Unconventional Economic Wisdom
Lehren aus dem Irak
Joseph E. Stiglitz
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NEW YORK – Die Talfahrt der amerikanischen Wirtschaft löste den Irak als wichtigstes Thema im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf ab. Dies zum Teil deshalb, weil die Amerikaner glauben, im Irak sei eine Wende erreicht worden. Die Aufstockung der Truppen hat die Aufständischen offenbar eingeschüchtert und einen Rückgang der Gewalt mit sich gebracht. Die Folgen sind klar: Die Machtdemonstration war erfolgreich.
Genau dieses Macho-Gehabe hat aber Amerika überhaupt erst in den Irak-Krieg geführt. Der Krieg sollte die strategische Leistungsfähigkeit militärischer Macht demonstrieren. Stattdessen zeigte der Krieg ihre Grenzen auf. Außerdem wurde durch den Krieg Amerikas wahre Macht untergraben – nämlich seine moralische Autorität.
Ereignisse in jüngster Zeit haben die Risiken des Ansatzes der Bush-Administration wieder verstärkt. Es war immer klar, dass der Zeitpunkt des amerikanischen Abzuges aus dem Irak nicht im Ermessen der Amerikaner liegen könnte – außer man hätte erneut internationales Recht verletzen wollen. Jetzt verlangt der Irak den Abzug der amerikanischen Kampftruppen innerhalb von zwölf Monaten. Bis zum Jahr 2011 soll der Abzug vollständig sein.
Natürlich ist der Rückgang der Gewalt zu begrüßen und die Aufstockung der amerikanischen Truppen mag dabei eine gewisse Rolle gespielt haben. Würde dieses Ausmaß an Gewalt jedoch in einem anderen Teil der Welt stattfinden, gäbe es entsprechende Schlagzeilen. Nur im Irak haben wir uns schon so an die Gewalt gewöhnt, dass ein Tag, an dem 25 Zivilisten getötet werden, bereits als ein guter Tag gilt.
Es ist nicht klar, welche Rolle die Truppenaufstockung für den Rückgang der Gewalt gespielt hat. Andere Faktoren waren möglicherweise viel entscheidender, wie beispielsweise die finanziellen Zuwendungen an die sunnitischen Aufständischen, damit sie an der Seite der Vereinigten Staaten gegen die Al-Qaida kämpfen. Das ist allerdings eine gefährliche Strategie. Die USA sollten lieber an der Schaffung einer starken, geschlossenen Regierung arbeiten, anstatt religiöse Milizen zu stärken. Nun ist sich die irakische Regierung der Gefahren bewusst geworden und hat mit der Festnahme mancher Anführer begonnen, die von der amerikanischen Regierung unterstützt werden. Die Aussichten für eine stabile Zukunft verdüstern sich zunehmend.
Der springende Punkt ist: Die Truppenaufstockung hätte Raum für eine politische Lösung schaffen sollen, die wiederum als Fundament für langfristige Stabilität gedacht war. Die politische Lösung kam nicht zustande. Ebenso wie die Argumente zur Rechtfertigung des Krieges und die Maßstäbe für den Erfolg sind daher auch die Begründungen für die Truppenaufstockung inkonsistent.
Unterdessen werden die militärischen und wirtschaftlichen Kosten dieses fehlgeschlagenen Abenteuers klar. Selbst wenn es den USA im Irak gelungen wäre, für Stabilität zu sorgen, hätte dies noch keinen Sieg im „Krieg gegen den Terrorismus“ bedeutet, geschweige denn einen Erfolg im Hinblick auf die Erreichung weiter gefasster strategischer Ziele. In Afghanistan läuft es, gelinde gesagt, nicht gut und Pakistan erscheint zunehmend instabil.
Außerdem sind sich die meisten politischen Beobachter einig, dass Russlands Entscheidung für die Invasion in Georgien – die Ängste vor einem neuen Kalten Krieg schürt - zumindest teilweise in seiner Zuversicht begründet lagen, dass Amerika dem wenig entgegenzusetzen hat, nachdem seine Streitkräfte in zwei verfahrene Kriege involviert sind (und ausgelaugt durch eine Politik, wonach militärische Ressourcen nach Verbrauch nicht mehr ersetzt werden). Das russische Kalkül erwies sich als korrekt..
Selbst die Ressourcen des größten und reichsten Landes der Welt sind begrenzt. Der Irak-Krieg wurde ausschließlich mit Krediten finanziert und teilweise aus diesem Grund sind die Staatsschulden der USA in nur acht Jahren um zwei Drittel angewachsen.
Aber die Situation wird noch schlimmer: Das Defizit für 2009 allein soll über eine halbe Billion Dollar betragen, wobei die Kosten der Finanz-Rettungsaktionen und des von beinahe allen Ökonomen für dringend nötig erachteten zweiten Konjunkturpakets darin noch nicht enthalten sind. Der Krieg und die Art, wie er geführt wurde, haben den amerikanischen Spielraum eingeengt und der Krieg wird auch ziemlich sicher den wirtschaftlichen Abschwung vertiefen und verlängern.
Der Glaube, dass die Truppenaufstockung erfolgreich war, ist vor allem deshalb gefährlich, weil der Krieg in Afghanistan so schlecht läuft. Die europäischen Verbündeten Amerikas werden der endlosen Schlachten und steigenden Opferzahlen langsam müde. Und die meisten europäischen Spitzenpolitiker sind in der Kunst der Täuschung nicht so geübt wie die Regierung Bush. Sie haben größere Schwierigkeiten, Zahlen vor ihren Bürgern geheim zu halten.
Die Briten beispielsweise sind sich der Probleme sehr wohl bewusst, vor denen sie in Afghanistan in den Tagen des Empire wiederholt standen,. Natürlich wird Amerika weiterhin Druck auf seine Verbündeten ausüben, aber die Demokratie weiß die Wirksamkeit derartigen Drucks zu begrenzen. Der Widerstand der Bevölkerung gegen den Irak-Krieg machte es Mexiko und Chile unmöglich, dem amerikanischen Druck vor den Vereinten Nationen nachzugeben und die Invasion zu befürworten. Die Bürger dieser Länder haben Recht behalten.
Aber in Amerika, hat der Glaube an die erfolgreiche Truppenaufstockung nun viele dazu veranlasst, die Entsendung weiterer Truppen nach Afghanistan für notwendig zu erachten. Es stimmt, dass der Krieg im Irak die Aufmerksamkeit der Amerikaner von Afghanistan abgelenkt hat, aber die Fehlschläge im Irak sind eine Frage der Strategie und nicht der Truppenstärke. Es ist Zeit für Amerika und Europa, die Lehren aus dem Irak zu ziehen – oder vielmehr, sich jene Lehren wieder vor Augen zu führen, die praktisch jedes Land ziehen muss, das versucht, ein anderes Land zu besetzen und dessen Zukunft zu bestimmen.
Joseph E. Stiglitz ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Columbia University und wurde 2001 mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet. Sein jüngstes, gemeinsam mit Linda Bilmes verfasstes Buch trägt den Titel Die wahren Kosten des Krieges. Wirtschaftliche und politische Folgen des Irak-Konflikts..
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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