Friday, October 31, 2014
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Bei der Stange bleiben

MELBOURNE – Manchmal wissen wir, was das Beste wäre, tun es aber nicht. So verhält es sich oft mit guten Vorsätzen für das neue Jahr. Wir fassen Vorsätze, weil wir wissen, dass es besser für uns wäre abzunehmen, fitter zu werden oder mehr Zeit mit unseren Kindern zu verbringen. Das Problem ist, dass es im Allgemeinen einfacher ist einen Vorsatz zu brechen als sich daran zu halten. Deshalb haben die meisten ihre Neujahrsvorsätze Ende Januar schon wieder aufgegeben.

John Stuart Mill hat in seiner klassischen Verteidigung der Freiheit behauptet, dass jedes Individuum seine eigenen Interessen am besten beurteilen und wahren kann. Neue Forschungen legen jedoch nahe, dass wir Hilfe gebrauchen könnten. Dean Karlan, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Yale, hat Wege untersucht, wie man einigen der ärmsten Bewohner der Philippinen dabei helfen kann ihre Ziele zu erreichen. Er hat festgestellt, dass sie, wie Menschen überall auf der Welt, Schwierigkeiten haben der Versuchung zu widerstehen das Wenige auszugeben, was sie haben, auch wenn sie erkennen, dass es besser wäre für ein Ziel zu sparen, das in ihrem Leben einen beträchtlicheren Unterschied machen könnte.

Wurde ihnen die Möglichkeit geboten Geld bei einer Bank zu hinterlegen, sparten sie ein bisschen, hoben das Geld jedoch ab, bevor sie ihr Ziel erreicht hatten. Wurde ihnen hingegen ein Sparkonto angeboten, das sie dafür bestraft Geld abzuheben bevor sie ein selbst festgelegtes Ziel erreichen, entschieden sich viele für diese Art von Konto, obwohl die Zinsen, die sie verdienten nicht höher waren als bei einem Konto, bei dem sie Geld abheben konnten, wann immer sie es wünschten. Die Nutzung des Kontos, das vorzeitige Abhebungen bestraft, half ihnen ihre Ziele zu erreichen.

Anschließend wendete sich Karlan anderen Bereichen zu, in denen es uns an Selbstkontrolle mangelt. Er stellte fest, dass Personen, die das Rauchen aufgeben wollen, mit höherer Wahrscheinlichkeit erfolgreich sind, wenn sie im Falle eines Scheiterns Geld verlieren. Bei einer randomisierten Studie erreichten 30% der Personen ihr Ziel, die eine Strafe für ihr Scheitern riskierten, verglichen mit lediglich 5% in der Kontrollgruppe.

Karlan diskutierte seine Arbeit mit Kollegen in Yale. Sie stellten sich die Frage, wie sie stärkere Anreize bieten können, sich an Vorsätze zu halten und persönliche Ziele zu erreichen. Ihre Antwort können Sie auf einer Webseite nachlesen, die sie mit ins Leben gerufen haben, www.stickK.com., wo man eine Selbstverpflichtung eingeht, mit der man sich auferlegt ein Ziel seiner Wahl zu erreichen. Als Anreiz diese Verpflichtung zu erfüllen, kann man sich anschließend für eine Strafe entscheiden, die im Falle eines Scheiterns zu zahlen ist.

Ein Beispiel, wie man sich einen starken Anreiz schaffen kann das eigene Ziel zu erreichen, ist die Verpflichtung im Falle eines Scheiterns Geld an jemanden zu zahlen. Noch besser ist die Möglichkeit eine bestimmte Summe festzulegen, die man für etwas zahlen muss, das man verabscheut. Wenn man den Schutz der Regenwälder unterstützt, kann man sich entschließen die persönliche Strafzahlung an ein Unternehmen zu leisten, das die kommerzielle Entwicklung des Amazonas fördert.

Außerdem wird die Verpflichtung auf der Webseite öffentlich gemacht und man kann „Anhänger“ haben, die den Betreffenden ermutigen sein persönliches Ziel zu erreichen und die enttäuscht sein werden, wenn man scheitert. Bislang haben 45.000 Menschen stickK genutzt, um einen Vertrag mit sich selbst zu schließen und die Erfolgsquote bei denjenigen, die sich selbst finanzielle Anreize setzen liegt bei über 70%.

Karlans Forschungen und die Resultate auf stickK deuten darauf hin, dass die meisten Menschen, wenn sie in Ruhe nachdenken, ein Gespür dafür haben, was in ihrem Interesse ist, aber häufig nicht in der Lage sind an ihren Plänen festzuhalten, wenn sie mit unmittelbareren Versuchungen konfrontiert sind. So macht es etwa die hohe Verfügbarkeit elektronischer Spielautomaten und Onlineglücksspiele „Problemspielern“ schwer, mit dem Glücksspiel aufzuhören, auch wenn sie wissen, dass sie mehr verlieren als sie sich leisten können. Infolgedessen ruinieren sich viele von ihnen finanziell und bringen ihre Familien in schwere Bedrängnis. Manche geben sich zu Straftaten her, um ihre Spielschulden zu begleichen. Könnte ein Selbstverpflichtungsvertrag Problemspielern beim Aufhören helfen?

In Norwegen benötigt man für fast alle Arten von Glücksspiel seit zwei Jahren eine elektronische Karte. Bargeld ist verboten. Die Karte erlaubt es der Regierung die Summen, die die Spieler an elektronischen Spielautomaten verlieren können, täglich oder monatlich zu begrenzen. Dieser Ansatz scheint paternalistisch und ist es vielleicht auch, kann aber auch als Maßnahme verteidigt werden, die Menschen davor zu bewahren ihre Kinder verarmen zu lassen und dem Staat – in einem Land wie Norwegen, das für seine Armen sorgt – zur Last zu fallen.

Die Karte eröffnet den Spielern zudem die Möglichkeit eigene Limits festzulegen. Sie können die Summe begrenzen, die sie ausgeben oder wie viel Zeit sie jeweils an einem Spielautomaten verbringen. Das ist kein Paternalismus, sondern lediglich eine Ermutigung eine Pause einzulegen und nachzudenken.

Der Gedanke, Spielern die Chance zu geben ihre eigenen Beschränkungen festzulegen bevor sie eine Spielsitzung beginnen, fängt an sich international zu verbreiten. Außer in Norwegen existiert er in unterschiedlichen Formen in Schweden, Neuseeland und in der kanadischen Provinz Nova Scotia.

Die australische Produktivitätskommission hat unlängst den Wert solcher Systeme der Vorabverpflichtung untersucht. Sie schätzt die jährlichen Kosten für die Gesellschaft, die sich aus Problemglücksspiel ergeben auf 4,7 Milliarden Dollar und sprach die Empfehlung aus, schrittweise freiwillige Systeme zur Vorabverpflichtung für elektronische Glücksspielautomaten einzuführen. Die Regierung hat auf Druck eines unabhängigen Parlamentsabgeordneten, auf dessen Unterstützung sie angewiesen ist, nun versprochen die wichtigsten Empfehlungen der Kommission umzusetzen.

Die Entscheidungsfindung beim Menschen ist komplex. Sind wir auf uns allein gestellt, kann unsere Neigung kurzfristigen Verlockungen zu unterliegen zu stark für unsere rationale, langfristige Planung sein. Sind die Verlockungen nicht unmittelbar präsent, können wir jedoch Barrieren errichten, die die Wahrscheinlichkeit verringern, dass wir ihnen unterliegen, wenn sie wiederkehren. Das Wissen, dass wir unser eigenes Verhalten kontrollieren können, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir es tun werden.

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