Unconventional Economic Wisdom
Die Entwicklungsländer und die globale Krise
Joseph E. Stiglitz
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NEW YORK: Das laufende Jahr dürfte für die Weltwirtschaft das schlimmste seit dem Zweiten Weltkrieg werden. Laut Schätzungen der Weltbank wird sie um bis zu 2% schrumpfen. Selbst Entwicklungsländer, die alles richtig gemacht und eine deutlich bessere makroökonomische und aussichtsrechtliche Politik verfolgt haben als die USA, bekommen die Auswirkungen zu spüren. Die chinesische Volkswirtschaft etwa dürfte zwar weiter wachsen, dies jedoch – vor allem aufgrund des steilen Einbruchs beim Export – mit deutlich geringerem Tempo als den 11-12% jährlichem Wachstum der letzten Jahre. Sofern nicht etwas getan wird, wird die Krise bis zu 200 Millionen Menschen zusätzlich in Armut stürzen.
Diese globale Krise verlangt nach einer globalen Reaktion. Leider jedoch liegt die Zuständigkeit für derartige Reaktionen weiter auf der nationalen Ebene. Darum wird jedes Land versuchen, sein Konjunkturpaket so zu konzipieren, dass die eigenen Bürger möglichst stark profitieren – und nicht die Welt als Ganze. Bei der Einschätzung des Umfangs ihrer Konjunkturmaßnahmen werden die Länder die Kosten für ihre eigenen Haushalte gegen den Nutzen abwägen, der sich hieraus für das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung in ihren eigenen Volkswirtschaften ergibt. Da ein Teil dieses Nutzens (im Falle kleiner, offener Volkswirtschaften ein erheblicher Teil) auf andere entfällt, dürften die Konjunkturpakete kleiner ausfallen und schlechter konzipiert sein, als es unter anderen Umständen der Fall wäre. Und darum brauchen wir ein global koordiniertes Paket.
Dies ist eine von mehreren wichtigen Botschaften einer Expertenkommission der Vereinten Nationen zur Weltwirtschaftskrise, deren Vorsitz ich innehabe und die der UNO kürzlich ihren Zwischenbericht vorgelegt hat.
Der Bericht unterstützt viele der G20-Initiativen, drängt jedoch auf stärkere auf die Entwicklungsländer ausgerichtete Maßnahmen. Denn während etwa anerkannt wird, dass fast alle Länder Maßnahmen zu Ankurbelung der Konjunktur einleiten müssen (wir sind jetzt alle Keynesianer), fehlt es vielen Entwicklungsländern schlicht an den hierfür nötigen Ressourcen. Und dasselbe trifft auf die bestehenden internationalen Finanzierungsinstitutionen zu.
Doch wenn wir es vermeiden wollen, eine weitere Schuldenkrise anzukurbeln, muss ein Teil – vielleicht sogar ein Großteil – dieses Geldes in Form von Subventionen fließen. Zudem waren Hilfen in der Vergangenheit oft an umfassende „Bedingungen“ gekoppelt, von denen einige den betreffenden Ländern einander widersprechende geld- und fiskalpolitische Strategien aufzwangen – genau das Gegenteil von dem also, was derzeit erforderlich ist – und ihnen eine finanzielle Deregulierung auferlegten, die eine der Grundursachen der Krise war.
In vielen Teilen der Welt ist aus offensichtlichen Gründen ein starkes Stigma damit verknüpft, sich an den Internationalen Währungsfonds zu wenden. Und es herrscht Unzufriedenheit nicht nur seitens der Kreditnehmer, sondern auch der potenziellen Bereitsteller der Gelder. Die Liquidität kommt heute aus Asien und dem Nahen Osten – doch warum sollten diese Länder Geld an Organisationen beisteuern, in denen ihre Stimme nur beschränktes Gewicht hat und die häufig eine Politik durchzudrücken suchen, die ihren eigenen Wertvorstellungen und Ansichten diametral zuwiderläuft?
Viele der Reformvorschläge zur Führung von IWF und Weltbank – bei denen es insbesondere auch um die Auswahl ihrer jeweiligen Chefs geht – scheinen nun endlich auf dem Tisch zu liegen. Doch der Reformprozess ist langsam, und die Krise wartet nicht. Es ist daher unverzichtbar, dass die Hilfe über eine Vielzahl den IWF ergänzender oder auch ersetzender Kanäle erfolgt, darunter auch regionale Institutionen. So könnte man neue Kreditfazilitäten einrichten mit Führungsstrukturen, die stärker mit dem 21. Jahrhundert im Einklang stehen. Falls dies schnell geschähe (was meiner Meinung nach möglich wäre), könnten derartige Fazilitäten wichtige Kanäle zur Verteilung der Gelder darstellen.
Auf ihrem Gipfeltreffen im November 2008 erteilten die G20-Führer dem Protektionismus eine scharfe Absage und verpflichteten sich, selbst davon Abstand zu nehmen. Eine Studie der Weltbank zeigt leider, dass in Wirklichkeit 17 der 20 Länder neue protektionistische Maßnahmen eingeleitet haben, insbesondere die USA, die eine „Buy American“-Klausel in ihr Konjunkturpaket aufgenommen haben.
Dabei wird seit langem anerkannt, dass Subventionen ebenso destruktiv sein können wie Zollschranken – und sogar noch unfairer, da sich die reichen Länder Subventionen eher leisten können. Falls es je so etwas wie Chancengleichheit in der Weltwirtschaft gab, ist es damit heute vorbei: Die massiven Subventionen und Rettungspakete der USA haben alles verändert, vielleicht unwiederbringlich.
Sogar Firmen in Hochindustrieländern, die selbst keine Subventionen erhalten, haben heute einen unfairen Vorteil. Sie können Risiken eingehen, die sich andere nicht leisten können, weil sie wissen, dass man ihnen im Falle eines Misserfolgs aus der Patsche hilft. Auch wenn die innenpolitischen Zwänge verständlich sind, die zu diesen Subventionen und Garantien geführt haben: Die entwickelten Länder müssen sich die globalen Konsequenzen bewusst machen und den Entwicklungsländern kompensatorische Unterstützung leisten.
Eine der wichtigeren mittelfristigen Initiativen, auf die die UNO-Kommission drängt, ist die Schaffung eines globalen Koordinierungsrates für Wirtschaftsfragen, der nicht nur die Wirtschaftspolitik koordinieren, sondern auch drohende Probleme und institutionelle Lücken bewerten würde. Mit Verschärfung des Konjunkturabschwungs könnten etwa eine Reihe von Ländern vor der Zahlungsunfähigkeit stehen. Wir haben jedoch noch immer kein angemessenes Rahmenwerk, um derartige Probleme zu handhaben.
Und das System, in welchem der US-Dollar eine Reservewährung darstellt – das Rückgrat des aktuellen globalen Finanzsystems – zeigt Abnutzungserscheinungen. China hat diesbezüglich seine Bedenken zum Ausdruck gebracht, und der chinesische Notenbankchef hat sich der Forderung der UNO-Kommission nach einem neuen globalen Reservesystem angeschlossen. Die UNO-Kommission argumentiert, dass eine Inangriffnahme dieses alten, vor mehr als 75 Jahren von Keynes aufgeworfenen Problems unverzichtbar ist, wenn wir eine robuste und stabile Erholung haben wollen.
Derartige Reformen passieren nie über Nacht. Aber sie werden überhaupt nicht passieren, wenn nicht jetzt mit der Arbeit an ihnen begonnen wird.
Joseph E. Stiglitz ist Professor für Ökonomie an der Columbia University und Vorsitzender einer vom Präsidenten der UNO-Generalversammlung ernannten Expertenkommission zur Reform des internationalen Währungs- und Finanzsystems. Ein neues globales Reservewährungssystem wird in seinem 2006 erschienen Buch Making Globalization Work diskutiert.
Copyright: Project Syndicate, 2009.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Doolan
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