Against the Current
Neubewertung der iranischen Nuklearbedrohung
Robert Skidelsky
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Wäre es eine große Katastrophe, wenn der Iran in den Besitz von Atomwaffen käme? Als gewohnheitsmäßiger Nonkonformist stelle ich diese Frage, weil fast jeder dies zu glauben scheint und meint, es müsse um jeden Preis verhindert werden. Aber stimmt es?
Der ehemalige US-Botschafter bei den Vereinten Nationen John Bolton erklärte im April: „Wenn wir vor die Wahl gestellt sind, [den Iran] weiter Fortschritte [in Richtung der Atombombe] machen zu lassen oder Gewalt einzusetzen, so stehen wir meiner Meinung an einem ähnlichen Punkt wie beim Einmarsch Hitlers ins Rheinland.“ Auch Bush hat den iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad mit Hitler verglichen.
Doch ziehen diese so genannten Staatsmänner nie in Betracht, was wohl passiert wäre, wenn Deutschland und Großbritannien 1939 beide Atomwaffen gehabt hätten. Wäre Hitler, so schlecht er auch war, in den Krieg gezogen, wenn er sich der sicheren Bedrohung völliger Vernichtung gegenübergesehen hätte? Haben wir alle die Theorie der Abschreckung vergessen?
Natürlich wäre die Welt sicherer, wenn der Iran keine Atomwaffen hätte – nicht, weil er ein „Schurkenstaat“ ist, sondern weil jede Verbreitung von Atomwaffen die Welt unsicherer machen dürfte. Und aus diesem Grund lohnt es sich, weiter alle Anstrengungen zu unternehmen, um den Iran davon abzubringen, die nukleare Route einzuschlagen.
Aber man stelle sich vor, es wird klar, dass der Iran dem Westen etwas vormacht und bloß auf Zeit spielt, um eine Bombe zu bauen und ein Abschusssystem zu entwickeln, um Israel zu treffen. Würde das einen militärischen Präventivschlag rechtfertigen, so wie ihn bestimmte Kreise in Israel und den USA befürworten?
Eine Militärintervention im Iran könnte zwei Resultate haben. Der Iran könnte in friedlicher Weise nachgeben, wie Libyen es tat, als Amerika das Land bombardierte, oder er könnte sich in einen zweiten Irak verwandeln. Mein eigener Instinkt sagt mir, dass sie eine Folge unkontrollierbarer Ereignisse in Gang setzen würde. Sie würde einen bereits jetzt schwelenden Teil der Welt vollends in Brand setzen – mit dem zusätzlichen Risiko eines weltwirtschaftlichen Zusammenbruchs, falls es zu einer Blockade der Straße von Hormus käme, durch die ein Fünftel bis ein Drittel des weltweiten Öls befördert wird. Geht man von dieser Ansicht aus, so müsste Amerika, falls es entschlossen ist, Gewalt einzusetzen, um zu verhindern, dass der Iran Atommacht wird, ein mehr oder weniger permanentes Imperium im Nahen Osten errichten.
Es ist mit dem Ziel der Vermeidung dieser imperialistischen Logik, dass vernünftige Amerikaner wie Henry Kissinger und George Shultz den Traum einer atomwaffenfreien Welt wiederbelebt haben. Diese wurde erstmals 1945 im Rahmen des Baruch-Plans vorgeschlagen, und mit der zunehmenden Zahl der Atommächte sind immer wieder unterschiedliche Versionen dieses Plans aufgetauscht. Die zentrale Idee der Kissinger-Initiative besteht aus einer umfangreichen Verringerung der Nukleararsenale der USA und Russlands, gestützt durch verbesserte Sicherheitsvorkehrungen für spaltbares Material, ein aggressiveres Inspektionsregime für die Nuklearmächte und die Unterstützung ziviler Nuklearprogramme.
Ein besseres System zur Rüstungsbeschränkung würde es Staaten, die nicht über Nuklearwaffen verfügen, zweifellos erschweren, nukleare Kapazitäten zu erwerben; es ist jedoch schwer einzusehen, warum eine – egal wie drastische – Verringerung der enormen Zahl an amerikanischen und russischen Sprengköpfen allein aufstrebende Nuklearmächte dazu bringen soll, ihre nuklearen Ambitionen aufzugeben. Selbst wenn Amerika und Russland vereinbaren sollten, ihre Arsenale von jeweils 5000-6000 Sprengköpfen auf jeweils 1000 zu reduzieren: Warum sollte dies den Iran hindern, 50-100 Atomsprengköpfe und Abschusssysteme für die Kurzdistanz zu bauen, wenn er meint, dass dies als in seinem nationalen Interesse liegt?
Es besteht ein Risiko, dass, wenn dem Iran die Bombe zugestanden wird, eine unkontrollierbare nukleare Verbreitung folgen könnte. Doch sind seit In-Kraft-Treten des Atomwaffensperrvertrages 1970 erst drei neue Nuklearmächte dazugekommen – Indien, Pakistan und Israel. Hierfür gibt es zwei Gründe. Erstens ist es aufgrund des im Rahmen des Atomwaffensperrvertrages eingerichteten Kontrollsystems sehr schwierig für Nicht-Nuklearstaaten, Atomwaffenkapazitäten zu erwerben. Zweitens hatten die meisten Nicht-Nuklearstaaten keine Probleme damit, unter dem durch das nukleare Duopol der Supermächte existierenden Schutzschild zu leben.
Angesichts der enormen technologischen, wirtschaftlichen und politischen Hürden beim Erwerb von Nuklearwaffen bedarf es sehr konkreter Gründe, damit Staaten die nukleare Route einschlagen wollen – z.B. die Notwendigkeit, sich gegen eine regionale Bedrohung abzusichern, oder das Empfinden, dass eine Supermacht selbst die eigene politische Unabhängigkeit bedroht. Es bestehen also unabhängig vom Atomwaffensperrvertrag große Barrieren gegen die Verbreitung von Atomwaffen. Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass diese fallen würden, wenn der Iran seine eigene Waffe bauen würde.
Es scheint, als ob der Hauptgrund für die Nuklearambitionen des Iran die Furcht vor den USA ist, und weniger vor Israel. Dies ist der Grund, warum die attraktive Idee eines atomwaffenfreien Nahen Ostens, in dem der Iran im Austausch gegen einen ähnlichen Schritt Israels auf Atomwaffen verzichtet, unrealistisch erscheint. Es sind die USA, nicht Israel, die die iranischen Hardliner abschrecken wollen, indem sie Israel als Geisel nehmen. Sie betrachten eigene Atomwaffen als Möglichkeit, das militärische und geopolitische Engagement der USA im Nahen Osten einzuschränken. Sie zählen langfristig auf eine amerikanische Duldung, wie im Falle Indiens.
Wie also wird es weiter gehen? Während ein freiwilliger Verzicht des Iran auf Atomwaffen für den Westen das beste Ergebnis wäre, gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass ein Iran, der über Atomwaffen verfügt, eine Gefahr für die Welt darstellen würde. Statt der Verbreitung von Atomwaffen Tür und Tor zu öffnen; wäre ein wahrscheinlicheres Ergebnis ein „Gleichgewicht des Schreckens“ zwischen Israel und dem Iran, so wie es zwischen Indien und Pakistan besteht.
Falls man dem Iran jedoch gestattet, Atommacht zu werden, so sollte dies im Einvernehmen mit den fünf „legalen“ Atommächten (den USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China) geschehen – das heißt durch eine offizielle Erweiterung des nuklearen Klubs auch um Indien, Pakistan und Israel. Dies wäre der beste Weg, um dem Iran akzeptable Verhaltensregeln aufzuerlegen. Zumindest aber sollten wir uns im Klaren sein, dass eine militärische Intervention die drittbeste (d.h. schlechteste) Alternative ist. Wir könnten dazu getrieben werden, falls die beiden anderen scheitern, doch es wäre vollkommen falsch, sie zum derzeitigen Zeitpunkt in Erwägung zu ziehen.
Robert Skidelsky ist Mitglied des britischen Oberhauses, Professor emeritus für Nationalökonomie an der Warwick University, Verfasser einer preisgekrönten Biografie über den Ökonomen John Maynard Keynes und Mitglied des Verwaltungsrates der Moscow School of Political Studies.
Copyright: Project Syndicate, 2008.
www.project-syndicate.org
Aus dem Englischen von Jan Doolan
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Witcherdamage 02:59 11 Feb 10
Ответ в том что с сегодняшнего дня Иран Уже Ядерная Держава Официонально. Думайте дальше.