Wednesday, April 23, 2014
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Wenn Staaten bereuen

PARIS – Die nationale Reue ist wieder in den Nachrichten, wie schon so oft in den letzten Jahren. 2008 entschuldigte sich der damalige australische Premierminister Kevin Rudd bei den Aborigines seines Landes, und vor ein paar Monaten machte Königin Elizabeth II in Irland eine bewegende Geste der Entschuldigung. Und der französische Präsident Nicolas Sarkozy wiederholte gerade bei einem Besuch im Kaukasus seine Empfehlung an die Türkei, die Massaker des zerfallenden ottomanischen Regimes an den Armeniern im Jahr 1915 zu “bereuen”..

Natürlich wäre Sarkozy überrascht, wenn man ihm sagen würde, dass sich dieser Logik zufolge ebenso die Franzosen bei Algerien entschuldigen müssten. Ganz zu schweigen von den algerischen Soldaten, den sogenannten “Harkis”, die unter französischer Flagge kämpften und von denen, nachdem die Franzosen Algerien eilig verlassen hatten, viele einem furchtbaren Schicksal entgegen sahen. Diejenigen von ihnen, die überlebten und über das Mittelmeer fliehen konnten, wurden von den Franzosen in trostlose Ghettos abgeschoben.

Für viele politische Führer und Analytiker ist Reue ein unangemessener und exzessiver Ausdruck von Empfindsamkeit. Sie sind der Ansicht, dass die Geschichte nun einmal hart ist. Wo sollte man auch mit dem Entschuldigen anfangen – oder aufhören? Sollte man sich für die Kreuzzüge entschuldigen, oder für die Zerstörung deutscher Städte durch die Armeen König Louis XIV. im 17. Jahrhundert, ganz zu schweigen von den Armeen Napoleons? Würde das nicht bedeuten, die Geschichte in einen ständigen Kreislauf von Entschuldigungen zu verwandeln?

Dennoch kann Reue in einem globalisierten Zeitalter der Transparenz und gegenseitigen Abhängigkeit als Instrument guter Staatsführung angesehen werden. Ein Land, das den Teppich des Mythos und der Gleichgültigkeit anhebt, unter den die negativen Aspekte seiner Vergangenheit gekehrt wurden, kommt mit sich selbst und anderen besser zurecht.

Japan hat den Umgang mit seinen asiatischen Nachbarn nie so gut gelernt wie Deutschland den Umgang mit seinen zukünftigen europäischen Partnern nach dem Zweiten Weltkrieg. Dies liegt hauptsächlich daran, dass die japanischen Entschuldigungen, wenn sie überhaupt stattfanden, als formalistisch und halbherzig erschienen. Die Europäische Union existiert (trotz ihrer momentanen Schwierigkeiten), weil Deutschland um Verzeihung gebeten hat. Und Deutschland ist heute in der Lage, sich – ansatzweise – von der aktuellen israelischen Regierung zu distanzieren, da die Deutschen sich stärker als viele ihrer Nachbarn mit ihrer Vergangenheit konfrontiert haben.

Nachdem man um Verzeihung gebeten hat, kann man mit dem “Anderen” mit der Eindeutigkeit und Freiheit sprechen, die zum Ausdruck der Wahrheit nötig ist. Der ehemalige französische Präsident Jacques Chirac eroberte sich einen Platz in der französischen Geschichte, indem er Frankreichs Verantwortlichkeit für die Verbrechen der kollaboristischen Vichy-Regierung gegen ihre jüdischen Bürger während der Nazi-Besatzung anerkannte. Das Märchen von General Charles de Gaulle und François Mitterrand, dass “Vichy nicht Frankreich ist”, wurde endlich begraben.

Welcher französische Präsident wird mutig genug sein, sich bei Algerien und den Harkis zu entschuldigen? Natürlich sind die französischen Verbrechen während des algerischen Unabhängigkeitskrieges mit denen von Nazideutschland weder im Umfang noch von den Motiven her vergleichbar. Man kann argumentieren, dass Frankreich während der Kolonialzeit nicht nur die Größe Frankreichs, sondern auch das Glück der Algerier im Sinn hatte. In diesem Fall aber waren es die Franzosen, die “Glück” definierten, ohne die Algerier nach ihrer Meinung oder gar Zustimmung zu fragen.

Kann Frankreich heute, wo es die progressiven Kräfte des “arabischen Frühlings” fördert – politisch und sogar militärisch, wie in Libyen – weiterhin eine scheinheilige Einstellung zu Algerien aufrecht erhalten und damit für das Schweigen über die Vergangenheit einen hohen Preis zahlen? Um Vergebung zu erreichen, muss sich die stärkste Partei zuerst entschuldigen. Und Demokratie ist ein entscheidender Bestandteil dieser Stärke, da sie die beste Grundlage für die verantwortliche Vermittlung historischer Ehrlichkeit darstellt.

Natürlich sollte man sich nicht zu viele Illusionen machen. Die momentane algerische Regierung ist sehr zufrieden damit, Frankreich anzuprangern, und lässt sich möglicherweise durch nichts, was die frühere Kolonialmacht tut oder sagt, davon abbringen.

Aber das sollte kein Alibi dafür sein, nichts zu tun. Im Juli 2012 feiern Frankreich und Algerien den 50. Geburtstag der algerischen Republik. Direkt nach den nächsten französischen Präsidentschaftswahlen bietet dieses Ereignis Sarkozy oder seinem Nachfolger eine ideale Gelegenheit zu einem symbolischen Akt der Reue. Solch eine Geste würde Frankreich nach außen hin stärken und seinen Bürgern algerischer Abstammung helfen, von denen sich einige aufgrund ihrer Schwierigkeiten mit ihrer doppelten Identität dem fundamentalistischen Islam zugewandt haben.

Reue ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil, sie ist ein Ausdruck ruhiger und gewissenhafter Stärke – und eine Voraussetzung für gute und realistische Staatsführung.

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