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Zehn Gründe, die für Europa sprechen

PARIS: Der Euro, so glauben inzwischen viele, wird das Scheitern der politischen Klasse in Griechenland oder die steigende Arbeitslosigkeit in Spanien nicht überstehen: Wartet nur ein paar Monate, so sagen sie, der unaufhaltsame Zusammenbruch der Europäischen Union hat schon begonnen.

Düstere Prophezeiungen sind häufig falsch, aber sie können sich auch selbst bewahrheiten. Und seien wir ehrlich: Cassandra zu spielen ist in der heutigen Medienwelt, in der gute Nachrichten keine Meldung wert sind, nicht nur verführerisch; es scheint wirklich berechtigter denn je. Für die EU sah die Lage nie ernster aus.

Dies genau ist auch der Grund, warum es in diesem entscheidenden Moment so wichtig ist, wieder Hoffnung und vor allem gesunden Menschenverstand in die Gleichung zu injizieren. Hier also sind zehn gute Gründe, warum man an Europa glauben sollte – zehn rationale Argumente, um pessimistische Analysten und besorgte Anleger gleichermaßen zu überzeugen, dass es völlig verfrüht wäre, den Euro und die EU insgesamt abzuschreiben.

Der erste Grund zur Hoffnung ist, dass wieder staatsmännische Fähigkeiten nach Europa zurückkehren, wenn auch in homöopathischen Dosen. Es ist zu früh, die Auswirkungen der Wahl von François Hollande zum Präsidenten von Frankreich vorherzusagen. Aber in Italien macht ein einziger Mann, Mario Monti, bereits einen Unterschied.

Natürlich hat niemand Monti gewählt, und seine Position ist fragil und wird schon jetzt angefochten, doch es gibt einen positiven Beinahe-Konsens, der es ihm erlaubt hat, lange überfällige Strukturreformen einzuleiten. Es ist zu früh, zu sagen, wie lange dieser Konsens Bestand haben und welche Veränderungen er bringen wird. Aber Italien, ein Land, das unter Silvio Berlusconis leichtfertiger Herrschaft ein Quell der Verzweiflung war, hat sich zu einer Quelle echten, wenn auch fragilen Optimismus gewandelt.

Ein zweiter Grund, an Europa zu glauben, ist, dass mit staatsmännischen Fähigkeiten Fortschritte bei der Regierungsführung einhergehen. Sowohl Monti als auch Hollande haben Frauen in zentrale Ministerämter berufen. Als lange marginalisierte Gruppe bringen Frauen einen echten Erfolgshunger mit, von dem Europa profitieren wird.

Drittens ist sich die europäische öffentliche Meinung der Schwere der Krise endlich voll bewusst geworden. Außer möglicherweise was die Griechen angeht, könnte nichts weiter von der Wahrheit entfernt liegen als die Behauptung, dass Europa und die Europäer die Augen vor den Tatsachen verschließen. Ohne diese aus der Verzweiflung erwachsene Klarheit wäre Monti in Italien nie an die Macht gekommen.

Auch in Frankreich geben sich die Bürger keinen Illusionen hin. Ihr Votum für Hollande war ein Votum gegen Sarkozy, nicht gegen Sparmaßnahmen. Sie sind laut jüngst veröffentlichten Meinungsumfragen überzeugt, dass ihr neuer Präsident einige seiner „unhaltbaren Versprechen“ nicht halten wird, und scheinen dies als unvermeidlich zu akzeptieren.

Der vierte Grund zur Hoffnung ist mit Europas Kreativität verknüpft. Europa ist nicht dazu verdammt, ein Museum seiner eigenen Geschichte zu sein. Der Tourismus ist natürlich wichtig, und von diesem Standpunkt her ist Europas Vielfalt eine einzigartige Quelle der Attraktivität. Aber diese Vielfalt ist zugleich eine Quelle des Ideenreichtums. Von deutschen Autos bis hin zu französischen Luxusartikeln: Man sollte die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie nicht unterschätzen.

Der Augenblick, an dem Europa wirklich an sich glaubt, so wie Deutschland dies tut, und strategische, langfristige Planung mit gut zugewiesenen Investitionen in Forschung und Entwicklung verbindet, wird enorm viel ausmachen. Tatsächlich besitzt Europa in bestimmten Schlüsselbereichen eine weltweit anerkannte Tradition der Exzellenz, die mit einer sehr stark ausgeprägten Qualitätskultur verbunden ist.

Die fünfte Quelle des Optimismus ist leicht paradox. Nationalistische Exzesse haben Europa in der Vergangenheit häufig in katastrophale Kriege geführt. Doch die Rückkehr der nationalistischen Stimmung innerhalb Europas bringt heute ein Gefühl des Wetteiferns und der Konkurrenz hervor, das sich beim kürzlichen Aufstieg Asiens als instrumentell erwiesen hat. Koreaner, Chinesen und Taiwanesen wollten genauso viel erreichen wie Japan. In derselben Weise wird der Augenblick kommen, an dem die Franzosen so erfolgreich sein wollen werden wie Deutschland.

Der sechste Grund ist mit der Beschaffenheit des politischen Systems Europas verknüpft. Churchills berühmtes Wortes, die Demokratie sei das schlechteste politische System, mit Ausnahme aller übrigen, lässt sich überall auf dem Kontinent belegen. Mehr als 80% der französischen Bürger gaben bei der Präsidentschaftswahl ihre Stimme ab. Und als sie den feierlichen, würdevollen, friedlichen und transparenten Übergang der Macht von dem Präsidenten, den sie abgewählt hatten, an den Präsidenten, den sie gewählt hatten, im Fernsehen sahen, konnten die Franzosen gar nicht anders, als sich zufrieden mit sich selbst zu fühlen und privilegiert, in einem demokratischen Staat zu leben. Die Europäer mögen verwirrt, ineffizient und langsam in der Entscheidungsfindung sein, aber die Demokratie stellt noch immer einen Wall der Stabilität gegen wirtschaftliche und andere Unsicherheiten dar.

Der siebte Grund, an Europa zu glauben, ist mit dem Universalismus seiner Botschaft und Sprachen verknüpft. Kaum jemand träumt davon, Chinese zu werden oder Chinas viele Sprachen, mit Ausnahme von Mandarin, zu erlernen. Dagegen reichen das Englische, Spanische, Französische und zunehmend auch das Deutsche über die nationalen Grenzen hinaus.

Jenseits des Universalismus folgt der achte Faktor, der das Überleben der EU unterstützt: der Multikulturalismus. Dieser ist ein umstrittenes Modell, aber er ist eher eine Quelle der Stärke als der Schwäche. Die Verschmelzung der Kulturen des europäischen Kontinents macht seine Menschen reicher, nicht ärmer.

Der neunte Grund zur Hoffnung hat seinen Ursprung in den neuen, aufstrebenden Mitgliedern der EU. Polen, ein zum „neuen Europa“ gehörendes Land, zahlt der EU jene Legitimität zurück, die Europa ihm während der postkommunistischen Übergangsphase gewährte. Und der Beitritt Kroatiens, gefolgt von dem Montenegros und einiger weiterer Balkanländer, könnte den Austritt Griechenlands (sollte es für die Griechen so weit kommen) kompensieren.

Und schließlich – und dies ist am wichtigsten – haben Europa und die Welt keine bessere Alternative. Die griechische Krise mag Europa zwingen, sich auf eine größere Integration zuzubewegen, mit oder ohne Griechenland. Der Philosoph Jürgen Habermas spricht in diesem Zusammenhang von einer transformativen Realität – ein komplexer Begriff für einen simplen Sachverhalt: Uneinig werden wir scheitern, während wir geeint, auf unsere eigene komplexe Weise, nach „Größe“ im besten Sinne des Wortes streben können.

Anleger sichern sich natürlich nach allen Seiten ab. Nachdem sie sich zunächst erfolgreich in nicht demokratischen Schwellenländern engagiert haben, deren Anfälligkeit sie nun zu fürchten beginnen, fangen manche jetzt aus Vorsicht an, Europa neu zu entdecken. Dies könnten durchaus die Klugen sein.

Übersetzung aus dem Englischen von Jan Doolan