Worldly Philosophers
Die Alchimie der Gewalt
Charles Taylor
2001-07-18
So mancher sucht die Antwort in der Biologie, denn oft sind es junge Männer, die Gewalt ausüben; man zieht die Hormone zur Verantwortung. Aber es ist unwahrscheinlich, dass alles eine Frage von Testosteron ist. Andere haben sozio-biologische Erklärungen parat: Menschen seien Außenseitern gegenüber aggressiv und verbündeten sich mit Insidern. Angeblich hat sich dies dann in der Evolution niedergeschlagen. Diese Erklärungsversuche gehen allerdings nicht auf die „Bedeutung“ des Phänomens ein.
Metaphysische Bedeutung scheint sich axiomatisch zu kategorischer Gewalt zu verhalten. Weil wir uns selbst als unvollkommen betrachten, unwürdig dessen, was Gott will, opfern wir uns oder Dinge, die wir schätzen. Oder wir betrachten die Zerstörung selbst als göttlich (wie bei Kali-Shiva), identifizieren uns mit ihr und entsagen dem, was wir zerstört haben. So werden wir geläutert und geben gleichzeitig der Zerstörung einen Sinn.
Wir beschwören die Gewalt auch herauf, um so ein Gefühl der Beherrschbarkeit zu erlangen, wie bei der Krieger-Ethik, die den Tod als Option einbezieht. Denken Sie an die Regimenter, die nach dem Toten-Schädel benannt wurden, beispielsweise das Totenkopf-Batallion der preußischen Armee. Der Schrecken versetzt uns in einen Rausch, ganz wie eine Droge. Das ist Transzendenz.
Die Erklärungsmodelle können auch miteinander verbunden werden. Wir unterwerfen uns dem Gott, dem Blutopfer dargebracht werden, aber die da Opfer bringen sind auch Agenten der Gewalt; sie unterwerfen sich nicht nur, sondern waten im Blut, mit geweihter Absicht. Nichts ist so befriedigend wie ein geheiligtes Massaker, denn es verbindet beide Strategien. René Girard hat das Gebiet, auf dem sich Religion und Gewalt treffen, in einer Reihe von bahnbrechenden Werken erforscht. Girard sieht geheiligte Gewalt dort, wo Menschen versuchen, ihre Einheit wieder herzustellen: Ein Opfer anzugreifen überdeckt interne Rivalitäten, die eine Gemeinschaft zu zerstören drohen.
Girard legt nahe, dass Menschen ihre Einheit nach dem Muster „Alle minus Einer“ wieder herstellen, wobei dieser “Eine” das Opfer ist. Dies ist vergleichbar mit dem Finden eines Sündenbocks, wodurch ein Gefühl der Katharsis entsteht, ein Gefühl, das Böse vertrieben zu haben. Der Verstoßene wird als das leibhaftige Böse dargestellt. Einen Sündenbock finden, kann die Gemeinschaft stärken, birgt aber eine andere Gefahr: das Gefühl, dass die bindende soziale Ordnung korrupt oder im Zusammenbruch begriffen ist.
Sündenböcke und Außenseiter werden geschaffen, weil wir uns selbst über unsere Überzeugungen, ideale Ordnung oder Lebensart definieren und so das Böse außerhalb unserer selbst suchen müssen. Sich selbst als böse oder als in einem Zustand des moralischen Chaos befindlich anzusehen, ist allzu behindernd, lähmend. Wir können es nicht zulassen. Also projizieren wir das Böse außerhalb unserer selbst, auf Mittler der „Unreinheit“.
Um das Böse oder das Chaos außerhalb unserer selbst zu sehen, muss natürlich ein Kontrast hergestellt werden. In der Geschichte sind Kontraste oft durch „Barbaren“ oder „Wilde“ hergestellt worden, ferne Menschen, meist jenseits der Kontaktmöglichkeit. Der Kontrast definierte das Böse als etwas Externes – wir sind keine Barbaren. Solange kein Kontakt bestand, war dies relativ harmlos; aber natürlich wurde die Grausamkeit lizenziert, sobald er zustande kam. Denken Sie an die Eroberung Mexikos, den Sklavenhandel: Hier wurden die Freuden der Aggression freigesetzt.
Aber die schlimmste Gewalt entsteht, wenn die Außenseiter als „Nestbeschmutzer“ betrachtet werden und daraus die unbedingte Notwendigkeit entsteht, sie zu läutern oder zu verstoßen. Wir sehen dies in der schrecklichen Geschichte des europäischen Antisemitismus. In einigen Gesellschaften hat die entstehende Moderne dies sogar noch verstärkt. Man betrachtete die Emanzipation der Juden als eine Erlaubnis für den „Feind“, sich einzuschleichen. Diese Einstellung fand ihren Höhepunkt im Nazionalsozialismus, der die Krieger-Ethik mit der Mythologie von der Verstoßung des Feindes verband: heiliger Zorn und geheiligtes Massaker zugleich.
Unsere moderne, rationale Welt kann diesen Prozess sogar noch anheizen. Obwohl sogar Gläubige kaum noch an den Zorn Gottes glauben, kann die Vernichtung des Feindes zur demokratischen Pflicht werden. Republiken und Demokratien haben tatsächlich eine neue Gewaltmaschinerie in Gang gesetzt: das Volk, beziehungsweise die Nation. Ein Volk kann seine demokratische Identität in der Revolution schmieden, interne Feinde eliminieren – Aristokraten, Kulaken – und gegen aggressive „externe“ Reaktionen ins Feld ziehen.
Natürlich sind viele demokratische Staaten diesem Vermächtnis der Revolution aus dem Weg gegangen, aber es entsteht noch eine andere Dynamik aus dem Bekenntnis zu einer nationalen Identität, die ein Grundstein der meisten demokratischen Staatsformen ist. „Der Andere“ wird oft als Bedrohung dieser Identität wahrgenommen. Denn, wenn wir eine Minderheit in unserem „Volk“ akzeptieren, könnte diese beschließen, unsere Identität zu verändern. Wenn sie ausgeschlossen wird, erhalten ihre Mitglieder keine Bürgerrechte, was wiederum ein fundamentales Recht der Moderne ist. Auf jeden Fall könnte es jedoch sein, dass sie unser Territorium zerstückeln will. Also: Passt euch an oder ihr werdet Säuberungen unterworfen! So wurde das 20. Jahrhundert, das Zeitalter der Demokratie, die Blütezeit der ethnischen Säuberung. Wer gegen unsere Moral verstößt oder abtrünnig wird, verdient, was er bekommt.
Zum Beispiel die Moslems in Indien. In den Augen der herrschenden BJP: Moscheen können dem Erdboden gleich gemacht werden, weil ihre Errichtung vor Hunderten von Jahren eine Frucht der Gewalt war. Unter weniger anspruchsvollen Mitgliedern der Partei ist die Argumentation noch unverblümter: Moslems gehören hier nicht hin, schickt sie nach Pakistan.
Welch grausame Alchimie! Allein durch ihre Existenz wirkt eine Minderheit identitätsbedrohend. Kommen dazu noch ein paar glaubhafte Gräuelgeschichten, ist die Massengewalt nicht mehr fern, denn überall sind junge Männer handlungsbereit. Schreckliche Verbrechen werden begangen. Eine Gruppe säubert Dorf A, eine Gegengruppe säubert Dorf B. Rache, Auge um Auge, Vertrauen wird sogar zwischen denen zerstört, die miteinander gelebt haben und über Generationen untereinander geheiratet hatten. Die Spirale führt nur nach unten.
Natürlich manipulieren Eliten diese dunklen Kräfte, wie 1990 in Bosnien und 1947 im Punjab. Die jüngste Geschichte im Punjab, wo die Gewalttaten zwischen Sikhs und Hindus abgenommen haben, zeigt, dass diese schreckliche Dialektik nicht unvermeidlich ist. Manchmal kann ein Beziehungsgeflecht über die Grenzen der Gemeinschaft hinaus Versuche abwehren, dieses durch Massaker zu zerstören.
Man muss noch eine andere Ursache für kategorische Gewalt erwähnen. Heute werden Opfer gerettet und anerkannt und Verbrecher bestraft. Die Besorgnis um die Opfer ist für Girard die Religion der modernen Welt. Sie ist der Motor im Kampf gegen die Ungerechtigkeit, aber sie zieht auch Linien und denunziert Feinde. Denn wenn ich Opfer bin, muss es auch einen Täter geben. Der Anspruch auf die Opferschaft bestätigt die Reinheit des Individuums. Unsere ist eine gute Sache, also können wir gerechte Gewalt ausüben. Wir haben ein Recht darauf, schreckliche Dinge zu tun, ein Recht, das andere nicht besitzen. Dies ist die Logik des Terrorismus: Weil ich durch die Hand anderer leide, ist meine Täterschaft gerechtfertigt.
Hilft uns das Wissen um diese Sachverhalte nun, die kategorische Gewalt zu verringern oder gar zu beseitigen? Kant argumentiert, dass geordnete, demokratische Gesellschaften dieses Ziel erreichen, weil sie naturgemäß weniger gewaltbereit sind. Sie führen keinen Krieg miteinander und erleiden wahrscheinlich keine Bürgerkriege. Es liegt ein Kern Wahrheit darin, aber wenn der Geist der Kreuzfahrer im demokratischen Gewand daherkommt, gibt es kein Mitleid für die Gegner, ganz wie in den Tagen von Saladin und Richard Löwenherz. Es gibt nur den grimmigen, erbarmungslosen Kampf gegen das Böse.
Man kann auch auf die Rechte, die durch Leiden verliehen werden, verzichten und so die Gewalt in ihrer Dynamik unterbrechen, bevor sie ihren unvermeidlichen Tribut zollt. Ein Beispiel hierfür ist Nelson Mandela, der zugunsten einer konditionalen Amnestie auf Rache verzichtete. Oft verlieren Amnestien ihre Wirkung, weil die Unterdrückung der Wahrheit oder zumindest des Bewusstseins der Missetaten schwelt wie eine nicht verheilte Wunde. Die „Wahrheits- und Versöhnungs-Kommission“ Nelson Mandelas wollte schreckliche Verbrechen an den Tag bringen, ihr Ziel war aber nicht die Vergeltung. Die Taten wurden öffentlich gebeichtet (Amnestie wurde gewährt, wenn die Beichten der Wahrheit entsprachen), unter den Tätern waren nicht nur die ehemaligen Herrscher. Die Verantwortung wurde gemeinsam getragen.
Niemand weiß, ob das südafrikanische Modell schließlich funktionieren wird. Mandelas Ansatz ignoriert den Rachedurst und die Selbstgerechtigkeit der Menschen. Aber ohne den außerordentlichen Verzicht Mandelas auf die Rechte des Opfers nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wäre noch nicht einmal der Ansatz für ein neues Südafrika entstanden.
Auch Polen sollte an dieser Stelle erwähnt werden, wo Adam Michnik riet, die neue Gesellschaft auf einem Vergeltungsverzicht zu errichten. Die Reaktion des Dalai Lama auf die Unterdrückung Tibets durch die Chinesen ist ein anderes Beispiel. Handlungen dieser Art liegen eindeutig in einer religiösen Tradition, aber nicht unbedingt im persönlichen Glauben begründet. Welche Motivation auch immer dahinter steht, die Kraft liegt nicht darin, die Irrsinnigkeit von gewaltsamer Kategorisierung zu unterdrücken, sondern sie im Sinne einer neuen, gemeinsamen Welt umzuwandeln.
Copyright: Project Syndicate and Institute for Human Sciences, July 2001
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