The Worldly Philosophers
Das Ende des Mythos vom Nationalstaat
Devin Stewart
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NEW YORK – Diesen Herbst werden wieder Tausende Studierende in den Vorlesungen einen Mythos als Faktum präsentiert bekommen. Dieser Mythos hat dazu beigetragen, Kriege zu schüren und er könnte auch die Suche nach Lösungen für die größten Probleme der Welt behindern. Obwohl der Ursprung dieses Mythos unklar ist, wurde er von der Wissenschaft als unrichtig erkannt und von einer globalisierten Welt als Anachronismus entlarvt. Ich spreche vom Nationalstaat.
Der Mythos vom Nationalstaat vereint zwei Konzepte, nämlich die sehr konkrete Vorstellung des Staates und die eher verschwommene Idee von der Nation. Der Nutzen des Staates ist klar. Er ist ein notwendiges Organisationsprinzip, das es den Menschen ermöglicht, ihre Ressourcen für das Gemeinwohl zu konzentrieren und sich gegen alltägliche Bedrohungen zu rüsten, egal, ob es sich dabei um Überschwemmungen oder die Invasion einer fremden Armee handelt. Der Staat fungiert auch als oberster Richter. Staatliche Macht ist sogar auf dem Vormarsch. Teilweise als Gegenreaktion auf die Globalisierung und als Konsequenz des wachsenden, auf den Energiemärkten erwirtschafteten Reichtums.
Allerdings verschleiert der Nationalstaat als Grundlage der Staatsführung das Wesen der größten Bedrohungen der Menschheit. Umweltverschmutzung, Terrorismus, Epidemien und der Klimawandel sind globale Phänomene. Sie halten sich nicht an nationale Souveränität und erfordern daher globale Zusammenarbeit.
Der Ursprung der Idee vom Nationalstaat liegt im Dunklen. Weithin anerkannt ist die These, dass damit ein Weg gefunden werden konnte, die Herrschaft des Staates über eine Gruppe von Menschen zu festigen und zu legitimieren, ungeachtet ob sich diese Gruppe über eine gemeinsame Sprache, Kultur oder Volkszugehörigkeit definierte. Das Problem dabei ist, dass die Konturen einer Kulturgemeinschaft selten mit denen einer politischen Einheit übereinstimmen. Ebenso wenig berücksichtigt das Ideal des Nationalstaates interne Vielfalt und Konflikte.
Identitäten innerhalb von Nationen weisen fließende Übergänge auf und ändern sich manchmal von einer Minute auf die andere. Vor etwa 15 Jahren verbrachte ich einen Sommer im französischen Loire-Tal. Viele Frankreich-Reisende werden bestätigen, dass die Menschen am Land glauben, dass sie das „wahre“ Frankreich verkörpern und nicht die Einwohner der Hauptstadt Paris.
Die Trennlinie zwischen Hauptstadt und Peripherie gibt es in vielen Ländern. Mir ist aber auch aufgefallen, dass sich die Identität einer Person oft während einer Unterhaltung ändert. Je nach Gesprächsthema wurde aus „wir Franzosen“ plötzlich „wir Gallier“, „wir Romanen“, „wir Bretonen“, „wir Franken” oder “wir Europäer”. Diese ständig wechselnde Identität war verblüffend, ergab aber nach einer Nachdenkpause durchaus Sinn: Schließlich sagte Charles de Gaulle einmal, dass es schwierig sei, ein Land zu regieren, wo es 246 Käsesorten gibt.
Häufig wird angenommen, China würde von der Han-Mehrheit regiert. Aber diese Bevölkerungsgruppe ist sprachlich, kulturell und sogar genetisch vielfältig. Wie der Autor Ian Buruma jüngst feststellte, ist es nicht klar, was die Menschen mit „China“ meinen. Taiwan ist ein unabhängiger Staat, aber offiziell ein Teil Chinas. Die chinesische Kultur und Sprache sind auf der ganzen Welt verbreitet. „China“ ist mehr als nur ein Nationalstaat, schlussfolgert Buruma. Der taiwanesische Wissenschaftler Lee Hsiao-feng argumentierte vor kurzem, dass der Begriff „chinesisch“ ein bedeutungsloses Wort ist, das erfunden wurde, um die Herrschaft über Minderheiten zu rechtfertigen.
Eine einzige Nation auf einem Staatsgebiet oder ein Staat, der nur aus einer Nation besteht, ist schwer vorstellbar. Manchmal wird argumentiert, dass Japan ein Beispiel für einen Nationalstaat sei. In unzähligen hitzigen Debatten habe ich viele Japaner erinnert, dass zu den Japanern auch Ainu, Koreaner, Chinesen, Filipinos und Ryukyu zählen. Die Antwort darauf lautete immer: „Ja, aber wir möchten glauben, dass es ein japanisches Volk gibt.“ Es gibt dort sogar eine Forschungsdisziplin, die sich mit der Frage beschäftigt, was es bedeutet, Japaner zu sein.
Wie bei der Religion bedarf es auch hinsichtlich des Mythos vom Nationalstaat eines gewissen Vertrauensvorschusses. Der japanische Wissenschaftler Yoshihisa Hagiwara argumentiert, dass sich der Mythos vom Nationalstaat zwangsläufig verflüchtigen wird, da er nicht auf Fakten beruht. An seine Stelle wird das Verständnis treten, dass wir als Individuen Teil einer globalen Gemeinschaft sind. Er beklagt, dass vor allem die Japaner sehr an der Idee des „Japanisch-Seins” hängen, wodurch es möglich wäre, dass Japan der „letzte wahre Held“ eines sterbenden Ethos werden könnte.
Ausformungen dieser Vorstellung erscheinen häufig in der Populärkultur. In einer amerikanischen Kreditkartenwerbung werden ein Vater und sein Sohn gezeigt, die nach Norwegen reisen, um die Herkunft ihrer Familie zu ergründen. Nachdem sie versuchten, über norwegisches Bier, Essen, Pullover und Schwimmen eine Bindung zu dem Land herzustellen, stellt sich heraus, dass ihre Familie eigentlich aus Schweden stammt.
Wenn ich eine solche Reise unternehmen sollte, würde sie mich wohl nach Irland führen, wo ich dann herausfinden würde, dass meine irischen Vorfahren ursprünglich aus Schottland stammten. Aber woher kamen die Schotten? Wahrscheinlich über ein weiteres Meer. Der Herkunftsmythos lässt sich unendlich weiterverfolgen, bis wir bei den gemeinsamen Vorfahren der Menschheit oder letztlich bei einem Mythos angelangt sind – einem schwarzen Ei in China, einem Speer im Ozean in Japan oder der Wechselwirkung von Feuer und Eis in Frankreich.
Wenn Politiker die Probleme von heute angehen wollen, müssen sie eine breitere Sichtweise einnehmen. Anfangen könnte man, indem man das Konzept des Nationalstaates neu überdenkt, das den Studierenden auf der ganzen Welt als Grundlage internationaler Beziehungen verkauft wird. Über die Theorien des Realismus vom Gleichgewicht der Mächte hinaus, sollte eine Einführung in die Ethik internationaler Beziehungen – Moralphilosophie, Menschenrechte und die Rolle nicht-staatlicher Akteure – in die Lehrpläne für internationale Beziehungen einbezogen werden..
Wie der Philosoph Peter Singer in seinem Buch One World gezeigt hat, bedarf es für eine vereinte Front gegen die größten Probleme der Welt einer grundlegenden Haltungsänderung – weg vom Provinzialismus, hin zu einer Neudefinition von Eigeninteresse. Die aufgeklärte Form dieses Eigeninteresses kann auf dem Prinzip des Staates beruhen, aber die Interessen würden neu definiert werden und universelle Prinzipien wie die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte einschließen. Um diesen Interessen zu universeller Anerkennung zu verhelfen, werden wir vom Mythos des Nationalstaates ein für allemal Abschied nehmen müssen.
Devin Stewart ist Leiter der Abteilung Global Policy Innovations des Carnegie Council für Ethik in internationalen Beziehungen und Herausgeber der Webseite policyinnovations.org. Überdies fungiert er als Dozent am Zentrum für strategische und internationale Studien (CSIS).
Copyright: Project Syndicate/Institut für die Wissenschaften vom Menschen, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier
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