn auch fragilen Optimismus gewandelt.

Ein zweiter Grund, an Europa zu glauben, ist, dass mit staatsmännischen Fähigkeiten Fortschritte bei der Regierungsführung einhergehen. Sowohl Monti als auch Hollande haben Frauen in zentrale Ministerämter berufen. Als lange marginalisierte Gruppe bringen Frauen einen echten Erfolgshunger mit, von dem Europa profitieren wird.

Drittens ist sich die europäische öffentliche Meinung der Schwere der Krise endlich voll bewusst geworden. Außer möglicherweise was die Griechen angeht, könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt liegen als die Behauptung, dass Europa und die Europäer die Augen vor den Tatsachen verschließen. Ohne diese aus der Verzweiflung erwachsene Klarheit wäre Monti in Italien nie an die Macht gekommen.

Auch in Frankreich geben sich die Bürger keinen Illusionen hin. Ihr Votum für Hollande war ein Votum gegen Sarkozy, nicht gegen Sparmaßnahmen. Sie sind laut jüngst veröffentlichten Meinungsumfragen überzeugt, dass ihr neuer Präsident einige seiner „unhaltbaren Versprechen“ nicht halten wird, und scheinen dies als unvermeidlich zu akzeptieren.

Der vierte Grund zur Hoffnung ist mit Europas Kreativität verknüpft. Europa ist nicht dazu verdammt, ein Museum seiner eigenen Geschichte zu sein. Der Tourismus ist natürlich wichtig, und von diesem Standpunkt her ist Europas Vielfalt eine einzigartige Quelle der Attraktivität. Aber diese Vielfalt ist zugleich eine Quelle des Ideenreichtums. Von deutschen Autos bis hin zu französischen Luxusartikeln: Man sollte die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie nicht unterschätzen.

Der Augenblick, an dem Europa wirklich an sich glaubt, so wie Deutschland dies tut, und strategische, langfristige Planung mit gut zugewiesenen Investitionen in Forschung und Entwicklung verbindet, wird enorm viel ausmachen. Tatsächlich besitzt Europa in bestimmten Schlüsselbereichen eine weltweit anerkannte Tradition der Exzellenz, die mit einer sehr stark ausgeprägten Qualitätskultur verbunden ist.

Die fünfte Quelle des Optimismus ist leicht paradox. Nationalistische Exzesse haben Europa in der Vergangenheit häufig in katastrophale Kriege geführt. Doch die Rückkehr der nationalistischen Stimmung innerhalb Europas bringt heute ein Gefühl des Wetteiferns und der Konkurrenz hervor, das sich beim kürzlichen Aufstieg Asiens als instrumentell erwiesen hat. Koreaner, Chinesen und Taiwanesen wollten genauso viel erreichen wie Japan. In derselben Weise wird der Augenblick kommen, an dem die Franzosen so erfolgreich sein wollen werden wie Deutschland.

Der sechste Grund ist mit der Beschaffenheit des politischen Systems Europas verknüpft. Churchills berühmtes Wortes, die Demokratie sei das schlechteste politische System, mit Ausnahme aller übrigen, lässt sich überall auf dem Kontinent belegen. Mehr als 80% der französischen Bürger gaben bei der Präsidentschaftswahl ihre Stimme ab. Und als sie den feierlichen, würdevollen, friedlichen und transparenten Übergang der Macht von dem Präsidenten, den sie abgewählt hatten, an den Präsidenten, den sie gewählt hatten, im Fernsehen sahen, konnten die Franzosen gar nicht anders, als sich zufrieden mit sich selbst zu fühlen und privilegiert, in einem demokratischen Staat zu leben. Die Europäer mögen verwirrt, ineffizient und langsam in der Entscheidungsfindung sein, aber die Demokratie stellt noch immer einen Wall der Stabilität gegen wirtschaftliche und andere Unsicherheiten dar.

Der siebte Grund, an Europa zu glauben, ist mit dem Universalismus seiner Botschaft und Sprachen verknüpft. Kaum jemand träumt davon, Chinese zu werden oder Chinas viele Sprachen, mit Ausnahme von Mandarin, zu erlernen. Dagegen reichen das Englische, Spanische, Französische und zunehmend auch das Deutsche über die nationalen Grenzen hinaus.

Jenseits des Universalismus folgt der achte Faktor, der das Überleben der EU unterstützt: der Multikulturalismus. Dieser ist ein umstrittenes Modell, aber er ist eher eine Quelle der Stärke als der Schwäche. Die Verschmelzung der Kulturen des europäischen Kontinents macht seine Menschen reicher, nicht ärmer.

Der neunte Grund zur Hoffnung hat seinen Ursprung in den neuen, aufstrebenden Mitgliedern der EU. Polen, ein zum „neuen Europa“ gehörendes Land, zahlt der EU jene Legitimität zurück, die Europa ihm während der postkommunistischen Übergangsphase gewährte. Und der Beitritt Kroatiens, gefolgt von dem Montenegros und einiger weiterer Balkanländer, könnte den Austritt Griechenlands (sollte es für die Griechen so weit kommen) kompensieren.

Und schließlich – und dies ist am wichtigsten – haben Europa und die Welt keine bessere Alternative. Die griechische Krise mag Europa zwingen, sich auf eine größere Integration zuzubewegen, mit oder ohne Griechenland. Der Philosoph Jürgen Habermas spricht in diesem Zusammenhang von einer transformativen Realität – ein komplexer Begriff für einen simplen Sachverhalt: Uneinig werden wir scheitern, während wir geeint, auf unsere eigene komplexe Weise, nach „Größe“ im besten Sinne des Wortes streben können.

Anleger sichern sich natürlich nach allen Seiten ab. Nachdem sie sich zunächst erfolgreich in nicht demokratischen Schwellenländern engagiert haben, deren Anfälligkeit sie nun zu fürchten beginnen, fangen manche jetzt aus Vorsicht an, Europa neu zu entdecken. Dies könnten durchaus die Klugen sein.

Übersetzung aus dem Englischen von Jan Doolan

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  1. CommentedPascal Lieblich

    Mr. Moisi's article is unfortunately making me less, rather than more optimistic about the European enterprise ...

    With regard to the multiculturalism factor raised in the article, hasn't the political integration project, i.e. the creation of a European polity and identitity, faltered because of the emphasis on the need of a multicultural society and in particular the continuous efforts to add Turkey as a member state while it was clear that the citizens of few core states supported this move? (see f.eg., "Why not Turkey? Attitudes towards Turkish membership" , http://tinyurl.com/88swcly)


    Rather than allowing European integration time to deepen, haven't the leaders of the European Union try to shove their definition of a multicultural society down the throats of the Union's citizens? Europe has expanded too much, too quickly in every possible geographic direction. (Worse, the purpose of the expansion was nearly all economic reasons, but that on a side-note). The rapid expansion and emphasis on including Turkey as a member state has slowed down the process of political and fiscal integration, making it now much more difficult to devise appropriate solutions at the European federal level to current problems.

  2. CommentedPaul Ruckert

    Given recent developments, Professor Moisi is clearly fighting an uphill battle with this article. That said, if these are the 10 best reasons to be optimistic, then count me a pessimist.

  3. CommentedShan Jun Chang

    Hmm, let us examine the reasoning here. "Multiculturalism is a disputed model. But it is good. I'm not going to give you any reasons why, it just is, so there. Now, in my final sentence I'm simply going to restate the assertion with different adjectives".

  4. CommentedAndreas Psaras

    The approach of Zsolt Hermann, in his comment, is more to the point as well as to “What Needs to Be Done” taking the global view

  5. CommentedAndreas Psaras

    An interesting analysis by Dominique Moisi, irrespective of an inadequate understanding, in my view, of the Greek misfortune and the positive that can come out of it for the whole of Europe. When and if Europe matures to a level that allows effective solution to the “Greek problem” that is actually not only a Greek problem but also a European and systemic problem of the present economic system, then Europe will move forward.

  6. CommentedProcyon Mukherjee

    As an outsider in Europe, I had been privy to the transformational process at the back of a severe crisis in the period 2007 to 2011. I had seen how Europe reacts, specially Germany and Switzerland, and how the others like Italy and Spain seem like fence sitters, while France is embroiled in its own historicity, for better or for worse. The bondage that came from instincts of trade did not move beyond the confines of the narrow objective. I am not sure what the future holds for this ensemble if it does not go beyond the instincts of trade; evolution of a polity that takes the good with the bad and blends is what humanity makes as a difference, where instincts of trade fails.

    Procyon Mukherjee

  7. CommentedZsolt Hermann

    There is only one truly compelling reason why the European Union needs to survive, improve and provide example for the rest of the world:
    Today we evolved into a global, integral and interdependent humans system where we are all connected by multiple ties. There is no individual or nations that could break away or sustain itself.
    In such a system only a supra national democratic alliance can provide a foundation for a sustainable future.
    In fact if we examine our lives honestly and in detail we already live in a supra national network but our selfish egoistic tendencies manifesting especially in the field of politics, finances, and the media exploit old, historic rejections, hatred for self gain and profit not allowing the natural integration to take part.
    Thus the reasons the article places hope on are mostly not valid.
    Instead of individual statesmanship we need a team of visionary, transparent and selfless, elected public representatives who fulfill the expression "serving" the public above nations and individual benefit for the sake of the whole.
    Instead of European creativity in the form of luxury goods that are excessive and unnecessary, even harmful, we need European creativity in creating a fully integrated multi-national Union above all the cultural characteristics and differences while keeping them and uniting above them.
    Instead of self serving national democracies (which have not been working as true democracies serving the public for a very long time) we need a supra national democracy keeping the well being of the whole Union as priority.
    With the last reason, necessity/no other alternative, I agree with, as the article says: "divided we fall, whereas united, in our own complex manner, we may strive for “greatness” in the best sense."
    But this can only be achieved through a full integration with mutual responsibility, truly becoming a single Union.

      CommentedShan Jun Chang

      I think this analysis is rather shallow; surely the reason we don't simply enter into further union isn't that individual politicians and the finance sector are preserving the status quo for self gain; it's that in order to do so we'd have to cede more of our national sovereignty than we're comfortable with. In general, we identify more strongly with our own nations and believe that our interests are more likely to be served if our own government can act autonomously, and I would think that our politicians have the same reasoning. Don't you think this is a better reason than simply asserting, as usual, that blame lies at the feet of the greedy media, political class and financial sector?

      CommentedJohn-Albert Eadie

      I could not have put things as well as M. Hermann. I would add, that after truly becoming a union, Europe must then lead the rest of us into global unity. Because the globe itself is in dire straits. This is poisonous thinking to much of America, nevertheless it is true, and the quicker we get to being led by virtue, in the people and in their government, the sooner we will avoid incineration. Europe has to be where it happens first. Some time ago thinkers in Canada thought that it was a place to demonstrate unity in multiculturalism but I thought at the time, no, plainly it is Europe. Look at Canada today - we have a mini-Hitler, so it is certainly not happening here for some time. Very sorry for straying from the topic, except in a deep sense, I think I have not.

      CommentedCaitlin Luview

      #2: "Monti and Hollande have both appointed women to key ministerial positions. Marginalized for so long, women bring an appetite for success that will benefit Europe."

      To be clear, I don't think "marginalized women" seeking success in an old system of overconsumption is a benefit to Europe or the world. Although women can provide a new view, it is too little, too late.

      I find it interesting what a commenter here, Zsolt Hermann says, "Instead of individual statesmanship we need a team of visionary, transparent and selfless, elected public representatives who fulfill the expression "serving" the public above nations and individual benefit for the sake of the whole."

      This sounds to me like a similar definition to what motherhood is. If a team of people with the characteristics Zsolt has described can be assembled to steward the true needs and best benefit of the world through care, concern, and compassion in our relationships with one another (as a mother does her vital best to provide for and bring up her child), the world can start repairing and coming out of crisis as we each work to change our relationships into positive care.

      We are one global, interdependent and integral human family. When will we forge policy and practice that leads our human family into conducting our daily lives, attitudes, decisions, and actions in ways that provide the ability for every single human being on the planet to flourish and contribute their vitalness? Europe, within a union, has the chance to model greatness in cooperation and mutual care and concern to the entire world, for the good of all humanity. I so hope for it to rise to this challenge and opportunity... and soon!

  8. CommentedAndrés Arellano Báez

    If this are the ten best reasons to believe in Europe, the true is that "the Eurpean Union's irresistible collapse has started".

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