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Die Depression des Davos-Menschen

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2009-02-04

NEW YORK – Seit 15 Jahren nehme ich am Weltwirtschaftsforum in Davos teil.  Normalerweise verleihen die dort versammelten Führungspersönlichkeiten ihrem Optimismus darüber Ausdruck, wie Globalisierung, Technologie und Märkte die Welt zum Besseren verändern. Sogar während der Rezession des Jahres 2001 glaubte man in Davos an einen kurzen Abschwung.  

Beim diesjährigen Erfahrungsaustausch der Wirtschaftsexperten war die düstere Stimmung allerdings beinahe greifbar. Ein Redner erfasste die allgemeine Stimmung, indem er meinte, dass wir uns von „Boom und Bust“ in Richtung „Boom und Armageddon“ bewegt hätten. Man war sich zunehmend einig, dass die zu Beginn des Treffens veröffentlichte IWF-Prognose für 2009, die von einer globalen Stagnation und dem niedrigsten Wachstum der Nachkriegszeit ausgeht, noch optimistisch angelegt war. Ein Teilnehmer merkte an, der einzig positive Aspekt sei, dass die Prognosen von Davos fast immer falsch seien und dass sich auch die aktuelle womöglich als übermäßig pessimistisch erweisen würde.  

Ebenso auffallend war der Vertrauensverlust in die Märkte. In einer sehr gut besuchten Brainstorming-Sitzung wurden die Teilnehmer gefragt, welche Einzelursache wohl für die Krise verantwortlich wäre. Die deutliche Antwort lautete: Der Glaube an die selbstkorrigierenden Märkte. 

Das Modell von den so genannten „effizienten Märkten“, wonach Preise alle verfügbaren Informationen vollständig und effizient abbilden, wurde ebenso scharf kritisiert wie die Inflationssteuerung. Durch die übermäßige Konzentration auf die Inflation wurde die Aufmerksamkeit von der grundlegenderen Frage der Finanzstabilität abgelenkt. Der Glaube der Zentralbanker, die Kontrolle der Inflation wäre notwendig und beinahe schon ausreichend, um Wachstum und Wohlstand sicherzustellen, stand ohnehin nie auf einem gesunden volkswirtschaftlichen Fundament. Durch die Krise verstärkte sich die Skepsis.

Während weder Vertreter der Bush- noch der Obama-Regierung versuchten, den freien Kapitalismus amerikanischer Prägung zu verteidigen, priesen europäische Vertreter ihre „soziale Marktwirtschaft“, die sanftere Form des Kapitalismus mit sozialen Schutzmaßnahmen als das Modell der Zukunft. Automatische Stabilisierungsfaktoren, wie der automatische Anstieg der Staatsausgaben bei einer Verschärfung der wirtschaftlichen Lage, würden für einen sanfteren Abschwung sorgen.    

Den meisten amerikanischen Finanzexperten war es offenbar zu peinlich, Davos ihre Aufwartung zu machen. Das erleichterte es möglicherweise anderen Teilnehmern, dort ihrem Ärger Luft zu machen. Die paar wenigen Arbeitnehmervertreter, die jedes Jahr nach Davos kommen und sich inmitten der Wirtschaftsbosse sehr bemühen, auf die Anliegen der arbeitenden Bevölkerung aufmerksam zu machen, waren besonders wütend über die mangelnde Reue der Finanzwelt. Die Forderung nach Rückzahlung von bereits erhaltenen Bonuszahlungen wurde mit Applaus aufgenommen.  

Tatsächlich wurden einige amerikanische Finanziers besonders hart angegriffen, weil sie die Meinung vertraten, dass auch sie Opfer wären. In Wahrheit sind sie die Täter und nicht die Opfer. Besonders ärgerlich erschien, dass sie Regierungschefs weiterhin unter Druck setzen und massive Rettungsaktionen verlangen, weil andernfalls ein wirtschaftlicher Zusammenbruch drohe. Geld fließt nicht den Opfern zu, sondern den Verursachern der Probleme.

Noch schlimmer ist, dass ein Gutteil des Geldes, das zur Rekapitalisierung der Banken dienen soll, damit diese ihr Kreditgeschäft wieder aufnehmen können, in Form von Bonuszahlungen und Dividenden aus den Unternehmen abfließt. Die Tatsache, dass Firmen auf der ganzen Welt, benötigte Kredite nicht bekommen, verstärkte die in Davos vorgebrachte Besorgnis.

Die Krise wirft grundlegende Fragen über die Globalisierung auf, die eigentlich einen Beitrag zur Streuung des Risikos hätte leisten sollte. Stattdessen ermöglichte sie, dass sich die Fehler der USA wie eine ansteckende Krankheit auf der ganzen Welt ausbreiteten. In Davos bestand die Sorge, dass man sich selbst aus dieser fehlerbehafteten Globalisierung zurückziehen könnte und die armen Länder am meisten darunter leiden würden.

Allerdings waren die Voraussetzungen nie für alle gleich. Wie hätten es Entwicklungsländer mit Amerikas Subventionen und Garantien aufnehmen sollen? Wie hätte irgendein Entwicklungsland seinen Bürgern die Vorstellung vermitteln sollen, dass man sich gegenüber hoch subventionierten amerikanischen Banken öffnen sollte? Zumindest vorerst scheint die Finanzmarktliberalisierung gestorben zu sein.  

Die Ungerechtigkeiten sind offenkundig. Selbst wenn arme Länder bereit wären, Garantien für Spareinlagen abzugeben, wären diese Garantien weniger wert, als jene der Vereinigten Staaten. Dies erklärt teilweise den kuriosen Geldfluss aus den Entwicklungsländern in die USA – wo die Probleme der Welt ihren Ausgang nahmen. Außerdem fehlt es den Entwicklungsländern an den nötigen Ressourcen für massive Konjunkturbelebungsprogramme, wie sie in den entwickelten Ländern durchgeführt werden. 

Zu allem Übel zwingt der IWF die meisten Länder, die sich um Hilfe an ihn wenden, nach wie vor, ihre Zinssätze anzuheben und ihre Ausgaben zu senken, wodurch Abschwünge verstärkt werden. Und, um dem Ganzen noch eins draufzusetzen, scheinen sich Banken aus den Industrieländern -  vor allem solche, die Staatshilfe bekommen -  auch über ihre Niederlassungen und Tochterfirmen vom Kreditgeschäft in den Entwicklungsländern zurückzuziehen. Die Aussichten für die meisten Entwicklungsländer – auch für jene, die alles „richtig“ gemacht haben – sind also düster.

Und als ob all das noch nicht genug wäre, hat das amerikanische Repräsentantenhaus genau zur Eröffnung des Forums in Davos einen Gesetzesentwurf gebilligt, der vorsieht, dass mit den im Konjunkturpaket vorgesehenen Mitteln nur amerikanischer Stahl finanziert werden darf – und das trotz des Aufrufs der G-20, Protektionismus als Reaktion auf die Krise zu vermeiden.

Zu dieser langen Liste der Sorgen gesellt sich noch die Angst hinzu, wonach Schuldner, die  den massiven amerikanischen Defiziten misstrauisch gegenüberstehen sowie Inhaber von US-Dollar-Reserven, die fürchten, Amerika könnte versucht sein, seine Schulden über den Weg der Inflation loszuwerden, darauf mit einer verminderten Bereitstellung globaler Ersparnisse reagieren könnten. Diejenigen, die den USA vertrauen, sich ihrer Schulden nicht absichtlich durch Inflation entledigen zu wollen, äußerten in Davos ihre Sorge, dass dies unabsichtlich geschehen könnte. Es war wenig Vertrauen in die nicht allzu geschickte Hand der Federal Reserve zu erkennen – deren Reputation durch die schwerwiegenden geldpolitischen Fehler der letzten Jahre gelitten hat – die massive Anhäufung von Schulden und Liquidität zu bewältigen.

Präsident Barack Obama scheint nach den dunklen Tagen des George W. Bush der amerikanischen Führungsrolle den nötigen Auftrieb zu verleihen. Aber die Stimmung in Davos deutet darauf hin, dass dieser Optimismus und das Vertrauen von kurzer Dauer sein könnten. Amerika führte die Globalisierung an. Nachdem der Kapitalismus amerikanischer Prägung und die amerikanischen Finanzmärkte in Misskredit gerieten, stellt sich die Frage, ob Amerika die Welt nun in eine neue Ära des Protektionismus führt, wie es schon einmal während der Großen Depression geschah.

Joseph E. Stiglitz ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University und wurde 2001 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet. Sein jüngstes, gemeinsam mit Linda Bilmes verfasstes Buch trägt den Titel Die wahren Kosten des Krieges. Wirtschaftliche und politische Folgen des Irak-Konflikts.

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Tychon 06:47 06 Mar 09

Global Royal Dutch Disease 1963: seizure of the globalization trend by ExxonMobil-Shell-Gov.nl

Easy money syndrome of the cheap-oil doctrine leading to the complex situation boom without overview or oversight.

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AUTHOR INFO

Joseph E. Stiglitz is University Professor at Columbia University, a Nobel laureate in economics, and the author of Freefall: Free Markets and the Sinking of the Global Economy.