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Überleben in der großen Kapitalflut

Trotz der jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten hat sich die grundlegende Dynamik der Weltwirtschaft nicht wesentlich verändert. Die große Frage ist nicht, wie mit einer Rezession umzugehen ist, sondern vielmehr, wie sich der derzeitige Boom und die mit ihm einhergehenden Kapitalflüsse bewältigen lassen. Angesichts der erwarteten Fortsetzung des weltweiten rasanten Wirtschaftswachstums gibt es hervorragende Investitionschancen, die nur dann finanzierbar sind, wenn weiter Kapital in Länder fließt, in denen es produktiv genutzt werden kann.

Die gute Nachricht ist: Einige Länder verfügen über umfangreiche Ersparnisse, die sie in anderen Ländern investieren wollen, und lassen sich von kurzfristigen Rotationen des Marktes nicht abschrecken. Tatsächlich zeigen unsere Prognosen, dass die Brutto- (oder Gesamt-) -kapitalflüsse in Schwellenländer, die unmittelbar vor der Asienkrise von 1997 400-500 Milliarden US-Dollar betrugen, in 2007 und 2008 auf 800-900 Milliarden US-Dollar ansteigen werden. In nicht allzu ferner Zukunft dürften diese Kapitalzuflüsse eine Billion US-Dollar übersteigen.

Im Nachhinein wissen wir, dass 1997-98 die unzureichende Regulierung des Bankensektors und Schwächen bei der Corporate Governance das Ausmaß des auf das „plötzliche Ende“ der Kapitalflüsse folgenden Abschwungs verschärften. Was aber bedeutet dies genau für die Weise, in der Länder niedrigen oder mittleren Einkommens während der aktuellen Flut ihre Kapitalverkehrspolitik gestalten sollten?

Sollten Länder mit Schwächen im Finanzsystem schlicht und einfach kein Kapital ins Land lassen? Auch wenn dies heute schwieriger geworden ist: Länder können – zumindest in einem gewissen Maß – noch immer selbst entscheiden, wie offen sie gegenüber Kapitalzuflüssen sind.

Kapitalverkehrskontrollen sind freilich nicht die einzige Variable, die die finanzielle Öffnung bestimmt. Die Anzeichen deuten darauf hin, dass andere Faktoren – wie etwa die Qualität der wirtschaftlichen und politischen Institutionen – einen mindestens ebenso großen Einfluss darauf haben, wie viel Kapital ein Land anzieht. Wodurch aber bestimmt sich das Ausmaß, in welchem Länder von der finanziellen Globalisierung profitieren?

Eine aktuelle Studie der IWF-Forschungsabteilung, die anhand von Daten aus den letzten 30 Jahren die Auswirkungen der finanziellen Globalisierung bewertet, kommt hierbei zu zwei Aussagen: Erstens sollten Länder bei der finanziellen Liberalisierung nach außen vorsichtig sein, wenn der Entwicklungsgrad ihres Finanzsektors und die Qualität ihrer Institutionen bestimmte Schwellenwerte unterschreiten. Mit anderen Worten: Nicht ins Wasser springen, außer, man kann schwimmen.

Zweitens hat Vorsicht ihren Preis: Eine finanzielle Öffnung kann per se Verbesserungen der Rahmendaten auslösen, die die Vorteile der Globalisierung erhöhen. Kapitalverkehrskontrollen sind – egal, was ihre Vorteile bei der Verringerung der mit schwankungsanfälligen Kapitalflüssen verbundenen Risiken sein mögen – in mehrfacher Hinsicht mit Kosten verbunden. Mit anderen Worten: Alle sollten schwimmen lernen.

Die erste Aussage wird bei jenen auf offene Ohren treffen, die meinen, eine zentrale Lehre der Asienkrise von vor zehn Jahren bestünde darin, dass Länder sich bestimmten Arten von Kapitalflüssen – insbesondere Krediten in Fremdwährungen – geöffnet hätten, bevor sie diese bewältigen konnten. Dies impliziert: Solche Länder sollten zunächst ihre nationalen Finanzsektoren und ihre Corporate Governance stärken und erst später Kapitalimporte zulassen.

Doch selbst wenn sich ein Land mit Kapitalverkehrskontrollen noch immer völlig von den Kräften der finanziellen Globalisierung abschotten ließe: Wünschenswert wäre dies nicht. Die Öffnung gegenüber ausländischen Direktinvestitionen und anderen Eigenkapitalzuflüssen kann das Wirtschaftswachstum ankurbeln, und zwar ohne nachteilige Auswirkungen auf die makroökonomische Volatilität oder die Gefahr einer Krise. Dies gilt für Länder mit relativ schwachen und starken Rahmendaten gleichermaßen.

Eine Schlussfolgerung ist daher, dass Länder, die die jeweilige „Sicherheitsschwelle“ noch nicht erreicht haben, bei der Aufhebung von Kapitalverkehrskontrollen vorsichtig sein sollten. Zugleich jedoch sollte man die erheblichen Nettovorteile für Länder zu betonen, die diese Schwellenwerte überschreiten. Letzteres bietet Ländern starke Anreize, ihre institutionellen Mängel zu beheben, damit sie von den potenziellen Vorteilen einer finanziellen Liberalisierung nach außen hin profitieren können.

Von dringenderer, unmittelbarer Bedeutung ist die Tatsache, dass zurzeit Kapital in viele Länder fließt, egal, ob diese darauf vorbereitet sind oder nicht. Es gibt heute (anders als 1997, als die meisten Schwellenländer Defizite aufwiesen) Schwellenländer mit hohen Leistungsbilanzüberschüssen. Tatsächlich werden eine Reihe großer Ölexporteure und für den Export fertigender asiatischer Länder für den gesamten Zeitraum, den wir mit unseren Prognosen abdecken können, erhebliche Leistungsbilanzüberschüsse erwirtschaften.

Dieses Kapital muss irgendwo investiert werden. Wir glauben, dass Kapital aus diesen Ländern zunehmend weniger „bergauf“ in die entwickelten Länder (so wie es dies während der letzten fünf Jahre tat), sondern vielmehr „um den Berg herum“ in andere Schwellenländer und ärmere Entwicklungsländer fließen wird. Doch sind wirklich alle soweit, dass sie derart große Kapitalmengen empfangen und ihre makroökonomischen Auswirkungen sorgfältig managen können?

Das Risiko geht heute weniger von einer unmittelbar bevorstehenden Krise aus als vielmehr von der Möglichkeit, dass die auf die weltweite Hochkonjunktur zurückzuführenden Kapitalflüsse nicht gut verwaltet werden, was zum Aufbau von Anfälligkeiten führen kann. Es besteht also die Gefahr, dass es, wenn die Party zu Ende geht – und es ist schwer vorherzusagen, wann das sein wird –, eine Menge aufzuräumen geben wird.

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