Die fürchterliche Armut und die entsetzlichen Lebensbedingungen in Afrika südlich der Sahara sind durch das Fernsehen und das Internet bekannt. Allerdings sind diese quälenden Bilder nur der Ausdruck eines Symptoms des tatsächlichen - großteils verschwiegenen – Übels, nämlich der Kapitalflucht.
Kapitalflucht hat unzählige Gründe: Schuldendienst, Vergabe beinahe aller von multilateralen Kreditgebern finanzierten Aufträge an ausländische Firmen (sowie Steuer- und Abgabenbefreiungen für diese Güter und Dienstleistungen), ungünstige Handelsbedingungen, freier Gewinntransfer, Devisenreserven auf ausländischen Konten und ins Ausland transferiertes Privatkapital. Nach Informationen der UN-Organisation für industrielle Entwicklung (UNIDO) verlassen pro Dollar, der nach Afrika südlich der Sahara fließt, 1,06 Dollar die Region.
Der Großteil dieses Aderlasses wird durch Schulden geschürt: Ungefähr 80 Cent von jedem Dollar, der in Form von Auslandskrediten in die Region fließt, verlassen sie noch im selben Jahr. Dies setzt aktive Komplizenschaft zwischen den Kreditgebern (den OECD-Ländern samt ihren Finanzinstitutionen, vor allem des IWF und der Weltbank) und den Kreditnehmern (der afrikanischen Regierungen) voraus. Durch die Kapitalflucht kommen die Gläubiger zu jenen Ressourcen, die sie benötigen um zusätzliche Kredite für Länder zu finanzieren, aus denen diese Mittel ursprünglich stammten – ein als „Round-tipping“- oder „Back-to-Back“- Kredite bekanntes Phänomen.
Die Kreditnehmer wiederum benutzen diese ausländischen Kredite zur Vermehrung ihres Privatvermögens im Ausland, nachdem die - in Einklang mit den Strukturanpassungsprogrammen des IWF und der Weltbank implementierte - strikte Haushaltsdisziplin und der freie Kapitalverkehr die Zinssätze in die Höhe schnellen ließen. Die tödliche Kombination dieser Faktoren macht jede Aussicht auf Wirtschaftswachstum zunichte und führt zu Schulden in untragbaren Höhen.
Fluchtkapital besteht entweder aus legal im Inland erworbenen und legal ins Ausland transferiertem Kapital, aus legal im Inland erworbenem und illegal ins Ausland transferiertem Kapital oder aus illegal im Inland erworbenem und illegal ins Ausland geschafftem Kapital. Mit den letzten beiden Methoden werden den Afrikanern, „illegitime Schulden“ auferlegt, wodurch die Glaubwürdigkeit der westlichen Kreditgeber in Bezug auf Geldwäsche, gute Regierungsführung, Transparenz, Haushaltsdisziplin und makroökonomische Strategien zur Förderung des Wirtschaftswachstums untergraben wird.
Die Ablehnung nicht gerechtfertigter Schulden stünde im Einklang mit ökonomischer Logik und dem Völkerrecht. Auf gut funktionierenden Kreditmärkten ist es unumgänglich, dass Gläubiger mit den Konsequenzen einer unverantwortlichen oder politisch motivierten Kreditvergabe konfrontiert werden. Dazu müssen allerdings zwei Hindernisse überwunden werden. Erstens: Die afrikanischen Führer, die diese Schulden zurückweisen sollten, haben diese Kredite ursprünglich selbst aufgenommen und zwar mit dem offenkundigen Ziel, sich damit persönlich zu bereichern. Zweitens: Gläubiger könnten sich wehren, indem sie keine weiteren Kredite gewähren.
Diese Hindernisse sind weder unüberwindlich noch auf Sub-Sahara-Afrika beschränkt. Kapitalflucht wird vor allem durch Unsicherheit in Bezug auf gute Regierungsführung, politische Stabilität, bürgerliche Freiheiten, Verantwortlichkeit, Eigentumsrechte und Korruption begünstigt. Eine gesunde Wirtschaftspolitik, nachhaltiges Wirtschaftswachstum und angemessene Kapitalrenditen sind geeignet, Kapitalflucht zu verhindern. Informationen der amerikanischen Investmentbank Salomon Brothers zufolge, belief sich der Ertrag des Fluchtkapitals in Lateinamerika im Jahr 1991 auf geschätzte 40 Milliarden Dollar. Mexiko führte die Rangliste an, gefolgt von Venezuela, Brasilien, Argentinien und Chile. China brachte es zwischen 1989 und 1991 auf 56 Milliarden Dollar.
Ähnlich aufschlussreich ist die Tatsache, dass mehrere Volkswirtschaften im Mittleren Osten einen Boom erleben. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi Arabien werden mit Kapital überschwemmt, da in den letzten zwei Jahren durch inländische Investoren Milliarden Dollars wieder zurück in die Region geflossen sind. Der saudische Aktienmarktindex ist seit Anfang des Jahres um 78 % gestiegen und übertraf damit bei weitem die wichtigsten amerikanischen und europäischen Indizes – und das in einer von Konflikten, atomaren Spannungen, Terrorismus und akuten politischen Herausforderungen geprägten Region.
Im Fall von Sub-Sahara-Afrika läuft der „Washington-Konsens“ – wirtschaftliche Liberalisierung, Deregulierung der Kapitalströme, Ausschaltung von Subventionen und Privatisierung – jenen Strategien zuwider, derer es bedürfte, um politische Verbesserungen, ein stabiles makroökonomisches Klima, erweiterte Finanzmärkte und einen geringeren Schuldenüberhang zu erreichen.
Privatunternehmen, die öffentliche Vermögenswerte erworben haben, sollten gesetzlich dazu verpflichtet werden, diese Unternehmen zu rekapitalisieren. Neue Aktien sollten für Inländer reserviert werden, um die Repatriierung von Privatkapital zu fördern. Kapitalkontrollen und steuerliche Anreize helfen dabei, legitimes Privatkapital im Land zu binden und inländische Investitionen zu fördern.
Das sind die wesentlichen Voraussetzungen für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum in der Region. Der Hausverstand sagt einem, dass die OECD-Länder, der IWF und die Weltbank ihre zweifelhafte Komplizenschaft mit den Führern in Afrika südlich der Sahara abzubrechen haben und politische Strategien unterstützen sollen, die den langfristigen Interessen des Westens und der Welt dienen.
Es wäre unklug, das negative Investitionsklima zu ignorieren. Laut New York Times , die amerikanische Militärvertreter zitiert, wird sich die Sahara zu einem „neuen Afghanistan“ entwickeln. Neben den Terrorangriffen in Kenia, Tansania, Tunesien und Marokko hat diese Bedrohung die Regierung Bush dazu veranlasst, in der Region Militärstützpunkte zu installieren. Allerdings kann nur eine Politik der sozialen Gerechtigkeit und der wirtschaftlichen Entwicklung zum endgültigen Sieg im Kampf gegen den Terrorismus führen.
Tony Blair ist Amerikas engster Verbündeter im „Krieg gegen den Terror“. Auch er ist der Ansicht, dass die Bedingungen in Afrika eine „Wunde im Gewissen der Welt“ sind. Daher hat er eine Kommission für Afrika eingerichtet, die den G8 Bericht erstatten wird. Aber neben den verzerrenden Handelsbedingungen, sollten Blair und andere westliche Staats- und Regierungschefs den skandalösen „Round-tipping“- oder „Back-to-back“-Krediten einen Riegel vorschieben und die von afrikanischen Führern und deren westlichen Freunden veruntreuten Mittel zurückerstatten.


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