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Joseph E. Stiglitz

Die chinesische Roadmap

Joseph E. Stiglitz

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2006-04-06

China steht vor der Verabschiedung seines elften Fünfjahresplans. Damit wird der Weg für die Fortführung des wahrscheinlich bemerkenswertesten ökonomischen Wandels in der Geschichte geebnet. Gleichzeitig wird damit das Wohlergehen beinahe eines Viertels der Weltbevölkerung gefördert. Nie zuvor hat die Welt derartig nachhaltiges Wachstum erlebt und nie zuvor hat man Armut in derartigem Ausmaß verringert.

Teilweise ist der langfristige Erfolg Chinas auf seine beinahe einzigartige Kombination aus Pragmatismus und Vision zurückzuführen. Während ein Großteil der Entwicklungsländer durch den Washington-Konsens in Richtung unrealistischer Steigerungen des BIP gedrängt wurden, machte China erneut klar, dass es einen nachhaltigeren und gerechter verteilten Anstieg des Lebensstandards anstrebt.

In China erkennt man, dass man eine Phase des Wirtschaftswachstums erreicht hat, in der es zu enormen – und untragbaren – Belastungen für die Umwelt kommt. Ohne Kursänderungen ist der Lebensstandard letztlich gefährdet. Aus diesem Grund liegt ein Schwerpunkt des neuen Fünfjahresplans auf Umweltbelangen.

Sogar viele der eher rückständigen Gebiete Chinas wachsen in einer Geschwindigkeit, die einem Wunder gleichkäme, wenn nicht andere Landesteile noch rascher wachsen würden. Während dadurch die Armut zwar verringert werden konnte, ist jedoch die Ungleichheit mit den zunehmenden Unterschieden zwischen Stadt und Land sowie zwischen Küstenregionen und dem Landesinneren gestiegen.

Der diesjährige Entwicklungsbericht der Weltbank erklärt, warum nicht nur Armut, sondern auch die Ungleichheit ein Anliegen sein sollte und im elften Fünfjahresplan Chinas nimmt man sich dieses Problems entschlossen an. Die Regierung hat über mehrere Jahre von einer harmonischeren Gesellschaft gesprochen und der Plan beschreibt ehrgeizige Programme, um dieses Ziel zu erreichen.

Außerdem erkennt man in China, dass der Unterschied zwischen Entwicklungsländern und besser entwickelten Ländern nicht nur in einer Kluft der Ressourcen besteht, sondern in einer Kluft des Wissens. Daher hat man in China kühne Pläne erarbeitet, nicht nur um diese Kluft zu schließen, sondern auch um eine Basis für unabhängige Innovationen zu schaffen.

Chinas Rolle in der Welt und der Weltwirtschaft hat sich geändert und auf dieses Faktum wird auch in diesem Fünfjahresplan Rücksicht genommen. Das zukünftige Wachstum wird nicht so sehr auf Exporten, sondern auf der Inlandsnachfrage beruhen, woraus sich die Notwendigkeit zur Ankurbelung des Verbrauchs ergibt. Tatsächlich hat China mit einem seltenen Problem zu kämpfen: mit einem Überschuss an Ersparnissen. Die Menschen in China sparen teilweise aufgrund der Schwächen im staatlichen Sozialversicherungssystem. Eine Stärkung der Sozialversicherung (Renten) sowie des Gesundheits- und Bildungssystems werden gleichzeitig zur Verringerung sozialer Ungleichheiten beitragen, das Gefühl des Wohlergehens bei den Bürgern verbessern und den gegenwärtigen Verbrauch ankurbeln.

Gelingt das – und bis jetzt hat China sogar seine eigenen hochgesteckten Erwartungen fast immer übertroffen – könnten diese Anpassungen zu enormen Belastungen für ein Weltwirtschaftssystem führen, das durch die riesigen amerikanischen Haushalts- und Leistungsbilanzdefizite ohnehin schon unausgewogen ist. Wenn in China weniger gespart wird - und wenn man, wie von öffentlicher Seite angekündigt, eine breiter gefächerte Strategie zur Investition seiner Reserven verfolgt – wer wird dann das amerikanische Leistungsbilanzdefizit von täglich über 2 Milliarden Dollar finanzieren? Dieses Thema ist zwar momentan nicht aktuell, aber es könnte bald soweit sein.

Trotz der klaren Zukunftsvisionen liegt die Herausforderung in der Umsetzung der Strategie. China ist ein riesiges Land und es wäre nicht so weit gekommen, wenn es keine weit verbreitete Dezentralisierung gäbe. Allerdings ergeben sich aus der Dezentralisierung eigene Probleme.

Treibhausgase beispielsweise sind ein globales Problem. Während Amerika meint, es könne sich nicht leisten, etwas dagegen zu unternehmen, haben die chinesischen Entscheidungsträger verantwortungsvoller gehandelt. Innerhalb eines Monats nach Annahme des Plans wurden neue Umweltsteuern auf Autos, Benzin und Holzprodukte eingeführt: China nutzte also marktbasierte Mechanismen, um die Umweltprobleme des Landes und der Welt in den Griff zu bekommen. Der Druck auf lokale Regierungsbeamte, Wirtschaftswachstum und Jobs zu produzieren, wird allerdings enorm sein. Sie werden der allergrößten Versuchung unterliegen, zu sagen, wenn sich Amerika eine umweltschonende Produktion schon nicht leisten kann, wie soll das dann in China funktionieren? Um Visionen in Taten umzusetzen, wird die chinesische Regierung gute Strategien benötigen, wie beispielsweise die bereits eingeführten Umweltsteuern.

Mit der Entwicklung Chinas in Richtung Marktwirtschaft, ergaben sich für das Land Probleme, mit denen auch Industrieländer zu kämpfen haben: Partikularinteressen, die egoistische Argumente hinter einem dünnen Schleier aus Marktideologie verhüllen.

Manche werden für die so genannte „Trickle-Down-Economy“, eintreten, für ein System also, bei dem der Wohlstand von oben nach unten durchsickern soll: Man mache sich um die Armen keine Sorgen, denn letztlich werden alle vom Wirtschaftswachstum profitieren. Andere wiederum werden sich gegen Wettbewerbspolitik und strenge Unternehmensführungsgesetze wenden: Man lasse nur Darwins Selektionstheorie ihre Wunder vollbringen. Um starken sozial- und umweltpolitischen Strategien entgegenzutreten, werden Wachstumsargumente vorgebracht: höhere Treibstoffsteuern, beispielsweise, würden unsere aufkeimende Autoindustrie vernichten.

Mit solchen, vorgeblich wachstumsorientierten Strategien würde man nicht nur kein Wachstum zustande bringen, sondern auch die gesamte Vision der chinesischen Zukunft bedrohen. Es gibt nur einen Weg, das zu verhindern: Offene Diskussionen über wirtschaftspolitische Strategien, um Irrtümer zu entlarven und Spielraum für kreative Lösungen zu den vielen Herausforderungen zu finden, mit denen China heute konfrontiert ist. Bei George W. Bush haben sich die Gefahren übermäßiger Geheimhaltung und einer Entscheidungsfindung innerhalb eines kleinen Zirkels von Kriechern gezeigt. Das im Widerspruch zu Bushs Taktik stehende Ausmaß der ausgedehnten Erörterungen und Beratungen der chinesische Führung (sogar mit Ausländern) in ihrem Bemühen um Lösungen für die enormen Probleme wird allerdings von dem meisten Menschen außerhalb Chinas nicht wirklich goutiert.

Marktwirtschaften regulieren sich nicht von selbst. Man kann sie nicht einfach auf Autopilot stellen, vor allem dann nicht, wenn die Vorteile eine möglichst große Breitenwirkung erzielen sollen. Das Management einer Marktwirtschaft allerdings ist keine leichte Aufgabe. Es ist vielmehr ein Balanceakt, bei dem man permanent auf wirtschaftliche Veränderungen zu reagieren hat. Der elfte Fünfjahresplan Chinas ist eine Roadmap dafür, wie diese Reaktionen auszusehen haben. Die Welt blickt in Ehrfurcht und Hoffnung auf China, wie sich das Leben von 1,3 Milliarden Menschen weiter verändern wird.

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AUTHOR INFO

Joseph E. Stiglitz, winner of the 2001 Nobel Prize in economics, served as Chairman of the Council of Economic Advisers from 1995 to 1997. He is the author of the recently published bestseller, Freefall: America, Free Markets, and the Sinking of the World Economy.