Joseph E. Stiglitz
Die Chancen der Globalisierung
Joseph E. Stiglitz
Ich habe wiederholt über die Probleme der Globalisierung geschrieben. Dazu gehören ein unfaires weltweites Handelssystem, das die Entwicklung behindert, ein instabiles globales Finanzsystem, das zu wiederkehrenden Krisen führt und armen Ländern immer wieder untragbare Schuldenlasten aufbürdet sowie ein weltweites System zum Schutz geistigen Eigentums, das Entwicklungsländern sogar in Zeiten eines überhandnehmenden AIDS-Problems den Zugang zu leistbaren lebensrettenden Medikamenten verwehrt.
Darüber hinaus habe ich zu abnormen Entwicklungen der Globalisierung Stellung genommen: Die Finanzströme sollten eigentlich von den reichen in die armen Länder fließen, aber in den letzten Jahren war es genau umgekehrt. Obwohl die reichen Länder eher in der Lage sind, mit den Risiken der Währungs- und Zinsschwankungen umzugehen, tragen die armen Länder die Hauptlast derartiger Fluktuationen.
Tatsächlich habe ich mich zu den Problemen der Globalisierung so laut und unüberhörbar geäußert, dass manche fälschlicherweise zu dem Schluss kamen, ich gehöre der Antiglobalisierungsbewegung an. Dabei bin ich der Ansicht, dass in der Globalisierung enormes Potenzial steckt – solange man sie entsprechend gestaltet.
Vor ungefähr 70 Jahren, während der Großen Depression, formulierte John Maynard Keynes seine Theorie der Arbeitslosigkeit, in der er beschrieb, wie staatliche Maßnahmen dazu beitragen, die Vollbeschäftigung wiederherzustellen. Obwohl er von den Konservativen geschmäht wurde, hat Keynes mehr zur Rettung des kapitalistischen Systems beigetragen als alle Verfechter freien Marktes zusammen. Hätte man die Ratschläge der Konservativen befolgt, wäre die Große Depression noch schlimmer ausgefallen und die Forderung nach einer Alternative zum Kapitalismus wäre noch stärker geworden.
Auch die Globalisierung wird nur aufrecht erhalten zu sein, wenn wir die damit verbundenen Probleme erkennen und bewältigen. Die Globalisierung ist nämlich nichts Unausweichliches: Schon in der Vergangenheit gab es Rückschläge und sie können auch in Zukunft eintreten.
Die Verfechter der Globalisierung sind zurecht der Ansicht, dass sie das Potenzial besitzt, den Lebensstandard aller zu erhöhen. Dazu ist es allerdings bislang nicht gekommen. Die Frage junger französischer Arbeiter, inwiefern es ihnen durch die Globalisierung besser gehen soll, wenn sie sich dadurch mit niedrigeren Löhnen und geringerer Arbeitsplatzsicherheit abzufinden haben, darf nicht länger ignoriert werden. Ebenso wenig sind derartige Fragen mit hoffnungsfrohem Wunschdenken zu beantworten, wonach wir sowieso eines Tages alle profitieren werden. Wie Keynes schon bemerkte: Auf lange Sicht sind wir alle tot.
Wachsende Ungleichheit in den Industrieländern ist eine seit langem prognostizierte, aber selten öffentlich dargestellte Folge der Globalisierung. Die vollständige wirtschaftliche Integration bedeutet auch die weltweite Angleichung der Löhne für unqualifizierte Arbeitskräfte und obwohl wir von diesem „Ziel“ noch weit entfernt sind, ist der Druck auf diejenigen am unteren Ende der Einkommensskala offensichtlich.
Die Bürger können wenig dagegen unternehmen, dass der technische Fortschritt in den letzten dreißig Jahren sowohl in den USA als auch anderswo zu einer beinahen Stagnation der Reallöhne für gering qualifizierte Arbeitnehmer beigetragen hat. Sehr wohl jedoch können sie etwas im Hinblick auf die Globalisierung tun.
Die Wirtschaftstheorie besagt nicht, dass alle zu Globalisierungsgewinnern werden, sondern nur, dass die Nettoeffekte positiv sein werden und die Gewinner daher die Verlierer entschädigen und trotzdem noch Gewinne verbuchen können. Die Konservativen sind jedoch der Meinung, um in einer globalisierten Welt wettbewerbsfähig zu bleiben, müsse man die Steuern senken und den Wohlfahrtsstaat einschränken. So wurde es in den USA auch gemacht. Die Steuersenkungen kamen allerdings den Gewinnern zugute – denjenigen, die sowohl von der Globalisierung als auch vom technischen Fortschritt profitieren. Daher werden die USA und andere Länder, die diesem Beispiel folgen, zu reichen Ländern mit armen Menschen.
Die skandinavischen Länder haben allerdings gezeigt, dass es auch anders geht. Natürlich muss sich der Staat ebenso wie der private Sektor um Effizienz bemühen. Aber Investitionen in Bildung und Forschung können zusammen mit einem starken sozialen Sicherheitsnetz zu einer produktiveren und wettbewerbsfähigeren Wirtschaft führen, wobei größere Sicherheit und ein höherer Lebensstandard allen zugute kommen. Ein starkes Sicherheitsnetz und eine Wirtschaft, in der nahezu Vollbeschäftigung herrscht, bieten allen Beteiligten – Arbeitern, Investoren und Unternehmern – ein gedeihliches Umfeld, in dem sie Risiken eingehen können, die neue Investitionen und Unternehmensgründungen mit sich bringen.
Das Problem ist, dass die Globalisierung der Wirtschaft schneller vonstatten gegangen ist als die Globalisierung der Politik und der Geisteshaltungen. Wir sind immer stärker voneinander abhängig, wodurch sich auch die Notwendigkeit der Zusammenarbeit vergrößert, aber wir verfügen nicht über den institutionellen Rahmen, um diese Kooperation effektiv und in demokratischer Weise zu gestalten.
Nie waren internationale Organisationen wie der IWF, die Weltbank und die Welthandelsorganisation so notwendig und selten war das Vertrauen in diese Institutionen so gering. Die einzige Supermacht der Welt, die USA, haben ihre Verachtung supranationaler Institutionen unter Beweis gestellt und eifrig an deren Aushöhlung gearbeitet. Das sich abzeichnende Scheitern der Entwicklungsrunde der Handelsgespräche und die lange Verzögerung, der Forderung des UNO-Sicherheitsrates nach einem Waffenstillstand im Libanon nachzukommen, sind nur die jüngsten Beispiele für Amerikas Geringschätzung multilateraler Initiativen.
Die Vertiefung unseres Wissens über die Probleme der Globalisierung wird uns helfen, in kleinerem und größerem Rahmen Lösungen zu finden, die sowohl auf die Behandlung der Symptome als auch die der eigentlichen Ursachen abzielen. Es stehen eine Reihe von Strategien zur Verfügung, von denen sowohl die Menschen in den Entwicklungsländern als auch in den Industrieländern profitieren können, wodurch der Globalisierung auch jene Legitimität verliehen würde, die ihr momentan fehlt.
Anders gesagt: Der Ablauf der Globalisierung kann verändert werden. Eigentlich ist klar, dass er sich verändern wird. Die Frage ist nur, ob diese Änderungen durch eine Krise erzwungen oder durch sorgfältige, demokratische Überlegungen und Diskussionen über die Bühne gehen werden. Durch eine Krise ausgelöste Veränderungen bergen die Gefahr einer Gegenreaktion auf die Globalisierung oder einer planlosen Entwicklung, wodurch nur der Boden für noch mehr Probleme aufbereitet wird. Im Gegensatz dazu verspricht die Kontrolle des Prozesses eine mögliche Neugestaltung der Globalisierung, so dass sie ihrem Potenzial und ihrem Versprechen gerecht wird, nämlich jedem Menschen auf dieser Welt, einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen.
Copyright: Project Syndicate, 2006.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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