Search
Weekly Series
Monthly Series
Thought Leaders
Global Perspectives
International Insight
Mind and Matter
Home / Commentaries / Im Kampf gegen Wörter und falsche Versprechen
Article available in: English Spanish Russian French German Czech Chinese Arabic

Im Kampf gegen Wörter und falsche Versprechen

by George Soros

Seit fast fünf Jahren erweist sich der “Krieg gegen den Terror” als falsche Metapher, die zu einer kontraproduktiven und aussichtslosen Politik geführt hat. Eine irreführende rhetorische Figur ist buchstäblich zur Anwendung gekommen, um einen realen Krieg an mehren Fronten zu entfesseln, einschließlich Irak, Gaza, Libanon, Afghanistan und Somalia. Tausende unschuldiger Zivilisten sind zur Entrüstung von Millionen von Menschen weltweit getötet worden.

Wie der jüngste geplante Anschlag, Verkehrsflüge aus London mit dem Ziel Vereinigte Staaten in die Luft zu sprengen gezeigt hat, ist Al-Qaida dennoch nicht unter Kontrolle gebracht worden. Dieser Plan, der mehr Opfer hätte fordern können als die Angriffe vom 11. September, wurde durch die Wachsamkeit des britischen Geheimdienstes vereitelt. Es wird sicher nicht der letzte sein.

Bedauerlicherweise hat die amerikanische Öffentlichkeit die Kriegsmetapher als die naheliegende Reaktion auf den 11. September unkritisch akzeptiert. Sogar jetzt noch, in einer Zeit, in der weithin zugegeben wird, dass die Invasion des Irak ein grober Fehler war, bleibt der “Krieg gegen den Terror” der Rahmen, in den die amerikanische Politik hineinpassen muss. Aus Angst als schwach in Sachen Verteidigung abgestempelt zu werden, schließen sich dem auch die meisten Politiker der Demokratischen Partei an.

Doch die anhaltende Unterstützung für den Krieg gegen den Terror macht ihn nicht weniger aussichtslos. Seinem ureigenen Wesen nach bringt Krieg unschuldige Opfer mit sich und das sogar noch wahrscheinlicher, wenn er gegen Terroristen geführt wird, denn Terroristen haben das Bestreben, ihren Aufenthaltsort im Verborgenen zu lassen. Das Sterben, die Verletzungen und die Demütigung von Zivilisten führen zu Wut und Verbitterung in ihren Familien und Gemeinden, was wiederum der Unterstützung für Terroristen neuen Auftrieb verleiht.

Hinzukommt, dass Terrorismus eine Abstraktion ist, die alle politischen Bewegungen, die terroristische Taktiken anwenden, über einen Kamm schert. Al-Qaida, Hamas, Hisbollah und der sunnitische Aufstand und die Mahdi-Armee im Irak sind sehr unterschiedliche Kräfte, aber Präsident George W. Bushs globaler Krieg gegen den Terror hindert uns daran, zwischen ihnen zu differenzieren und uns dementsprechend mit ihnen zu befassen. Er verhindert dringend notwendige Verhandlungen mit Iran und Syrien, da diese Staaten Terroristengruppen unterstützen.

Wie die Briten gezeigt haben befasst sich am besten ein guter Geheimdienst mit Gruppen wie Al-Qaida. Der Schwerpunkt des Krieges gegen den Terror auf Kampfmaßnahmen steigert die terroristische Bedrohung lediglich und erschwert die Aufgaben der Nachrichtendienste. Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri sind nach wie vor auf freiem Fuß, und wir müssen uns darauf konzentrieren sie zu finden, wenn wir Angriffe, wie den, der in England vereitelt wurde, verhindern wollen.

Schlussendlich treibt der Krieg gegen den Terror einen Keil zwischen “uns” und “sie”. Wir sind unschuldige Opfer; sie sind Täter. Während wir scheinbar nicht bemerken, dass wir dabei ebenfalls zu Tätern werden, nimmt ein großer Teil der restlichen Welt dies sehr wohl wahr – eine Lücke in der Wahrnehmung, die Amerikas internationale Glaubwürdigkeit und sein Ansehen stark geschwächt haben.

Zusammengenommen sorgen diese Faktoren dafür, dass der Krieg gegen den Terror nicht gewonnen werden kann. Im Gegenteil, ein endloser Krieg, geführt gegen einen unsichtbaren Feind, fügt nicht nur unserer Autorität und unserem Prestige in der Welt großen Schaden zu, sondern auch unserer eigenen Gesellschaft. Er hat zu einer gefährlichen Ausweitung der ausübenden Gewalt geführt, ein dunkles Licht auf unseren Umgang mit der Einhaltung der universellen Menschenrechte geworfen und den entscheidenden Prozess blockiert, der den Kern einer offenen Gesellschaft bildet. Er hat zudem eine Menge Geld gekostet. Am wichtigsten ist, dass der Krieg gegen den Terror die Aufmerksamkeit von anderen dringenden Aufgaben ablenkt, die die Führungskraft der Amerikaner erfordern, wie etwa den Auftrag zu beenden, den wir ganz richtig in Afghanistan begonnen haben, die sich abzeichnende weltweite Energiekrise anzugehen und sich mit der Verbreitung von Atomwaffen zu befassen.

Mit dem Einfluss der Amerikaner auf einem Tiefstand ist die Welt in Gefahr in einen Teufelskreis eskalierender Gewalt zu geraten. Wir können dem nur entkommen, wenn wir Amerikaner den Krieg gegen den Terror als eine falsche Metapher zurückweisen.

Wenn wir an unserem derzeitigen Kurs festhalten, wird sich die Situation weiter verschlimmern. Nicht unser Wille wird auf die Probe gestellt, sondern unser Verständnis der Realität. Es ist schmerzhaft sich einzugestehen, dass die schwierige Lage, in der wir uns befinden, durch unsere eigenen falschen Vorstellungen verursacht wurde. Es nicht zuzugeben wird sich jedoch auf lange Sicht zwangsläufig als noch schmerzhafter erweisen. Die Stärke einer offenen Gesellschaft liegt in ihrer Fähigkeit, ihre Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Das ist die Probe, der wir uns jetzt stellen müssen.

George Soros, ein Finanzier, ist Autor des Buches: “The Age of Fallibility: Consequences of the War on Terror”.

Der Nachdruck von auf dieser Website veröffentlichen Materialien ohne schriftliche Einwilligung durch Project Syndicate stellt eine Verletzung internationalen Urheberrechts dar. Um eine entsprechende Nutzungsbewilligung einzuholen, wenden Sie sich bitte an distribution@project-syndicate.org.