Friday, April 25, 2014
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Somalia: Hölle ohne Ende

Somalias interner Konflikt wird durch eine brandgefährliche Mischung aus Religion, Politik und Klanrivalität angeheizt. Täglich werden in Mogadischu Zivilisten getötet; es gibt am Straßenrand platzierte Sprengbomben und Mörserangriffe, und Politiker und Journalisten sind Ziele. Was das Ganze noch schlimmer macht: Das Land leidet in diesem Jahr sowohl unter Überflutungen wie unter Dürre.

Diese Verbindung aus Unsicherheit und Naturkatastrophen hat dazu geführt, dass eine enorme Zahl von Menschen heimatlos geworden ist, und hat ein Ausmaß an Leid verursacht, das zu betrachten schmerzt. Laut den aktuellsten Zahlen der Vereinten Nationen sind inzwischen 400.000 Menschen – rund ein Drittel der Bevölkerung Mogadischus – aus der Stadt geflohen.

Trotzdem gelangt Somalia selten in die Schlagzeilen. Zum Teil spiegelt dies die Tatsache wider, dass das Sammeln von Nachrichten nahezu unmöglich ist. Nur wenige ausländische Journalisten wagen sich ins Land – es ist zu schwierig und zu gefährlich für sie, dort zu arbeiten –, und die örtlichen Reporter werden von den Behörden schikaniert. Und selbst wenn es tatsächlich einmal Nachrichten zu vermelden gibt, ist die Fähigkeit der Welt, schlimme und traurige Geschichten aus einem weiteren infernalischen Ort aufzunehmen, begrenzt.

Seit Dezember letzten Jahres befindet sich Somalia de facto im Bürgerkrieg. Die von der UNO, der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten unterstützte weltliche Regierung bekämpft dort mit Hilfe äthiopischer Truppen Aufständische der Union islamischer Gerichte – einer Gruppe, der vorgeworfen wird, dass sie zur al-Qaeda gehörenden Terroristen Unterschlupf gewährt und deren Führer von Eritrea unterstützt werden.

Gesetzlosigkeit und Unsicherheit machen eine politische Lösung nahezu unmöglich. Als die Ortsältesten und andere Delegierte in Mogadischu zu einer Versöhnungskonferenz zusammenkommen wollten, zwang sie die Sicherheitslage, die Konferenz um mehrere Monate zu verschieben (obwohl sie, als sie später tatsächlich in großer Zahl und über einen langen Zeitraum tagten, keinen Durchbruch erzielen konnten).

Einem Flugzeug mit dem UNO-Gesandten für Menschenrechte an Bord wurde vor nicht allzu langer Zeit in Baidoa (Sitz des somalischen Parlaments) die Landeerlaubnis verweigert, und Piloten weigern sich manchmal, Ausländer nach Mogadischu zu fliegen, weil es zu gefährlich ist. Dieselbe Unsicherheit gilt auch für Hilfslieferungen: Bei einem kürzlich erfolgten Besuch in Nordsomalia zur Beurteilung humanitärer Hilfsanforderungen verwandte eine Arbeitsgruppe des International Rescue Committee, der ich angehörte, mehr Zeit, Mühe und Geld auf Sicherheitsfragen als auf die Untersuchung von Brunnen und die Bewertung der Notwendigkeit von Latrinen, obwohl Wassermangel und fehlende Hygiene akute Probleme darstellen.

Auf einem 40 km langen Straßenabschnitt zwischen den Städten Kismayo und Jilib im Süden des Landes gibt es mindestens 35 Kontrollpunkte, an denen Bewaffnete vorbeikommenden Reisenden jeweils zwischen 50 und 200 Dollar abnehmen. Vor der Küste werden Hilfstransporte per Schiff durch Piraten ernsthaft behindert.

Ein Vorfall im südlichen Somalia belegt eindringlich, wie die Unsicherheit die humanitäre Arbeit beeinträchtigen kann. Während unser Prüfteam sich in der Stadt Marare aufhielt, verwandelte sich eine banale Kulisse, in der zwei Freunde zwischen 20 und 30 Jahren zusammen frühstückten, in eine Tragödie, als einer der jungen Männer seine Kalaschnikow falsch handhabte und den Freund versehentlich tötete.

Die jungen Männer stammten aus demselben Klan, doch leider aus unterschiedlichen Untergruppen des Klans. Das übliche Verfahren besteht darin, dass die Familie des Opfers jemanden aus der Klangruppe des Täters töten darf. Die Ältesten beider Klangruppen verbrachten vier Tage damit, eine weniger blutige Lösung auszuhandeln, und schließlich wurde ein Preis von 100 Kamelen – im Wert von 7.000 Dollar – als Entschädigung vereinbart und gezahlt. Doch während dieser vier Tage wurde die Arbeit im örtlichen Krankenhaus behindert, da alle Mitarbeiter, die der Klangruppe des Täters angehörten, aus Angst vor einem Rachemord der Arbeit fernblieben.

Das von diesem Unfall ausgehende Dilemma ist für Ausländer nicht leicht zu begreifen. Doch die Art und Weise, in der die Ältesten eine gewalttätige Lösung vermieden, ist ein bewundernswertes Beispiel guter Regierungsführung.

Es wäre zu wünschen, dass derartige Praktiken Anwendung fänden, um die große Mehrzahl der Somalia überschwemmenden Probleme zu lösen. In diesem sprichwörtlichen „gescheiterten Staat“ könnte diese Art von Weisheit seitens der Ältesten die einzige Möglichkeit darstellen, um zu beginnen, den Sumpf der Gesetzlosigkeit, der das Land seit dem Sturz des Diktators Said Barre 1991 umschlungen hält, trockenzulegen.

Die Situation in Somalia zu ignorieren und keinen Versuch zur Wiederherstellung von Recht und Ordnung zu machen, ist keine Alternative. Die beiden einander in Mogadischu kämpfenden Hauptgruppierungen werden von Äthiopien bzw. Eritrea unterstützt. Da zwischen diesen beiden Staaten – die zu den ärmsten in Afrika gehören – ein bisher nicht beigelegter Grenzdisput steht, der in den Jahren 1998-2000 zu einem Krieg führte, in welchem auf beiden Seiten Zehntausende starben, und weil die Feindseligkeiten in der Gegend andauern, kann ihr Engagement (über ihre Stellvertreter) im somalischen Bürgerkrieg gravierende Auswirkungen auf das gesamte Horn von Afrika haben.

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