WEEKLY SERIES

INTERNATIONAL ECONOMICS

STRATEGIC SPOTLIGHT

GLOBAL FINANCE

ECONOMICS OF DEVELOPMENT

ECONOMIC AND REGULATORY POLICY

ECONOMIC HISTORY

ECONOMIC PERSPECTIVES

PUBLIC INTELLECTUALS

GLOBAL OUTLOOK

REGIONAL EYE

SPECIAL SERIES

PROJECT SYNDICATE

Unconventional Economic Wisdom

Wem gehört Bolivien?

English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

2006-06-21

Vor ein paar Monaten wurde Evo Morales als erster Ureinwohner in demokratischen Wahlen zum Staatsoberhaupt bestimmt. Indigene Gruppen machen 62% der Bevölkerung Bolivien aus, und Mischlinge weitere 30%, aber seit 500 Jahren wurden die Bolivianer von Kolonialmächten und ihren Abkömmlingen beherrscht. Bis weit ins 20. Jahrhundert wurden den indigenen Gruppen effektiv Stimmrecht und politische Teilhabe vorenthalten. Aymara und Quechua, ihre Sprachen, wurden nicht einmal als offizielle Amtssprachen anerkannt. Die Wahl von Morales war daher ein historisches Ereignis, und die Aufregung in Bolivien ist mit Händen zu greifen.

Die Verstaatlichung der bolivianischen Öl- und Gasfelder jedoch hat Schockwellen durch die internationale Gemeinschaft schlagen lassen. Während seines Wahlkampfes hatte Morales seine Absicht zur Ausweitung der staatlichen Kontrolle über die nationalen Gas- und Ölvorkommen deutlich gemacht. Aber er hatte gleichermaßen klar zu erkennen gegeben, dass er nicht beabsichtigte, das Eigentum der Energieunternehmen zu beschlagnahmen – er wollte die ausländischen Investoren im Land halten. (Natürlich bedeutet eine Verstaatlichung nicht zwangsläufig die Beschlagnahme ohne angemessene Entschädigung.) Vielleicht ist es für moderne Politiker überraschend, aber Morales meinte, was er sagte. Ihm geht es ernsthaft darum, die Einkommen der Ärmsten zu steigern, und ihm war klar, dass Bolivien auf die Expertise der der Ausländer angewiesen ist, um sein Wirtschaftswachstum zu steigern – und dies erfordert, sie für ihre Leistungen fair zu bezahlen. Aber bekommen die Ausländer mehr, als ihnen fairerweise zusteht?

Morales’ Maßnahmen werden von einem großen Teil der Bolivianer unterstützt, die die so genannten Privatisierungen (oder „Kapitalisierungen“) unter dem früheren Präsidenten Gonzalo „Goni“ Sanchez de Lozada als Betrug empfanden: Bolivien erhielt lediglich 18% der Einnahmen! Die Bolivianer fragen sich, warum Investitionen von etwa drei Milliarden Dollar den ausländischen Investoren ein Recht auf 82% der enormen Gasreserven des Landes geben sollten, deren Wert inzwischen auf 250 Milliarden Dollar geschätzt wird. Zwar ist bisher weder eine vollständige Offenlegung der Erträge noch ein Audit des tatsächlichen Wertes der Investitionen erfolgt, aber es scheint, als ob die Investoren zu den alten Bedingungen ihr Geld innerhalb von nur vier Jahren wieder hereinbekommen hätten.

Die Bolivianer fragen sich außerdem, warum die Ausländer in den Genuss aller Vorteile der derzeitigen hohen Öl- und Gaspreise kommen? Die Öl- oder Gasförderung kostet heute nicht mehr als damals, als die Preise nur ein Drittel ihres gegenwärtigen Standes betrugen. Trotzdem erhalten die ausländischen Ölgesellschaften 82% dieses Anstiegs – im Falle des Öls würde dies einen Mitnahmeeffekt von 32 Dollar pro Barrel für sie bedeuten. Kein Wunder also, dass die Bolivianer das Gefühl hatten, übers Ohr gehauen worden zu sein, und nach einer neuen Abmachung verlangten. Am 2. Mai kehrte Morales die Prozentanteile bis zu einer Neuverhandlung der Verträge einfach um: Die Betreiber der beiden größten Felder würden damit 18% der Produktion für sich behalten. Als Teil dieser neuen Abmachung sollte Bolivien außerdem einen größeren Anteil von zukünftigen Preiserhöhungen erhalten. (Vielleicht natürlich möchte Bolivien das Risiko eines Preisverfalls ausschließen; daher wird es möglicherweise eine Vereinbarung treffen, die einen Teil dieses Risikos den ausländischen Unternehmen überantwortet und diesen im Gegenzug einen größeren Anteil an möglichen Preisanstiegen zubilligt.)

Für die meisten Bolivianer geht es hierbei um eine Frage der Fairness: Sollten die ausländischen Öl- und Gasgesellschaften eine angemessene Kapitalrendite oder eine deutlich über dem Normalen liegende Rendite erzielen? Sollte Bolivien einen angemessenen Preis für seine Ressourcen erhalten? Und wer – Bolivien oder die ausländischen Unternehmen – sollte den größten Teil der Windfall-Gewinne aus dem Anstieg der Energiepreise erhalten?

Mehr noch: Viele der in der Vergangenheit getroffenen Vereinbarungen wurden von den damaligen Regierungen offensichtlich heimlich und ohne Zustimmung des Kongresses geschlossen. Tatsächlich verlangt die bolivianische Verfassung die Zustimmung des Kongresses für derartige Verkäufe; daher ist unklar, ob Morales überhaupt etwas verstaatlicht: Die Vermögenswerte wurden nie ordnungsgemäß verkauft. Wenn einem Land ein nationaler Kunstschatz gestohlen wird, so sprechen wir bei seiner Rückführung auch nicht von einer „Rückverstaatlichung“, weil er diesem Land die ganze Zeit über gehörte.

Wie bei vielen Privatisierungen andernorts stellt sich zudem die Frage, ob die ausländischen Investoren ihren Teil der Abmachung eingehalten haben. Bolivien trug zu diesen gemeinsamen Unternehmungen nicht nur seine Ressourcen bei, sondern auch frühere Investitionen. Der Beitrag der ausländischen Gesellschaften sollte aus weiteren Investitionen bestehen. Aber haben sie ihre Verpflichtungen vollständig erfüllt? Wurden Bilanztricks genutzt, um den echten Wert der ausländischen Kapitalbeiträge überhöht darzustellen? Boliviens Regierung hat bisher lediglich Fragen aufgeworfen und ein Verfahren in Gang gesetzt, um deren Beantwortung zu gewährleisten.

Das Problem in Bolivien ist fehlende Transparenz, sowohl bei der Vertragsunterzeichnung wie im Anschluss an dieselbe. Ohne Transparenz kann es leicht passieren, dass die Bürger sich betrogen fühlen – und oft genug werden sie es. Wenn ausländische Gesellschaften ein Geschäft abschließen, das zu gut ist, um wahr zu sein, läuft häufig unter der Hand irgendetwas ab. Überall auf der Welt können die Öl- und Gasgesellschaften nur sich selbst die Schuld geben: Allzu oft haben sie sich dem Ruf nach mehr Transparent verweigert. In Zukunft sollten Gesellschaften und Länder sich auf ein einfaches Prinzip einigen: auf – um die denkwürdigen Worte des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson umzuformulieren – „offene Verträge, die offen und transparent ausgehandelt wurden.“

Wenn die Bolivianer keinen fairen Wert für den natürlichen Reichtum ihres Landes erhalten, sieht es um ihre Zukunft schlecht aus. Und selbst wenn sie ihn bekommen, brauchen sie Hilfe – nicht nur bei der Förderung ihrer Ressourcen, sondern auch, um die Gesundheit und die Bildung aller Bolivianer zu verbessern und ein langfristiges Wirtschaftswachstum und Gesellschaftswohl zu gewährleisten.

Was den Augenblick angeht, so sollte die Welt die Tatsache feiern, dass Bolivien einen demokratisch gewählten Führer bekommen hat, der sich bemüht, die Interessen der Ärmsten seines Landes zu vertreten. Es ist ein historischer Moment.

Joseph E. Stiglitz ist Nobelpreisträger für Ökonomie und Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University. Er war Vorsitzender des Rates der Wirtschaftsberater unter Präsident Clinton und Chefökonom und Senior Vice President der Weltbank.

You might also like to read more from or return to our home page.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.
English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

You must be logged in to post or reply to a comment.
Please log in or sign up for a free account.



AUTHOR INFO

Joseph E. Stiglitz is University Professor at Columbia University, a Nobel laureate in economics, and the author of Freefall: Free Markets and the Sinking of the Global Economy.