Friday, April 18, 2014
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Den Glauben ernst nehmen

LONDON: Der Begriff „Arabischer Frühling“ ist schon jetzt hochgradig umstritten. Sind die Revolutionen überall in der arabischen Welt ein Omen glorreicher Sommertage oder ein Übergang durch düsteren Winter? Eins ist sicher: Der Einfluss der Religion und des Glaubens ist für das Ergebnis entscheidend.

Man betrachte das Ausmaß der aktuellen Geschehnisse. Überall im Nahen Osten und in Nordafrika wächst der Einfluss islamistischer Parteien. Auch die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten stehen im Vordergrund. Auf einer Pervertierung der Religion basierender Terrorismus entstellt die Politik nicht nur an den bekannten Orten, sondern auch in Nigeria, Russland, Kasachstan, auf den Philippinen und anderswo. Mehr als die Hälfte der heutigen Konflikte weltweit haben eine überwiegend religiöse Dimension.

Die meisten (wenn auch nicht alle) religiösen Glaubensrichtungen umfassen heute extremistische Gruppen, die sämtlich imstande sind, in früher stabilen Gemeinschaften Zwietracht zu sähen. Es stimmt, ein Großteil dieses Extremismus beruht auf einer Perversion des Islam; gleichzeitig jedoch richten sich derartige Perversionen des Glaubens häufig gegen Muslime. In Teilen Europas konkurriert die Islamophobie inzwischen mit dem Antisemitismus und übt eine starke und gefährliche politische Attraktivität aus.

Kurz gesagt, Religion ist wichtig. Als ich vor dreieinhalb Jahren eine Stiftung gründete, deren Ziel es ist, die Beziehungen zwischen den Religionen zu verbessern, sahen manche dies als Donquichotterie an, oder als schlicht bizarr: Warum sollte ein Ex-Premierminister so etwas tun wollen?

Ich tat es aus einem ganz einfachen Grund. Meine Erfahrungen als Premierminister haben mich gelehrt, dass man keins der Probleme im Nahen Osten und darüber hinaus – im Iran, Afghanistan, Pakistan und Somalia usw. – verstehen kann, ohne sich die Bedeutung der Religion bewusst zu machen. Damit meine ich nicht die Politik der Religion, sondern Religion per se. Wir können den Einfluss des religiösen Glaubens nicht unter rein weltlichen Gesichtspunkten behandeln. Wir müssen ihn auch als echte Glaubensfrage behandeln.

Tatsächlich ist es eine grundlegende außenpolitische Schwäche insbesondere im Westen, anzunehmen, dass politische Lösungen allein einen sinnvollen Weg in die Zukunft bieten. Das stimmt nicht. Wer überzeugt ist, dass sein Glaube ihn zu einem Handeln zwingt, das den Respekt füreinander zerstört, muss überzeugt werden, dass er damit seinen Glauben falsch auslegt; andernfalls wird ein solcher auf dem Glauben gründender Zwang weltliche politische Argumente immer ausstechen.

Man denke an die aktuellen Entwicklungen im Nahen Osten und in Nordafrika. Ob es einem gefällt oder nicht: Die Muslimbruderschaft und andere religiöse Parteien werden hier möglicherweise dominieren. Sie sind etablierte, gut organisierte Parteien, die tief in ihren Gemeinwesen verwurzelt sind, und vor allem sind sie hochmotiviert – was überall ein Erfolgsrezept ist. Ihnen gegenüber steht ein Sammelsurium aus den diskreditierten Anhängern der alten Regime und wohlmeinenden, häufig zahlreichen, aber hochgradig desorganisierten liberal ausgerichteten Gruppen.

Das Risiko, vor dem wir stehen, lässt sich problemlos beschreiben: Die Herausforderung für diese im Entstehen begriffenen Demokratien besteht darin, bei den traumatischen Umwälzungen, vor denen sie stehen, demokratisch zu bleiben. Insbesondere müssen sich ihre Volkswirtschaften reformierten, öffnen und wachsen, um die zunehmenden Erwartungen ihrer Bürger zu erfüllen.

Tatsächlich weist die Region mit einem Durchschnittsalter von häufig unter 30 eine der jüngsten Bevölkerungen weltweit auf. Ägypten hatte in den 1950er Jahren eine Bevölkerung von etwa 30 Millionen Menschen; heute sind es 90 Millionen. Was diese jungen, ambitionierten Bevölkerungen, deren Kritik an ihren alten Regime mindestens so stark wirtschaftlich wie politisch bedingt war, brauchen, sind eine Wiederbelebung ihrer Touristikbranche, zuversichtliche Unternehmer und investitionsfreudige ausländische Anleger. Sie brauchen grundlegende Bildungs- und Sozialreformen. Und ihre neuen politischen Herren müssen wissen, dass die Bürger das Recht haben, sie, falls sie keinen Erfolg haben, abzuwählen.

Doch geht es bei der Demokratie nicht nur um freie Wahlen und die verfassungsgemäße Herrschaft der Mehrheit. Es geht auch um freie Meinungsäußerung, Religionsfreiheit und Märkte, die zwar reguliert, aber zugleich frei und berechenbar sind. Anders ausgedrückt: Demokratie ist nicht nur ein Wahlsystem, sondern eine aufgeschlossene Einstellung.

Diese Unterscheidung – Aufgeschlossenheit gegen Engstirnigkeit – ist heute politisch ebenso ins Auge springend wie traditionelle Unterschiede zwischen Links und Rechts. Ist die Globalisierung – bei der uns Technologie, Kommunikation, Migration und Reisen immer enger zusammenzwingen – für uns etwas, das wir annehmen, aber auf dessen Fairness wir hinarbeiten müssen, oder eine Bedrohung unserer traditionellen Lebensweise, der es Widerstand zu leisten gilt? Ich glaube, dass den Aufgeschlossenen die Zukunft gehört. Doch die Engstirnigen treffen das Bauchgefühl, und die Religion spielt hier mit hinein.

Der Glauben hat in unserer heutigen Welt zwei Gesichter. Eines ist nicht nur in den Handlungen des religiösen Extremismus erkennbar, sondern auch im Wunsch religiöser Menschen, ihren Glauben als Kennzeichen zur Abgrenzung gegenüber jenen, die anders sind, zu tragen. Das andere Gesicht des Glaubens wird durch außergewöhnliche Akte der Opferbereitschaft und Barmherzigkeit bestimmt – etwa bei der Fürsorge für Kranke, Behinderte und Arme.

Bei dem einen Gesicht geht es darum, anderen zu dienen; das andere Gesicht lehnt sie ab. Das eine erkennt an, dass man allen Menschen die gleiche Würde zubilligen sollte, und ist bestrebt, Brücken des Verständnisses zwischen den Religionen zu schlagen. Das andere betrachtet jene, die nicht den eigenen Glauben teilen, als unwürdige Ungläubige, und strebt danach, eine schützende Mauer um den eigenen Glauben zu errichten oder „Außenstehenden“ sogar aktiv feindselig zu begegnen.

Überall auf der Welt ist derzeit ein Kampf zwischen den beiden Gesichtern des Glaubens im Gange. Erforderlich sind daher Plattformen des Verständnisses, Respekts und des Einander-die-Hand-Reichens in Unterstützung der aufgeschlossenen Sicht des Glaubens.

Eine zentrale Rolle spielt die Bildung. Wie viele Christen wissen, dass Jesus von den Muslimen als Prophet verehrt wird oder dass die Bedeutung Platons und Aristoteles´ den christlichen Denkern des 11. Jahrhunderts durch den Islam wieder ins Bewusstsein gerückt wurde? Und wie viele Muslime verstehen wirklich, worum es bei der christlichen Reformation ging und was sie den Gläubigen in Bezug auf Philosophie und Religion vermittelte? Wie sehr ist Muslimen oder Christen bewusst, was sie dem Judaismus verdanken? Und wissen wir im Westen die wahre Beschaffenheit des hinduistischen oder buddhistischen Glaubens wirklich einzuschätzen? Wissen wir, wie der Sikhismus seine außergewöhnliche Offenheit gegenüber allen Religionen entwickelte, oder wer die Bahai sind und was sie glauben?

Entscheidend ist, dass Glauben Kultur ist; und die heutige Welt bringt Menschen unterschiedlicher Kulturkreise in Kontakt wie nie zuvor. Ob dies zu Harmonie oder Streit führt, hängt von unserer Geisteshaltung – unserer Aufgeschlossenheit oder Engstirnigkeit – ab. Kann ein starker religiöser Glauben mit einem derartigen Pluralismus koexistieren?

Dies ist eine zentrale Frage unserer Zeit. Trotzdem bleiben viele aufgeschlossene Menschen angesichts des religiösen Extremismus seltsam passiv. Manchmal ignorieren wir ihn in der Hoffnung, ihn als etwas anderes als Religion behandeln zu können. Manchmal geben wir einfach auf und geben uns dem Säkularismus hin. Ersteres ignoriert das Wesen des Problems; Letzteres untergräbt den Glauben, der noch immer eine enorme Rolle dabei zu spielen hat, die Globalisierung zu zivilisieren und ihr einen geistigen Gehalt zu vermitteln.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wir brauchen eine religionsfreundliche Demokratie und eine demokratiefreundliche Religion. In dieser Zeit christlichen Feierns ist dies eine wichtige Botschaft, die Jesus Christus meiner Ansicht nach gebilligt hätte.

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  1. CommentedOlanrewaju Kamil-Muhammed OSENI

    One of the very best article i have read when it comes to effect of religion on our way of lives and relationship with others.Religion can be used to good effect if their is better understanding and als to devastating effect if we try not to understand it.We need to try to understand other people culture and how they understand issues rather than thinking that the way we see thing is the best.Why do we have terrorist,it is more of resistance than trying to justify anything.

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