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Kleine Volkswirtschaften, große Probleme und globale Verflechtung

WASHINGTON – Griechenlands Bruttoinlandsprodukt stellt mit seinen ca. 300 Milliarden US-Dollar ungefähr 0,5 Prozent der Weltproduktion dar. Die Staatsverschuldung in Höhe von 470 Milliarden US-Dollar ist relativ groß im Verhältnis zur Größe der griechischen Wirtschaft, beträgt aber weniger als ein Prozent der globalen Verschuldung –  weniger als die Hälfte davon wird von privaten (hauptsächlich griechischen) Banken gehalten. Barclays Capital schätzt, dass nur einige global relevante ausländische Banken etwa zehn Prozent ihres Kernkapitals in griechischen Staatsanleihen halten, ein Großteil besitzt wesentlich weniger.

Auf dem Papier also dürfte Griechenland keine systemrelevante Wirtschaft sein. Aber es gibt verschiedene Gründe, warum die Griechenlandkrise erhebliche Nebenwirkungen haben könnte. Zudem ist Griechenland kein Einzelfall.

Zunächst einmal gibt es im Falle Griechenlands die Angst davor, dass sich andere wirtschaftlich kränkelnde europäische Länder wie Portugal und Irland oder sogar Spanien oder Italien anstecken. Es gibt zudem substanzielle Investitionen amerikanischer Geldmarktfonds in Anlageinstrumente, die von einigen der gefährdeten Banken herausgegeben wurden.

Dann wären da noch die verschiedenen Derivate wie die so genannten Credit Default Swaps (CDS), Kreditausfallversicherungen, über die sich Banken, die griechische Schuldpapiere halten, gegen eine Zahlungsunfähigkeit abgesichert haben. Konzentrieren sich die CDS bei bestimmten Finanzinstituten, könnten diese einem Risiko ausgesetzt sein – mehr noch als die Hauptkäufer der griechischen Schuldenpapiere selbst. Aber niemand weiß, wer wie viele dieser Derivate hält, und ob sie das Risiko mindern oder vergrößern, denn CDS werden nicht transparent an offenen Börsen gehandelt.

Schließlich bringen Griechenlands Schwierigkeiten auch Probleme beim Management des Euro sowie möglicherweise ungeordnetes Verhalten auf den Devisenmärkten mit sich. All dies kann die Ungewissheit verstärken und den bereits schwächelnden globalen Aufschwung beeinträchtigen. Eine Erholung Griechenlands ist also von enormer globaler Bedeutung.

In diesem Zusammenhang müssen wir einen völlig anderen Fall begutachten: den Jemen. Griechenland und der Jemen haben auf den ersten Blick  keine Gemeinsamkeiten, außer der Diskrepanz zwischen ihrer Bedeutung und  möglichen Folgewirkungen. Das Bruttoinlandsprodukt des Jemen beträgt nur zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes von Griechenland und steht für 0,05 Prozent der globalen Produktion. Seine Wirtschaft ist nicht wesentlich in das internationale Finanzsystem eingebunden.

Aber die Bevölkerung des Jemen ist fast so groß wie die Saudi Arabiens, und die Grenze ist schwierig zu kontrollieren. Chaos im Jemen, gepaart mit der wachsenden Stärke der Extremisten, könnte Saudi Arabien ernsthaft destabilisieren und die Ölproduktion gefährden. Dann kann der Ölpreis auf 150 Dollar pro Barrel und mehr steigen und der Weltwirtschaft einen harten Schlag versetzen.

Man kann andere, ähnliche Beispiele finden. Die Asienkrise 1997 begann in Thailand – auch keine bedeutende Volkswirtschaft. Die starken Handels-, Finanz- und Rohstoffvernetzungen, die sich in der Weltwirtschaft herausgebildet haben, machen viele eigentlich kleine Länder oder Probleme zu globalen Systemrisiken.

Die Konsequenzen für die Regelung der globalen Wirtschaft müssen verstanden und angegangen werden. Beim Gipfel der G 20 in Seoul im November 2010 haben die versammelten Staats- und Regierungschefs den Internationalen Währungsfonds aufgefordert, mit dem Finanzstabilitätsforum zusammen ein Frühwarnsystem für globale Finanzrisiken einzurichten und die Auswirkungen auf „große Volkswirtschaften“ (China, USA, Vereinigtes Königreich, Japan und die Eurozone) zu analysieren.

Die Berichte über die Auswirkungen werden gerade vom Vorstand des IWF diskutiert. Der Geschäftsführer des Fonds wird dem Internationalen Währungs- und Finanzausschuss im September bei einem Treffen der IWF-Mitgliedsstaaten einen umfassenden Bericht vorlegen.

Wird dieser Schritt ernst genommen, würde er eine tiefere Analyse der wechselseitigen Abhängigkeiten in der Weltwirtschaft ermöglichen. Er könnte auch die Legitimität des IWF als Institution stärken, die damit nicht nur in Bezug auf ihre Mitglieder global wäre, sondern auch in der Behandlung verschiedener Arten von Mitgliedern. Solange die makroökonomische Überwachungsfunktion des IWF lediglich den Entwicklungsländern galt und die G 7 und andere reiche Länder einem ernsthaften Überwachungsprozess ausweichen konnten, konnte der Fonds nicht als fair und unparteiisch wahrgenommen werden.

Wie die beiden Beispiele zeigen, leitet sich eine systemrelevante Bedeutung nicht allein von der Größe ab. Wichtig sind die wechselseitigen Abhängigkeiten, die ein bestimmtes Land, eine bestimmte Institution oder Institutionen (zum Beispiel Lehman Brothers und AIG) mit der Weltwirtschaft verbinden.

Teil einer Überwachung systemrelevanter Risiken muss die  unaufgeforderte Prüfung und Analyse dieser wechselseitigen Abhängigkeiten sein sowie eine Vorstellung vom Unvorstellbaren sein. Denn schließlich wissen wir jetzt nur zu gut, dass systemrelevante Risiken dort auftreten können, wo man sie am wenigsten erwartet.

Die gegenseitige Abhängigkeit ist viel komplexer geworden als noch vor einem Jahrzehnt. Der IWF muss ermächtigt werden, die entstandenen makroökonomischen und makrofinanziellen Risiken zu analysieren, ein Frühwarnsystem einzurichten und mögliche politische Präventivmaßnahmen vorzuschlagen. Die fast universale Mitgliedschaft des Fonds und die fachliche Qualifikation seiner Mitarbeiter sollte ihn befähigen, eine effektive multilaterale Analyse vorzunehmen, vorausgesetzt, er beschleunigt seine eigenen Reformen in Sachen Unternehmensführung, so dass die Überprüfung als eine Maßnahme wahrgenommen wird, die in jedermanns Interesse liegt.

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