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Der wirkliche Lange Marsch

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2006-03-02

Jede Nation hat ihren Gründungsmythos. Für das kommunistische China ist es der Lange Marsch – eine Geschichte die dem von Moses angeführten Auszug der Israeliten aus Ägypten gleichkommt. Ich bin damit aufgewachsen.

Der Mythos ist schnell erzählt. Die junge Kommunistische Partei und ihre drei Roten Armeen wurden Anfang der 1930er Jahre von Chiang Kai-sheks nationalistischer Regierung aus ihren Stützpunkten im Süden vertrieben. Von ihren Feinden verfolgt und gepeinigt, überquerten sie hohe Gebirge, reißende Flüsse und unwegsames Weideland, wobei Mao den Zug von Sieg zu Sieg lenkte. Nach zwei Jahren und 16.000 Kilometern der Standhaftigkeit, des Mutes und der Hoffnung entgegen unglaublich schlechten Aussichten erreichten die Roten Armeen Nordwestchina. Nur ein Fünftel der 200.000 Soldaten war übrig geblieben – erschöpft, übel zugerichtet, aber voller Trotz. Ein Jahrzehnt später schlugen sie zurück, besiegten Chiang Kai-shek und gründeten Maos Neues China.

Inwieweit hält Chinas Gründungsmythos der Wirklichkeit stand?

Im Jahr 2004, siebzig Jahre nach dem Beginn des Langen Marsches, begab ich mich auf die Suche nach seinen Spuren. Es ist nach wie vor eine beängstigende Reise durch Landstriche, die sich bis zum heutigen Tage wenig verändert haben, unzugänglich und unglaublich arm. Von den 40.000 Überlebenden leben heute vielleicht noch 500. Ich machte 40 von ihnen ausfindig und führte Gespräche mit ihnen – es waren normale Leute, die zurückgelassen wurden oder es bis zum Ende geschafft hatten, aber ihre Geschichten waren äußerst aufschlussreich.

Huan Zhiji war noch ein Kind, kaum größer als sein Gewehr, als er in die Rote Armee eintrat. Er hatte keine Wahl: Man hatte seinen Vater festgenommen und ließ ihn nicht frei, bis Huang einwilligte. Er dachte an Fahnenflucht, blieb jedoch, aus Angst geschnappt und erschossen zu werden. Viele liefen fort. Sechs Wochen nach Beginn des Marsches war Maos Erste Armee von 86.000 auf 30.000 Soldaten geschrumpft. Die Schuld für diesen Verlust wird immer noch der Schlacht am Fluss Xiang zugeschrieben, dem ersten großen Gefecht der Armee auf dem Marsch. Doch starben höchstens 15.000 in der Schlacht, die übrigen verschwanden.

Eine andere Schlacht, die am Fluss Dadu, steht im Mittelpunkt der Legende vom Langen Marsch. Angeblich überwältigten 22 mutige Männer ein Regiment der nationalistischen Truppen, die die Ketten der Brücke von Luding mit Maschinengewehren bewachten, und machten den Weg frei für die Marschierenden. Mao erzählte Edgar Snow, dem Autor von Roter Stern über China, dass die Überquerung des Dadus das bedeutendste Ereignis auf dem Langen Marsch schlechthin war, und so wird es heute als solches gerühmt.

Doch deuten Dokumente, die ich eingesehen habe, darauf hin, dass der General, der die Division über den Dadu führte, den Partei-Historikern zuerst eine vollkommen andere Geschichte erzählt hat. „Die Sache war nicht so kompliziert, wie die Leute sie später hinstellten“, sagte er. „Wenn man geschichtliche Fakten untersucht, sollte man die Wahrheit achten. Wie man sie darstellt ist eine andere Sache.“

So lebt die Legende weiter. Über dem Dadu gab es lediglich ein Geplänkel. Der örtliche Warlord, der Chiang Kai-shek hasste, ließ Mao passieren. Als Belohnung erhielt er später einen Ministerposten in der kommunistischen Regierung.

Die Marschteilnehmer wussten nicht, wohin sie unterwegs waren. Es gab ständige Diskussionen um das endgültige Ziel. Als sie im Oktober 1936 in Nordchina zusammenkamen, wurde dies als das Ende des Marsches bejubelt. Doch war das „gelobte Land“ nicht so, wie versprochen. Es konnte kaum die eigene Bevölkerung ernähren, geschweige denn die Rote Armee.

Die Soldaten hatten keine Kleidung, um sich vor der eisigen Kälte zu schützen. Den Frauen wurde befohlen umzudrehen und nach Hause zurückzukehren, weil es nicht genug Essen gab. Knapp einen Monat nach der Vereinigung der drei Roten Armeen beschloss die Partei, dass der Lange Marsch weitergehen musste. Doch rettete sie die Entführung Chiang Kai-sheks durch den General, den Chiang eingesetzt hatte, um die Kommunisten zu vernichten. Als Teil des Preises für seine Freilassung erkannte Chiang die Kommunisten als rechtmäßig an. Der Lange Marsch war beendet.

Nicht jedoch für die 21.000 Männer und Frauen der Westlegion. Sie gehörten der Vierten Armee an, die von Zhang Guotao, Maos Erzrivalen, angeführt wurde, und hatten den Auftrag, über die westchinesische Grenze Hilfe von Russland zu holen. Doch ließ Mao ihnen widersprüchliche Befehle zukommen, so dass sie weder kämpfen noch sich zurückziehen konnten.

Auf kargem Land eingeschlossen, wo das Überleben schwierig war, wurden sie von den überlegenen Streitkräften der muslimischen Warlords ausradiert. Nur 400 erreichten die Grenze, die übrigen wurden getötet oder gefangen genommen.

Es war die größte Niederlage der Roten Armee. Dennoch fehlt sie in der offiziellen Geschichtsschreibung. Ein muslimischer Kommandant nahm sich die leitende Offizierin Wang Quanyan zur Mätresse. Das reichte aus, um sie in den Augen der Partei zu einer Verräterin zu machen und all die Jahre zu leugnen, die sie der Armee gewidmet hatte. Sie und die anderen Überlebenden der Vierten Armee mussten ein halbes Jahrhundert lang darum kämpfen, als Teilnehmer des Marsches anerkannt zu werden.

Die Teilnehmer des Langen Marsches waren standhaft, kämpften, verhungerten, verzweifelten und hielten durch. Der Hunger brachte die Soldaten dazu, Geiseln zu nehmen, um Lösegeld zu erpressen. Die Liquidierungen wurden fortgesetzt, bis praktisch keine Offiziere mehr übrig waren, um in den Schlachten das Kommando zu übernehmen. Wenn die Marschierenden Zweifel hatten, überwanden sie diese mithilfe der kommunistischen Propaganda. Sie nahmen ihr Martyrium mit einer Tapferkeit und Selbstaufopferung auf sich, die in der Geschichte Chinas und anderer Völker unübertroffen ist.

Was trieb sie dazu an? Ich befragte einen der obersten Generäle, was er damals über den Kommunismus wusste. „Ich hatte damals wie heute keine Ahnung“, antwortete er. „Ich bezweifele sogar, dass Mao selbst überhaupt wusste, was das war.“ Für ihn, der äußerste Armut und Unterdrückung überlebt hatte, war der Kommunismus ein schöner Traum, der ihn am Leben hielt, die Hoffnung auf eine gerechte und fortschrittliche Gesellschaft.

Niemand wusste vielleicht – oder konnte wissen –, wie viel Leid noch bevorstand, wie groß das Opfer und wie enorm der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit sein würde.

Sun Shuyun ist die Autorin des Buches The Long March, das im März 2006 veröffentlicht wird.

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