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Stagnation und Paralyse

MAILAND: Die jüngsten dramatischen Kursstürze an den weltweiten Aktienmärkten sind eine Reaktion auf das Zusammenspiel zweier Faktoren: den wirtschaftlichen Rahmendaten und den politischen Reaktionen – oder vielmehr, dem Mangel an politischen Reaktionen.

Zunächst einmal zu den Rahmendaten. Die Wachstumsraten in den USA und Europa sind niedrig und liegen sogar noch deutlich unter den jüngsten Erwartungen. Das niedrige Wachstum hat die Aktienbewertungen hart getroffen, und beiden Volkswirtschaften droht ein erheblicher Konjunkturabschwung.

Eine Verlangsamung in einer von beiden wird zwangsläufig eine Verlangsamung in der anderen hervorrufen – und auch in den wichtigen Schwellenvolkswirtschaften, die bisher angesichts der lustlosen Entwicklung in den hoch entwickelten Volkswirtschaften ein hohes Wachstum aufrechterhalten konnten. W-förmigen Rezessionen in Amerika und Europa werden die Schwellenländer nicht widerstehen können: Steile Rückgänge bei der Nachfrage aus den hoch entwickelten Ländern können sie, ungeachtet der gesunden Bilanzen ihrer öffentlichen Sektoren, allein nicht ausgleichen.

Der Ausfall der amerikanischen Binnennachfrage spiegelt steigende Ersparnisse, Bilanzschäden im Haushaltssektor, Arbeitslosigkeit und Haushaltsnöte wider. Daher können der große Sektor für nicht handelbare Güter und der Anteil der Binnennachfrage am Sektor für handelbare Güter nicht als Wachstums- und Beschäftigungsmotoren dienen. Damit ruht die Last auf den Exporten – Waren und Dienstleistungen, die an die Wachstumsregionen der Weltwirtschaft (zumeist die Schwellenvolkswirtschaften) verkauft werden. Und eine Stärkung des US-Exportsektors erfordert die Überwindung einiger wichtiger Struktur- und Wettbewerbsbarrieren.

Was die Welt derzeit erlebt, ist eine korrelierte Wachstumsverlangsamung in den hoch entwickelten Ländern (mit ein paar Ausnahmen) und allen systemisch wichtigen Teilen der Weltwirtschaft, möglicherweise einschließlich der Schwellenvolkswirtschaften. Und der Rückgang der Aktienkurse auf einen Stand, der die wirtschaftlichen Rahmendaten in realistischerer Weise widerspiegelt, wird Gesamtnachfrage und Wachstum weiter schwächen. Daher die steigende Gefahr eines starken Abschwungs – und zusätzlicher Haushaltsnöte. Im Verbund sollten diese Faktoren eine Korrektur der Vermögenspreise herbeiführen, die diese an die revidierten Erwartungen über die mittelfristigen weltwirtschaftlichen Aussichten anpasst.

Doch die Lage ist bedrohlicher, als eine größere Korrektur es wäre. Selbst angesichts angepasster Erwartungen ist ein wachsender Vertrauensverlust der Anleger in Bezug auf die Zulänglichkeit der politischen Reaktion in Europa und den USA (und in geringerem Maße in den Schwellenvolkswirtschaften) zu verzeichnen. Klar scheint inzwischen, dass die strukturellen und bilanziellen Wachstumshindernisse konsequent unterschätzt wurden. Deutlich weniger klar jedoch ist, ob Regierungsvertreter die Fähigkeit zur Ermittlung der entscheidenden Fragen und den politischen Willen zu ihrer Lösung haben.

In Europa steigen derzeit die Risikoaufschläge für italienische und spanische Staatsanleihen. Die Zinsen liegen für beide Länder bei 6-7% (was allgemein als Gefahrenzone angesehen wird). Im Verbund mit den niedrigen und weiter abnehmenden Wachstumsaussichten ihres BIP drückt die Schuldenlast beide Länder zunehmend ausreichend stark, um die Frage aufzuwerfen, ob sie die Lage stabilisieren und aus eigener Kraft wieder Wachstum erreichen können.

Italien und Spanien zeigen das volle Ausmaß der Verletzlichkeit Europas. Wie im Falle Griechenlands, Irlands und Portugals versagt die Euromitgliedschaft Italien und Spanien die politischen Instrumente der Abwertung und der Inflation. Doch der sinkende Wert ihrer Staatsschuld – und das Ausmaß dieser Schulden im Vergleich zu denen der kleineren ausfallbedrohten Länder Europas – impliziert eine sehr viel größere Erosion der Kapitalbasis der Banken, was das zusätzliche Risiko von Liquiditätsproblemen und weiteren wirtschaftlichen Schäden aufwirft.

Im nationalen Blickpunkt stand in Europa bisher der Defizitabbau. Auf eine mittelfristige Stärkung des Wachstums zielenden Reformen oder Investitionen wurde kaum Beachtung geschenkt. Auf EU-Ebene gibt es bisher keine ergänzende politische Antwort, um den Teufelskreis aus steigenden Zinsen und Wachstumshemmnissen, mit dem Italien und Spanien jetzt konfrontiert sind, zu durchbrechen.

Zu Stabilisierung der Lage bedarf es glaubwürdiger nationaler und EU-weiter politischer Strategien. Beides bleibt bisher aus. Die jüngste Volatilität an den Märkten ist teilweise eine Reaktion auf die manifeste Zunahme der von politischer Paralyse oder Verdrängung ausgehenden Risiken.

Seitens der USA wurde die Integrität der Staatsschuld zu lange offen gehalten. Während dieses monatelangen politischen Eiertanzes entwickelten sich US-Schatzanleihen zu einer riskanteren Anlage. Dann, als das unmittelbare Verzugsrisiko behoben war, stürmte das Geld aus riskanteren Anlagen in Schatzanleihen, um dort ein Ende der schlechten Wirtschaftsnachrichten abzuwarten – vor allem des kraftlosen und weiter nachlassenden Wachstums, der stagnierenden Beschäftigungszahlen und fallenden Aktienkurse.

Es gibt in der innenpolitischen Debatte Amerikas kaum Hinweise auf eine praktikable Wachstums- und Beschäftigungsstrategie. Fairerweise muss gesagt sein, dass manche glauben, eine Haushaltsreduzierung sei eine ausreichende Wachstumsstrategie. Aber das ist weder die Sicht der Mehrheit noch die von den Märkten reflektierte Sichtweise.

Struktur- und Wettbewerbshemmnisse für mehr Wachstum wurden bisher überwiegend ignoriert. Kaum jemand erkennt an, dass die nationale Gesamtnachfrage nur durch Wachstum wieder auf Vorkrisenniveau zurückgeführt werden kann. Tatsächlich steigt die Sparquote der privaten Haushalte weiter.

Die Einzelheiten mögen an den Wählern und einigen Investoren vorbeigehen, aber im Blickpunkt der Politik steht nicht die mittel- bis langfristige Wiederherstellung von Wachstum und Beschäftigung. Tatsächlich besteht eine tiefe Unsicherheit, ob und wann diese Notwendigkeiten ins Zentrum der politischen Tagesordnung rücken werden.

In den Schwellenvolkswirtschaften andererseits ist die Inflation eine Herausforderung, doch die Hauptgefahr für das Wachstum geht von den Problemen der hoch entwickelten Länder aus. Zudem bedarf es Reformen und großen strukturellen Veränderungen, um das Wachstum aufrechtzuerhalten, und diese könnten in einer sich verlangsamenden Weltwirtschaft zurückgestellt werden oder sich verzögern.

Die Neubestimmung der Vermögenspreise in Anpassung an realistische Wachstumsaussichten ist vermutlich nichts Schlechtes, obwohl sie kurzfristig zu einem Nachfrageausfall führen wird. Aber Unsicherheit, mangelndes Vertrauen und politische Lähmung oder Selbstblockade könnten leicht dazu führen, dass die Wertvernichtung zu weit fortschreitet und dabei allen Teilen der Weltwirtschaft umfassende Schäden zufügt.

Dieses etwas düstere Bild könnte sich ändern, aber vermutlich nicht kurzfristig. Eine Rückkehr zur Stabilität ist möglich, aber nicht, bevor sich die Innenpolitik in den hoch entwickelten Ländern – zusammen mit der internationalen politischen Koordinierung – glaubwürdig in Richtung der Wiederherstellung eines Musters inklusiven Wachstums bewegt und die Haushaltsstabilisierung auf eine Weise durchgeführt wird, die Wachstum und Beschäftigung stützt.

Kurz gesagt stehen wir vor zwei sich gegenseitig beeinflussenden Problemen: einer Weltwirtschaft, die den Kampf um die Wiederherstellung des Wachstums verliert, und dem Fehlen einer glaubwürdigen politischen Reaktion hierauf. Zu viele Länder scheinen sich mehr auf die politischen Auswirkungen zu konzentrieren als auf die wirtschaftliche Entwicklung. Die Märkte halten diesen Fehlern und Risiken lediglich einen Spiegel vor.

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