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Mangel im Zeitalter der Fülle

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2008-06-06

NEW YORK – Überall auf der Welt erheben sich Proteste gegen die steigenden Lebensmittel- und Kraftstoffpreise. Die Armen – und sogar die mittleren Schichten – müssen miterleben, wie ihre Einkommen erdrückt werden, während die Weltwirtschaft in eine Konjunkturschwäche eintritt. Politiker wollen auf die legitimen Sorgen ihrer Wähler eingehen, wissen jedoch nicht, was sie tun sollen.

In den vereinigten Staaten haben sowohl Hillary Clinton als auch John McCain den bequemsten Weg gewählt und zumindest für den Sommer eine Aussetzung der Benzinsteuer unterstützt. Nur Barack Obama behauptete seinen Standpunkt und lehnte den Vorschlag ab, der lediglich die Nachfrage nach Benzin erhöht hätte – und somit die Wirkung der Steuersenkung aufgehoben hätte.

Doch wenn Clinton und McCain Unrecht hatten, was sollte dann getan werden? Man kann nicht einfach die Bitten jener Menschen ignorieren, die Not leiden. In den USA haben die Einkommen der Mittelschicht noch nicht wieder die Höhe erreicht, die sie vor der letzen Rezession 1991 hatten.

Als George Bush gewählt wurde, behauptete er, Steuersenkungen für die Reichen würden sämtliche Gebrechen der Wirtschaft kurieren. Das durch die Steuersenkungen angekurbelte Wachstum bringe Vorteile, die zu allen „herabsickern“ würden – eine Politik, die in Europa und andernorts zur Mode geworden ist, jedoch versagt hat. Die Steuersenkungen sollten Anreize zum Sparen setzen, doch sind die Haushaltsersparnisse in den USA auf null abgesunken. Sie sollten Beschäftigungsanreize geben, doch ist die Erwerbsquote niedriger als in den 1990er Jahren. Das Wachstum, das es gab, kam nur den wenigen an der Spitze zugute.

Die Produktivität stieg eine Zeitlang, allerdings nicht aufgrund der Finanzinnovationen von der Wall Street. Die geschaffenen Finanzprodukte steuerten das Risiko nicht; sie vergrößerten es. Sie waren so wenig transparent und so komplex, dass weder die Wall Street noch Ratingagenturen sie richtig einschätzen konnten. Unterdessen schuf der Finanzsektor keine Produkte, die den einfachen Leuten halfen, die Risiken zu bewältigen, die auf sie zukamen, einschließlich der Risiken, die der Besitz eines Eigenheims mit sich bringt. Millionen von Amerikanern werden ihre Häuser wahrscheinlich verlieren, und damit ihre Lebensersparnisse.

Von zentraler Bedeutung für Amerikas Erfolg ist Technologie, wie sie von Silicon Valley symbolisiert wird. Ironischerweise waren die Wissenschaftler, mit deren Fortschritten Wachstum durch Technologie überhaupt erst möglich war, und die Risikokapitalfirmen, die dies finanzierten, nicht diejenigen, die in der Blütezeit der Immobilienblase die größten Belohnungen ernteten. Diese realen Investitionen werden von den Spielen überschattet, die die meisten Teilnehmer am Finanzmarkt vereinnahmt haben.

Die Welt muss erneut über die Ursprünge des Wachstums nachdenken. Wenn die Grundlagen des Wirtschaftswachstums im Fortschritt von Wissenschaft und Technik liegen und nicht in der Spekulation auf den Immobilien- oder Finanzmärkten, dann müssen die Steuersysteme neu ausgerichtet werden. Warum sollten diejenigen, die ihr Einkommen durch Glücksspiele in den Casinos der Wall Street bestreiten, niedriger besteuert werden als diejenigen, die ihr Geld anderweitig verdienen? Kapitalerträge sollten mindestens genauso hoch besteuert werden wie normale Einkommen. (Derartige Erträge haben in jedem Fall einen beträchtlichen Vorteil, da die Steuer nicht erhoben wird, bis der Gewinn kapitalisiert wird.) Zudem sollte es eine Zufallsgewinnsteuer für Öl- und Gasunternehmen geben.

Angesichts der gewaltigen Zunahme der Ungleichheit in den meisten Ländern sind höhere Steuern für diejenigen angebracht, die dabei gut abgeschnitten haben – um denjenigen zu helfen, die durch Globalisierung und technologischen Wandel Verluste erlitten haben. Sie könnten außerdem die Belastungen durch die hohen Lebensmittel- und Energiepreise lindern. Länder mit Lebensmittelmarkenprogrammen wie die USA müssen eindeutig den Umfang dieser Beihilfen vergrößern, um sicherzustellen, dass der Ernährungsstandard nicht abnimmt. Länder ohne derartige Programme sollten über ihre Einführung nachdenken.

Zwei Faktoren haben die aktuelle Krise ausgelöst. Der Irak-Krieg hat zur Steigerung der Ölpreise beigetragen, auch durch höhere Instabilität im Nahen Osten, dem günstigen Ölversorger, während die Lebensmittel- und Energiemärkte aufgrund der Biokraftstoffe immer stärker integriert sind. Obwohl die Betonung erneuerbarer Energiequellen willkommen ist, gilt das nicht für Maßnahmen, die das Nahrungsmittelangebot verzerren. Die amerikanischen Subventionen für Äthanol aus Mais sorgen mehr für den Geldbeutel der Äthanolproduzenten, als dass sie die Erderwärmung reduzieren. Riesige Agrarsubventionen in den USA und der Europäischen Union haben die Landwirtschaft in den Entwicklungsländern geschwächt, wo die internationale Hilfe zu wenig darauf ausgerichtet war, die landwirtschaftliche Produktivität zu verbessern. Die Entwicklungshilfe für die Landwirtschaft ist von einem Höchststand von 17 % auf derzeit lediglich 3 % geschrumpft, wobei einige internationale Geber verlangen, dass die Subventionen für Düngemittel abgeschafft werden, was es für finanzschwache Landwirte noch schwieriger macht, wettbewerbsfähig zu sein.

Die reichen Länder müssen ihre verzerrende Agrar- und Energiepolitik abbauen, wenn nicht abschaffen, und den Menschen in den ärmsten Ländern helfen, ihre Kapazitäten zur Lebensmittelproduktion zu verbessern. Doch ist das nur der Anfang: Wir haben unsere wertvollsten Ressourcen – sauberes Wasser und saubere Luft – so behandelt, als wären sie umsonst. Nur neue Konsum- und Produktionsmuster – ein neues Wirtschaftsmodell – können dieses absolut grundlegende Ressourcenproblem bewältigen.

Joseph E. Stiglitz, Professor an der Columbia University, erhielt 2001 den Nobelpreis für Ökonomie. Zusammen mit Linda Bilmes verfasste er das Buch The Three Trillion Dollar War: The True Costs of the Iraq Conflict (Die wahren Kosten des Krieges: Wirtschaftliche und politische Folgen des Irak-Konflikts).

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AUTHOR INFO

Joseph E. Stiglitz is University Professor at Columbia University, a Nobel laureate in economics, and the author of Freefall: Free Markets and the Sinking of the Global Economy.