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Chinas neues Wirtschaftsmodell

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2007-04-11

Chinas Erfolg, seit es mit dem Übergang zur Marktwirtschaft angefangen hat, beruht auf anpassungsfähigen Strategien und Verfahren: Immer wenn die Probleme aus einem Bereich gelöst sind, ergeben sich neue Probleme, für die neue Verfahren und Strategien ersonnen werden müssen. Zu diesem Prozess gehört auch die gesellschaftliche Innovation . China hat erkannt, dass es nicht einfach Wirtschaftsinstitutionen, die in anderen Ländern funktionierten, übernehmen kann. Zumindest musste das, was anderswo erfolgreich war, an die besonderen Probleme in China angepasst werden.

Zurzeit diskutiert China ein „neues Wirtschaftsmodell“. Selbstverständlich war das alte Wirtschaftsmodell ein überwältigender Erfolg, da es 30 Jahre lang jährlich fast 10 % Wachstum gebracht und hunderte Millionen von Chinesen aus der Armut befreit hat. Die Veränderungen sind nicht nur in den Statistiken augenscheinlich, sondern noch mehr in den Gesichtern der Menschen, die man im Land sieht.

Vor kurzem besuchte ich ein abgelegenes Dong-Dorf in den Bergen von Guizhou, einer der ärmsten Provinzen Chinas, kilometerweit entfernt von der nächsten gepflasterten Straße; dennoch gab es in dem Dorf Elektrizität, und mit der Elektrizität hatte nicht nur das Fernsehen Einzug gehalten, sondern auch das Internet. Während die steigenden Einkommen zum Teil von Geldsendungen von Familienmitgliedern herrührten, die in die Küstenstädte abgewandert waren, ging es auch den Bauern aufgrund neuer Anbausorten und verbesserten Saatguts besser: Die Regierung verkaufte auf Kredit hochwertiges Saatgut mit einer garantierten Keimrate.

China weiß, dass es sich ändern muss, wenn es nachhaltiges Wachstum will. Auf jeder Ebene ist das Bewusstsein für die umweltbedingten Grenzen vorhanden sowie die Erkenntnis, dass die ressourcenintensiven Konsummuster, die heute in den Vereinigten Staaten akzeptiert sind, eine Katastrophe für China – und für die Welt – wären. Da ein zunehmender Teil der chinesischen Bevölkerung in Städte zieht, müssen diese Städte bewohnbar gemacht werden, wozu eine gründliche Planung erforderlich ist, die auch die öffentlichen Verkehrssysteme und Parks einbezieht.

Ebenso interessant ist, dass China versucht, sich von der exportinduzierten Wachstumsstrategie zu distanzieren, die es genau wie andere ostasiatische Länder verfolgt hatte. Diese Strategie hat den Technologietransfer unterstützt und dazu beigetragen, den Wissensrückstand aufzuholen und die Qualität der gefertigten Waren zu verbessern. Exportinduziertes Wachstum bedeutete, dass China produzieren konnte, ohne sich über einen Ausbau des Binnenmarktes Gedanken zu machen.

Doch hat sich bereits eine globale Gegenreaktion entwickelt. Selbst Länder, die sich scheinbar den Wettbewerbsmärkten verschrieben haben, werden nicht gern mit ihren eigenen Waffen geschlagen und erfinden häufig Vorwürfe des „unfairen Wettbewerbs“. Was noch wichtiger ist: Selbst wenn die Märkte in vielen Bereichen nicht vollkommen gesättigt sind, wird es schwierig, die zweistelligen Wachstumsraten beim Export aufrechtzuerhalten.

Also muss sich etwas ändern. China hat bislang so etwas wie eine „Verkäuferfinanzierung“ betrieben, wobei es das Geld bereitstellt, das den USA bei der Finanzierung ihrer gewaltigen Haushalts- und Handelsdefizite hilft und es den Amerikanern ermöglicht, mehr Waren zu kaufen als zu verkaufen. Doch handelt es sich hierbei um ein seltsames Arrangement: Ein relativ armes Land hilft, Amerikas Krieg gegen den Irak sowie eine riesige Steuersenkung für die reichsten Menschen im reichsten Land der Erde zu finanzieren, während der riesige Bedarf im eigenen Land viel Raum für die Expansion von Konsum und Investitionen bedeuten.

In der Tat muss China, um die Aufgabe einer Umstrukturierung seiner Wirtschaft weg von Exporten und ressourcenintensiven Waren zu bewältigen, den Verbrauch ankurbeln. Während der Rest der Welt sich abmüht, Ersparnisse zu steigern, ringt China bei einer Sparquote von über 40 % darum, das Volk zu mehr Konsum zu bewegen.

Die Verbesserung der Sozialleistungen (öffentliche Gesundheitsfürsorge, Bildung und landesweite Rentenversicherungen) würden den Bedarf an „vorbeugenden“ Ersparnissen verringern. Auch ein verbesserter Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten für kleine und mittelständische Unternehmen würde helfen. Zudem würden „grüne Steuern“ – z. B. auf den Kohlendioxidausstoß – die Konsummuster verändern und gleichzeitig von energieintensiven Exporten abhalten.

Während China sich vom exportinduzierten Wachstum wegbewegt, wird es nach neuen Quellen der Dynamik in seiner wachsenden Unternehmerklasse suchen müssen, und dazu muss es sich zur Schaffung eines unabhängigen Innovationssystems verpflichten. China hat seit langem stark in die höhere Bildung und Technologie investiert; jetzt strebt es danach, Institutionen der Weltklasse zu schaffen.

Doch wenn China ein dynamisches Innovationssystem wünscht, sollte es dem Druck der westlichen Regierungen widerstehen, die Art von unausgeglichenen Rechten auf geistiges Eigentum einzuführen, die verlangt werden. Stattdessen sollte es eine „ausgeglichene“ Gesetzgebung beim geistigen Eigentum anstreben: Da Wissen selbst die wichtigste Zutat bei der Produktion von Wissen ist, kann ein schlecht geplantes Recht auf geistiges Eigentum die Innovation ersticken – was in einigen Bereichen in Amerika der Fall ist.

Die westliche technologische Innovation hat zu wenig daran gesetzt, die negativen Auswirkungen des Wachstums auf die Umwelt zu reduzieren, und sich zu sehr auf das Einsparen von Arbeitskräften konzentriert – und davon hat China mehr als genug. Deshalb ist es für China sinnvoll, sein wissenschaftliches Können auf neue Technologien zu konzentrieren, die weniger Ressourcen verbrauchen. Doch ist es wichtig, ein Innovationssystem zu haben (einschließlich einer Regelung zu geistigem Eigentum), das gewährleistet, dass die Wissensfortschritte in weiten Kreisen Anwendung finden. Dazu sind möglicherweise innovative Ansätze notwendig, die sich vollkommen von den Rechten auf geistiges Eigentum auf der Grundlage von Privatisierung und Monopolisierung von Wissen unterschieden, die oft zu hohen Preisen und eingeschränktem Nutzen führen.

Zu viele Menschen betrachten die Wirtschaft als ein Nullsummenspiel und denken daher, dass der Rest der Welt für Chinas Erfolg bezahlen müsse. Tatsächlich stellt Chinas rapides Wachstum den Westen vor bestimmte Aufgaben. Der Wettbewerb wird einige dazu zwingen, härter zu arbeiten und effizienter zu werden oder geringere Gewinne hinzunehmen.

Doch ist die Wirtschaft in Wirklichkeit ein Positivsummenspiel. Das zunehmend wohlhabender werdende China hat nicht nur immer mehr aus anderen Ländern importiert, sondern auch Waren geliefert, die die Preise im Westen trotz stark gestiegener Ölpreise in den letzten Jahren niedrig gehalten haben. Dieser Preisdruck hat es den westlichen Zentralbanken ermöglicht, eine expansive Geldpolitik zu verfolgen, die höhere Beschäftigung und stärkeres Wachstum unterstützt.

Wir sollten alle hoffen, dass Chinas neues Wirtschaftsmodell erfolgreich ist. Ist es das, können wir alle stark davon profitieren.

Joseph Stiglitz ist Nobelpreisträger für Ökonomie. Sein jüngstes Buch heißt Making Globalization Work (Die Chancen der Globalisierung).

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AUTHOR INFO

Joseph E. Stiglitz is University Professor at Columbia University, a Nobel laureate in economics, and the author of Freefall: Free Markets and the Sinking of the Global Economy.