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Amerikas Tag der Abrechnung

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2007-08-06

Die Pessimisten, die schon lange Schwierigkeiten für die amerikanische Wirtschaft prognostizierten, scheinen letztlich Recht zu bekommen. Selbstverständlich freut sich niemand, wenn die Aktienkurse infolge rapide steigender Ausfälle bei Hypothekarkrediten in den Keller stürzen. Aber diese Entwicklung war größtenteils ebenso vorhersehbar wie die wahrscheinlichen Folgen sowohl für die Weltwirtschaft als auch für die Millionen Amerikaner, die in finanzielle Nöte geraten werden.

Die Geschichte nahm mit der Rezession im Jahr 2001 ihren Anfang. Mit Unterstützung von Notenbankchef Alan Greenspan setzte Präsident George W. Bush eine Steuersenkung durch, die zwar den reichsten Amerikanern nützte, aber nicht dazu geeignet war, die Wirtschaft aus der Rezession nach dem Platzen der Internet-Blase zu führen. Angesichts dieses Fehlers hatte die Fed keine andere Wahl, wenn sie ihrem Mandat zur Aufrechterhaltung des Wachstums und der Beschäftigung nachkommen wollte: Sie musste die Zinssätze senken. Das tat sie dann in beispiellosem Ausmaß – bis auf einen Zinssatz von 1 %.

Das funktionierte auch, aber auf grundsätzlich andere Art, als Geldpolitik normalerweise funktioniert. Üblicherweise motivieren niedrige Zinssätze Firmen, mehr Geld zu borgen, um mehr zu investieren. Der höheren Verschuldung stehen jedoch auch mehr Produktionsmittel gegenüber.

Angesichts der Tatsache allerdings, dass die Überinvestitionen in den 1990er Jahren ein Teil des Problems waren, das der Rezession zugrunde lag, führten die niedrigeren Zinssätze nicht zu vermehrter Investitionstätigkeit. Die Wirtschaft wuchs zwar, aber vor allem weil amerikanische Familien überredet wurden, noch mehr Schulden auf sich zu laden, um ihre Hypothekarkredite zu refinanzieren und Teile des dadurch erzielten Gewinns wieder auszugeben. Und solange die Immobilienpreise aufgrund niedriger Zinssätze stiegen, konnten die Amerikaner ihre steigenden Schulden ignorieren.

Aber in Wahrheit kurbelte auch das die Wirtschaft nicht ausreichend an. Um noch mehr Menschen dazu zu bringen, noch mehr Geld zu borgen, wurden die Kreditstandards gelockert, wodurch vermehrt so genannte „zweitklassige“ Hypothekardarlehen angeboten wurden. Außerdem wurden neue Produkte mit niedrigeren Einmalzahlungen eingeführt. Dadurch wurde es für den Einzelnen leichter, höhere Hypothekarkredite aufzunehmen.

Manche Hypothekarkredite wiesen sogar eine negative Amortisierung auf: Die Ratenzahlungen deckten die fälligen Zinsen nicht ab, so dass die Schulden jeden Monat höher wurden. Festverzinsliche Hypothekarkredite mit Zinssätzen von 6 % wurden durch variabel verzinsliche Hypothekarkredite ersetzt, deren Zinszahlungen an die niedrigeren Zinssätze kurzfristiger T-Bills gebunden waren. So genannte Lockzinssätze ermöglichten sogar noch niedrigere Ratenzahlungen in den ersten paar Jahren. Lockzinssätze waren es deshalb, weil man die Kunden damit blendete, denn viele Kreditnehmer verfügten nicht über das nötige Finanzwissen und verstanden deshalb nicht wirklich, worauf sie sich einließen.

Und Alan Greenspan motivierte die Kreditnehmer, das Risiko auf sich zu nehmen, indem er diese variabel verzinslichen Hypothekarkredite förderte. Am 23. Februar 2004 wies er darauf hin, dass „viele Eigenheimbesitzer tausende Dollars hätten sparen können, wenn sie in den vergangenen zehn Jahren statt festverzinslicher variabel verzinsliche Hypothekarkredite gehabt hätten“. Aber hat Greenspan wirklich erwartet, dass die Zinssätze ständig auf einem Niveau von 1 % bleiben – einem negativen realen Zinssatz? Hat er nicht daran gedacht, was armen Amerikanern mit variabel verzinslichen Hypothekarkrediten passieren würde, wenn die Zinssätze ansteigen, was ja fast sicher zu erwarten war?

Natürlich führte Greenspans Verhalten dazu, dass die Wirtschaft unter seiner Führung besser lief, als dies sonst der Fall gewesen wäre. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Entwicklung untragbar werden würde.

Glücklicherweise folgten die meisten Amerikaner Greenspans Rat nicht und haben nicht auf variabel verzinsliche Hypothekarkredite umgestellt. Aber selbst nachdem die kurzfristigen Zinsen zu steigen begannen, wurde der Tag der Abrechnung noch hinausgeschoben, da neue Kreditnehmer festverzinsliche Hypothekarkredite zu Zinssätzen aufnehmen konnten, die nicht anstiegen. Bemerkenswerterweise stiegen zwar die kurzfristigen Zinssätze, nicht aber die mittel- und langfristigen. Diese Entwicklung wurde als „Rätsel“ bezeichnet. Eine Hypothese dazu ist, dass ausländische Zentralbanken, die Billionen von Dollars angehäuft hatten, schließlich herausfanden, dass sie diese Reserven wahrscheinlich über Jahre halten werden und es sich daher leisten konnten, zumindest einen Teil des Geldes in mittelfristige amerikanische Treasury Notes zu investieren, die (anfänglich) viel höhere Erträge liefern als T-Bills.

Die Immobilienpreisblase platzte schließlich und angesichts des Preisverfalls ist manchen klar geworden, dass ihre Hypothekarkredite höher waren als der Wert ihres Eigenheims. Andere fanden heraus, dass sie bei steigenden Zinsen ihre Raten einfach nicht mehr zahlen konnten. Zu viele Amerikaner haben sich kein finanzielles Polster zugelegt und die Hypothekenbanken, die auf die Gebühren neuer Kreditnehmer aus waren, haben sie auch nicht ermuntert, solche Vorkehrungen zu treffen.

Genauso vorhersehbar wie der Zusammenbruch der Immobilienblase sind auch die Folgen: Neue Wohnbauprojekte und der Verkauf von bereits bestehenden Eigenheimen liegen danieder, der Bestand an zum Verkauf stehenden Häusern ist hoch. Manchen Berechnungen zufolge waren in den letzten sechs Jahren über zwei Drittel des Produktions- und Beschäftigungszuwachses auf den Immobiliensektor zurückzuführen. Darauf weisen sowohl neue Eigenheime hin als auch die vielen Kreditnehmer, die ihre Eigenheime mit Hypotheken belasteten, um eine Konsumorgie zu unterstützen.

Die Immobilienblase verleitete die Amerikaner dazu, über ihre Verhältnisse zu leben – die Nettoersparnisse waren über die letzten Jahre negativ. Nachdem dieser Wachstumsmotor nun zum Stillstand kam, ist es schwierig zu erkennen, wie die amerikanische Wirtschaft einem Abschwung entgehen soll. Die Rückkehr zur haushaltspolitischer Vernunft wird langfristig von Vorteil sein, aber sie wird kurzfristig zu einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage führen.

Es gibt ein altes Sprichwort wonach die Fehler eines Menschen noch lange nach dessen Abgang weiterwirken. Auf Greenspan trifft das sicher zu. In Bushs Fall bekommen wir die Konsequenzen noch vor seinem Ausscheiden aus dem Amt zu spüren.

Joseph Stiglitz ist Nobelpreisträger für Ökonomie. Sein jüngstes Buch trägt den Titel Die Chancen der Globalisierung.

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AUTHOR INFO

Joseph E. Stiglitz is University Professor at Columbia University, a Nobel laureate in economics, and the author of Freefall: Free Markets and the Sinking of the Global Economy.